«Ohne Informatik keine Forschung»

Der Schweiz fehlen heute schon Zehntausende von IT-Fachkräften, die Studentenzahlen im Fach Informatik sind auf dem Niveau von vor 20 Jahren.

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Herr Hromkovic, wie viele Informatikfachleute fehlen der Schweizer Wirtschaft heute?
Wenn man alle zusammenzählt, also vom PC-Supporter über den Webdesigner bis hin zum ETH-Absolventen, dann fehlen ungefähr 36'000 Fachkräfte.

Nimmt diese Zahl wenigstens ab?
Nein, sie wächst. Wenn wir künftig eine aktive Rolle in der IT-Industrie spielen wollen, dann müssen hier auch neue Firmen entstehen, und die werden eher von Hochschulabsolventen gegründet.

Und davon gibt es nicht genügend?
Die Informatik-Studentenzahlen sind heute wieder auf dem Niveau von vor zwanzig Jahren. Andere Länder sind heute besser aufgestellt, weil sie ihr Bildungswesen schon vor längerer Zeit diesen Anforderungen angepasst haben. Einige haben Informatik als Schulfach vom ersten Jahr an bis zur Matura, deshalb ist das Interesse am Studienfach auch viel grösser. In Polen gibt es beispielsweise pro Informatik-Studienplatz zehn Bewerber. Hier können wir nicht einmal die Hälfte von dem, was wir gerne hätten, erhalten.

Wo wird denn bei uns Informatik als Fach unterrichtet?
Obligatorisch an den allgemeinbildenden Schulen nirgends und an den Gymnasien nur freiwillig. Mitte der Neunziger hat man das Fach dort gestrichen und durch «Anwenderkenntnisse» ersetzt. Das ist etwa, wie wenn sie Maschinenbau abschaffen und denken, es reicht, wenn alle Autofahren können.

Lange wurde das Platzen der Internetblase vor zehn Jahren als Grund für das sinkende Interesse genannt. Doch nun sind Dinge wie Smartphone-Apps im Trend und Firmen wie Google cool. Hilft das nicht?
Das mag so sein, aber deswegen studiert niemand Informatik. Die Jugend sucht im Studium eine Herausforderung, will neue, spannende Dinge erforschen.

Was hat denn die Informatik als Wissenschaft zu bieten?
Die Tiefe des Fachs ist vergleichbar mit jener der Mathematik, und zusätzlich haben viele Gebiete einen direkten Bezug zur Praxis. Wir beschäftigen uns mit den Grenzen des Machbaren in der Informationsverarbeitung. Diese folgt, wie die Physik, klaren Naturgesetzen, die mathematisch beschrieben werden.

Das tönt allerdings weniger attraktiv als etwa neue Medikamente oder Werkstoffe zu entwickeln.
Diese Aufgaben können Sie ohne Informatik nicht lösen. Etwa, um die Struktur und die Reaktionen komplexer dreidimensionaler Moleküle im Computer zu modellieren. Das Wissen der Informatik ist zu einer Voraussetzung für Forschung und Entwicklung in Naturwissenschaft und Technik geworden.

Den Ruhm für diese Forschung ernten aber nicht die Informatiker.
Das ist nicht das Problem, interdisziplinäre Forschungsteams sind heute Standard. Bedauerlich ist, dass die Leute gar nicht wissen, dass und wie viel Informatik da mitspielt.

Sie setzten sich stark für die Informatik als Schulfach ein. Was unternehmen Sie konkret?
Wir entwickeln Unterrichtssequenzen, die wir an Schulen vorführen und ihnen kostenlos zu Verfügung stellen. Das umfasst alle Stufen von Primar- bis zur Gymnasialstufe.

Sie gehen auch selbst in die Schulen.
Ja, wir bieten Blöcke von 16 bis 120 Stunden an, verteilt auf mehrere Wochen oder Monate. Da machen die Kinder und Jugendlichen erste Schritte im Programmieren. Und wir hatten noch nie einen Lehrer, der das nicht anschliessend weiterführen möchte.

Als eigenes Fach?
Nein, da schläft die Schweiz. Doch etwa als Teil des Mathematik-Unterrichts geht das schon. Es gibt sogar erste Schulen, die das nun fest einführen wollen.

Ist Ihr Ziel die Informatik als Schulfach für alle?
Es geht uns nicht darum, aus allen Kindern Informatiker zu machen. Doch die Auseinandersetzung mit dem Thema bringt allen etwas. Programmieren bedeutet, präzise Anweisungen an eine Maschine zu geben. Dabei lernt man sehr gut, sich genau und sauber auszudrücken. Wir leben in einer zunehmend technisierten Welt, die wir je länger, je mehr nur noch nachvollziehen können, wenn wir wenigstens eine Ahnung davon haben, was Programmieren bedeutet.

Alle nutzen die schicksten Gadgets, aber wie diese im Innersten funktionieren, interessiert kaum jemanden. Ist dieses Desinteresse auch ein Wohlstandsproblem?
Vielleicht. Aber immer nur Konsument zu sein, ist doch nicht attraktiv. Und aus wirtschaftlicher Sicht ist das sicher nicht erstrebenswert. Als Land hat man ein Problem, wenn man alles nur noch importiert.

Wie weit unterstützt Sie die Politik und insbesondere die Bildungspolitik in Ihrem Vorhaben?
Das Thema existiert de facto nicht für diese Leute, niemand will darüber reden.

Wir erklären Sie sich das?
Die Gesellschaft und damit auch die Politik hat kaum eine Vorstellung davon, was die Informatik ist und weshalb wir sie brauchen. Ein Grossteil der Industrie war nur daran interessiert, den Schulen ihre Produkte zu verkaufen.

Die IT-Industrie hat eine Lobby, die Informatik aber nicht?
Die Industrie ist mit grosser Verspätung erwacht und setzt sich mit dem Thema auseinander. Die Hasler-Stiftung etwa, die auch unsere Projekte unterstützt, hat eine grosse Bildungsinitiative gestartet. Unser Weg ist es aber, die Veränderung von unten nach oben voranzutreiben. Wir gewinnen eine Schule nach der anderen. Einige Gemeinden in Uri und Graubünden wollen Informatik obligatorisch ohne Widersprüche mit dem geltenden Reglementen an den Primarschulen einführen. So entsteht auch Druck auf die Mittelschulen. Wir hoffen, dass irgendwann ein ganzer Kanton «umkippt» und hier eine Vorreiterrolle übernimmt.

Wie sieht es denn in Zürich aus?
Der Kanton Zürich hat leider keine Führungsrolle bei diesem Thema, das Bildungsdepartement fokussiert immer noch auf den PC-Führerschein.

Bleibt denn genügend Zeit für diesen Weg von unten nach oben?
Das dauert, aber der politische Weg ist noch träger. Und immerhin machen wir so konkrete Fortschritte. Die Unterrichtsmaterialien kommen gut an, die Kinder sind begeistert, und die Lehrer merken, dass sie der Aufgabe gewachsen sind.

Können Lehrer das nebst Frühfremdsprachen, Gesundheitslehre und kultureller Integration auch noch stemmen?
Wir machen auch Kurse für die Lehrer und haben da sehr gute Erfahrungen.

Könnten wir denn überhaupt von heute auf morgen das Schulfach Informatik einführen?
Das würde mir sicher erst einmal schlaflose Nächte bescheren. Immerhin können wir als Einzige in der Schweiz detaillierte Lehrmaterialien liefern. Doch die Ausbildung der Lehrkräfte würde länger dauern und muss eigentlich schon vor einem politischen Entscheid beginnen.

Gibt es grosse Verdrängungsängste zwischen den Fächern?
Schon die Idee, die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer stärker zu fördern, stösst oft auf Widerstand und Ablehnung. Doch in den letzten Jahren wurden diese in der Schweiz klar vernachlässigt, sie machen nur noch ein Viertel bis ein Drittel der Stundenpläneaus. So entsteht unausweichlich ein Überfluss an gewissen Fachleuten und ein Mangel an andern.

Verzweifeln Sie nicht manchmal daran, wie langsam das alles geht?
Das hängt davon ab, wie man die Welt sieht. Enttäuscht ist man nur, wenn man unrealistische Erwartungen hat. Diese Veränderungen werden passieren. Es geht einzig darum, wie schmerzhaft der Übergang sein wird, je länger wir zuwarten, desto schwieriger wird es sein. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.06.2011, 20:06 Uhr)

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Juraj Hromkovic (53) ist Professor für Informationstechnologie und Ausbildung an der ETH Zürich. Er engagiert sich für die Informatik als Schulfach auf allen Stufen.

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