«Jedes Kind muss programmieren lernen»

Im Lehrplan 21 nehmen Informationstechnologie und Medien einen grossen Raum ein. ETH-Professor Juraj Hromkovic warnt davor, die Informatik in diesem Paket zu verstecken: Vielmehr brauche sie den Stellenwert eines eigenen Schulfachs.

Programmieren soll Schülern helfen, Probleme selbstständig zu lösen: Informatikunterricht in Affoltern a. Albis.

Programmieren soll Schülern helfen, Probleme selbstständig zu lösen: Informatikunterricht in Affoltern a. Albis. Bild: Simon Tanner

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) und die Medien seien daran, «unseren Alltag so grundsätzlich zu verändern, dass auch allgemeine Bildungsziele einer Wandlung unterliegen», heisst es im Kapitel «ICT und Medien» des Lehrplans 21, der vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Die Potenziale von ICT und Medien sollten in der Schule besser genutzt werden, wird von den Autorinnen und Autoren gefordert, was keine neue Erkenntnis ist. Überraschend ist aber, wie weit der Lehrplan den Begriff ICT und Medien fassen will: von Edutainment über Cybermobbing und Wetterkarte, Manipulation sowie Medien als vierte Gewalt im Staat gehen die Stichworte bis Computer und Datenstruktur.

Für Juraj Hromkovic, Professor für Informationstechnologie und Ausbildung an der ETH Zürich, geht dieser Themenkatalog eindeutig zu weit. Insbesondere wehrt er sich dagegen, dass die Informatik in die bunte Mischung von fächerübergreifenden Inhalten versteckt eingebaut wird: «Informatik muss den gleichen Stellenwert haben wie andere Fächer, idealerweise als eigenes Schulfach.»

Eigene Lösungswege entdecken

Beim Entwurf des Lehrplans 21 sind die Fachleute der ETH bisher nicht beigezogen worden. Das ist erstaunlich, haben Hromkovic und sein Team doch viel Erfahrung mit Informatikunterricht auf der Primarschulstufe. An der ETH besteht ein Ausbildungs- und Beratungszentrum für Informatikunterricht, das nicht nur Lehrkräfte ausbildet, sondern ihnen auch im Klassenzimmer bei der Einführung des Fachs hilft. In etwa 30 Schulhäusern seien die ETH-Mitarbeiter bisher tätig gewesen, am grössten sei die Nachfrage in den Bergkantonen Graubünden und Uri, sagt Hromkovic.

Im Zentrum des Informatikunterrichts im Primarschulalter, wie ihn Hromkovic sieht, steht das Programmieren. Doch: Muss denn jedes Kind programmieren können? Die Antwort des Professors ist klar: «Ja, denn beim Programmieren werden Fähigkeiten geschult, die in keinem anderen Fach in diesem Mass erlernt werden können.» Zwischen dem vierten und dem siebten Schuljahr sollten die Kinder mit einer einfachen Programmiersprache wie der Schulprogrammiersprache Logo lernen, selber Probleme zu lösen. Die Kinder bekommen eine Aufgabe, sie müssen diese verstehen, selbstständig den Lösungsweg entdecken und ihn dann in einer eindeutigen Sprache so formulieren, dass auch der Computer ihn versteht und ausführen kann.

«Das heutige Schulsystem erfüllt nicht die Anforderungen der Zukunft», sagt Juraj Hromkovic. Es reiche nicht, Faktenwissen zu vermitteln, Anleitungen zu geben, wie dieses oder jenes Problem zu lösen sei. Die Schule müsse die Kinder befähigen, selber einem Problem auf den Grund zu kommen, Erfahrungen zu sammeln, die zu Entdeckungen führen, und dazu zu verstehen, wie man die Technik steuert. «Die Klassen, in denen wir unseren Informatikunterricht einführen, sind alle begeistert. Die Kinder haben Erfolgserlebnisse, schwache wie begabte Schüler werden individuell gefördert, die Konzentrationsfähigkeit wird verbessert – und es gibt überhaupt keine Gender-Problematik.»

Eigener Computer ist unnötig

Aber wo ist der praktische Nutzen einer Schulprogrammiersprache wie Logo für den beruflichen Alltag? «Logo hat mit der Praxis wenig zu tun», gesteht Juraj Hromkovic. Wichtig sei, dass die Kinder zum Denken angeregt würden, die Bedienung eines Computers folge sozusagen von selber. «Die Schüler lernen den Einsatz von Powerpoint, wenn sie die Aufgabe haben, eine Präsentation vorzubereiten. Es ist zwecklos, alle Funktionalitäten solcher Programme zu erklären.» ICT-Unterricht, der sich an Bedienungsanleitungen der aktuellen Produkte orientiert, habe sich als «grösstes Eigentor der Informatik» erwiesen, meint Hromkovic. Die Schülerinnen und Schüler würden überhaupt nicht intellektuell gefordert, zudem seien die Systeme so rasch überholt, dass man nicht von Nachhaltigkeit sprechen könne.

Für den ETH-Ausbildungsexperten ist es nicht so wichtig, dass jedes Kind in der Schule seinen eigenen Computer hat. «Vielleicht werden die Laptops bald so billig, dass alle einen mitbringen, aber für den Informatikunterricht genügt ein mobiles Arbeitszimmer pro Schule. Informatik kann man sogar ganz ohne Computer vermitteln.» Skeptisch ist Hromkovic auch, was den Einbezug des Computers als Lehrmittel angeht. Das viel diskutierte E-Learning sei nur dann sinnvoll, wenn sehr gute Lernprogramme, sogenannte Tutorials, angeboten würden: «Die sind aber sehr rar.»

Vor grossen Erwartungen warnt Hromkovic denn auch; E-Learning sei eine Bereicherung, aber kein Ersatz für den konventionellen Unterricht. «Ich kann doch nicht Biologie am Bildschirm unterrichten und den Kindern niemals eine Pflanze in die Hand geben.» Gleiches gilt für das Konzept, den Kindern um jeden Preis die Schule schmackhaft zu machen. «Wenn man eine Stunde ein Spiel programmiert und danach zehn Stunden damit spielt und das Lernen nicht im Vordergrund steht, liegt man falsch.» Lernspiele seien für viele Kinder eher eine Unterforderung als ein Ansporn, das Hirn zu brauchen. Auch für Primarschüler sei es ein Erlebnis, eine Arbeit mit den eigenen Ideen durchzuführen. Der Informatikunterricht, wie ihn die ETH-Fachleute entwickelt haben, erlaubt den Kindern, in ihrem Tempo vorzugehen und das Resultat selber zu überprüfen. Wenn sich die Kinder freuen, weil es geklappt hat, haben sie mehr erlebt, als wenn sie Formeln auswendig gelernt haben, die sie nicht verstehen.

Neues Analphabetentum droht

Dass der Informatikunterricht und damit die Grundfähigkeiten im Programmieren so wichtig sind, hat für Hromkovic gute Gründe. Die Fähigkeit, sich in einer eindeutigen Sprache auszudrücken, sei die Voraussetzung für die gesamte Wissenschaft. Das selbstständige Arbeiten und Überprüfen der Fakten sei viel wichtiger als das Übernehmen fertigen Wissens. Die Sprache des Computers zwingt einen, sich genau auszudrücken, was aber nur geht, wenn man selber verstanden hat, was man sagen will. «Wird das nicht beherrscht, entsteht eine neue Art von Analphabetentum», sagt Hromkovic.

Der Lehrplan 21 könne ein Anfang sein für eine neue Art von Schule, meint der ETH-Professor. Mit dem Kapitel Mathematik und dessen Fokus auf selbstständiges Entdecken ist er glücklich, mit dem Bereich ICT und Medien dagegen noch nicht. Eine klare Trennung zwischen Informatik, ICT und Medienbildung sei erforderlich. Themen wie Cybermobbing hätten mit Informatik nichts zu tun und gehörten zu den ethischen Fächern. «Medienbildung ist eine Geisteswissenschaft.»

Die Abkehr von der Faktenvermittlung zur Denkschulung werde nicht schnell gehen, räumt Juraj Hromkovic ein. Beginnen müsse der Wandel an den Hochschulen, die mehr Wert auf Begriffs- und Konzeptbildung und auf Forschungsmethodik legen müssten. Hromkovic hofft, dass die Schweiz die Chance nutzt, die sich jetzt mit dem neuen Lehrplan eröffnet – und dass im Rahmen eines modernen Informatikunterrichts die Kinder künftig am Computer denken lernen und nicht nur spielen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.07.2013, 18:01 Uhr)

Stichworte

Juraj Hromkovic
Der aus der Slowakei stammende Experte für theoretische Informatik ist seit 2004 als Professor an der ETH für die Ausbildung von Informatiklehrern verantwortlich.

Artikel zum Thema

Hacker spielen mit Finanzdaten

Ihre Ideen sind ambitioniert, aber die Zeit ist äusserst knapp: Eine Gruppe Programmierer schrieb am ersten Berner Hackday Online-Apps im Akkord. Mehr...

Wie IBM die Computerindustrie erfand

Google, Apple und Facebook dominieren die Schlagzeilen. Doch unzählige mittlerweile alltägliche Funktionen verdankt die moderne Gesellschaft IBM. Das Unternehmen wurde am 16. Juni 100 Jahre alt. Mehr...

In der Nerdgarage

Die Zürcher Agentur Feinheit bespielt mit Erfolg und neuen Ideen alle Kanäle von Marketing und Kommunikation. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Werbung

Kommentare

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Zurück in die Wildnis: Einer von rund 40 Igeln, die nach Verletzungen wieder gesund gepflegt worden sind, wartet in den Händen eines Hüters auf seine Freilassung im ungarischen Kecskemet. (24. August 2016)
(Bild: Sandor Ujvari/EPA) Mehr...