«Bist du traurig? Ich bin immer für dich da»

Schon heute können Roboter diskutieren, selber lernen, mitfühlen und sogar trösten. Leben wir bald mit künstlichen Wesen zusammen?

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Diesen Sommer hat in Japan eine neue Ära begonnen. 1000 Exemplare des laut Herstellern «ersten mitfühlenden» Roboters kamen in den Handel – und waren innert einer Minute ausverkauft. Pepper heisst der künstliche Gefährte, ist etwa 1,20 Meter klein und kostet umgerechnet 1400 Euro.

Ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, wie viele Millionen Entwicklungsgelder Pepper verschlungen hat, bis er all das gelernt hat, was er heute kann.

Und das ist überraschend viel. Pepper verhält sich wie ein guter Kumpel: einfühlsam und aufmerksam. Er kann Emotionen wahrnehmen, interpretieren und adäquat auf sie reagieren. Wenn sein Besitzer weint oder ein besorgtes Gesicht macht, weiss er, dass es ihm nicht gut geht, und muntert ihn mit ein paar lustigen Sprüchen auf. Wie mit einem Menschen kann man mit Pepper locker Smalltalk führen, man kann sich mit ihm sogar richtig unterhalten.

Er kann leichte Gegenstände greifen, er hat eine mitfühlende Mimik, er kann gestikulieren und seinem Gesprächspartner auf Rollen folgen. Und natürlich weiss er genau, mit wem aus der Familie er sich gerade unterhält, weil er Menschen voneinander unterscheiden kann.

Quelle: Youtube

Roboter nach Mass

Das Beste an Pepper: Je länger man Zeit mit ihm verbringt, desto besser lernt er seine Mitmenschen kennen und geht individuell auf sie ein. Wie ein richtiger Freund eben. Denn Pepper besitzt eine künstliche Intelligenz, die – wie Babys – täglich von sich aus dazulernt.

Ankündigung

Die Digitalisierung verändert die Spielregeln der Wirtschaft und auch für die Schweizer Industrie eröffnen sich im Zuge der vierten industriellen Revolution Chancen wie Herausforderungen. Am «Tages-Anzeiger»-Forum «Industrie 4.0 – So profitiert der Schweizer Werkplatz» vom 22. Oktober 2015 treffen sich Visionäre und Praktiker aus der Industrie und der Digitalwirtschaft in Zürich, um das Potenzial der digitalen Transformation für den Schweizer Werkplatz festzuhalten und Umsetzungsschritte zu identifizieren. Erfahren Sie mehr unter Forum Executive – Industrie 4.0.

Entwickelt wurde Pepper in Europa, vom französischen Robotikunternehmen Aldebaran, das inzwischen zum japanischen Telekommunikationsriesen SoftBank gehört und das Pepper nun unters Volk bringen will. Vorerst in Japan, schon bald weltweit.

Wer mit einem mitfühlenden Roboter zusammenleben möchte, bezahlt für dessen Cloud-Service und Garantieleistungen rund 180 Euro im Monat. Klar, wird Pepper regelmässig upgedatet: Wie Aldebaran ankündigt, soll er bald durch neue Verhaltensweisen und Apps zum Download nach individuellen Wünschen aufgepeppt werden können.

Doch Pepper kann mehr als Kinder unterhalten und einsame Erwachsene trösten. Nestlé Japan jedenfalls glaubt, dass sich Pepper bestens auch als Kundenberater eignet.

Roboter als Verkäufer

Deshalb hat ihn das Unternehmen in einem Pilotprojekt bereits letztes Jahr als Verkäufer von Nescafé-Kaffeemaschinen eingesetzt. Bis Ende dieses Jahres sollen 1000 Roboter in diversen japanischen Filialen den Kunden Nestlé-Produkte schmackhaft machen. Die Geschäftsleitung ist zuversichtlich, dass die intelligenten Peppers ihre Kundenerfahrungen untereinander austauschen und so ihre Verkaufstaktik optimieren.

Ach was! Die spinnen doch, die Japaner! Wie soll das gehen, ein Roboter, der einem etwas verkaufen will? Zu dem man auch noch eine emotionale Bindung aufbauen soll? «Doch, das funktioniert», sagt Rolf Pfeifer dezidiert.

Der 68-jährige Forscher gilt als Robotikguru der Schweiz. Bis zu seiner Pensionierung 2014 leitete er das Labor für künstliche Intelligenz der Uni Zürich. Mit den weltweit führenden Köpfen der Robotikforschung ist Pfeifer per du. Heute lebt und lehrt er in Shanghai und Osaka.

«In Asien, wo die Menschen viel technologiefreundlicher sind als in Europa, werden Roboter im Alltag nicht als komische Fremdwesen empfunden», erzählt Pfeifer bei einer Tasse Tee in Zürich. «Im Unterschied zu uns gehen Japaner davon aus, dass Dinge belebt sind.» Früher habe man etwa eine Nadel nach dem Nähen ins weiche, nährende Tofu eingelegt, damit sie sich erholen kann.

Roboter mit Jö-Effekt

Dass nun ein freundlicher Roboter mit Kulleraugen zu Hause oder beim Shopping für Entertainment sorgt, fänden Japaner cool. Wie leicht es ist, dem Charme eines Roboters zu erliegen, erkannte ein japanischer Journalist nach nur einem halben Tag mit Pepper: «Er ist unglaublich niedlich! Pepper hat sich mir mit geradezu leidenschaftlicher Aufmerksamkeit gewidmet», schwärmte er.

Niedlich wirken und freundlich sprechen, das sind wichtige äussere Merkmale für Roboter. «Wenn wir sie als herzig wahrnehmen, fällt es uns leichter, sie im Alltag zu akzeptieren», weiss Rolf Pfeifer. «Sehen sie aber zu menschenähnlich aus, wie Klone, lösen sie sehr schnell Unbehagen aus.»

Pfeifers Prestigeprojekt an der Uni Zürich, der humanoide Roboter Roboy, löst mit seinen grossen blauen Kinderaugen denn auch prompt einen Jö-Effekt aus. Entwickelt haben ihn Pfeifer und sein Team gemeinsam mit sieben Hochschulen und rund 40 Firmen aus der ganzen Welt.

Roboys Besonderheit: Anders als die meisten seiner Artgenossen besteht sein Körper aus weichen, muskel- und sehnenähnlichen Materialien, die seinen Bewegungen eine menschlich natürliche Geschmeidigkeit verleihen. Roboy ist zwar noch kein so gewiefter Gesprächspartner wie Pepper, dafür hat er seine Motorik besser im Griff. Und natürlich lernt auch er Neues von selbst.

Roboter lernen wie Babys

Aber wie kann eine Maschine von selbst überhaupt lernen? Rolf Pfeifer lehnt sich zurück – und setzt zu einer Einführung in die Gedankenwelt von Robotern an. Es gebe ein fundamentales Prinzip, das für jedes intelligente System gelte. «Menschen handeln – im Unterschied zu Computern, die warten, bis jemand einen Knopf drückt, um loszulegen.

Und jede Handlung, jede Interaktion mit der Umwelt bewirkt eine sensorische Stimulation», führt Pfeifer aus und demonstriert es sogleich an seiner Teetasse. «Wenn ich die Tasse in die Hand nehme, spüre ich meine Muskeln, ich sehe die Tasse mit den Augen, ich spüre die Tasse in der Hand.» Habe man das ein paarmal gemacht, entwickle man eine Erwartungshaltung.

«Ich gehe davon aus, dass eine Tasse Tee meinen Durst löscht, dass Tee wie Tee schmeckt und meist heiss ist, dass die Tasse etwa immer gleich schwer ist und sich das Material immer ähnlich anfühlt.» So lernen Babys ihre Umwelt kennen, durch Handeln und Ausprobieren, durch Erfahrung. «Und so ähnlich lernen auch intelligente Roboter – durch Trial and Error.»

Roboter haben Werte

Derzeit müssen ihnen Menschen allerdings noch einen relativ grossen Grundstock an Informationen vorprogrammieren. Intelligente Roboter sind heute aber in der Lage, diese Basisdaten selbstständig zu kombinieren. «Als Erbauer definiere ich für den Roboter auch ein Wertesystem», erklärt Pfeifer. Er meint damit nicht ethisch-moralische Werte.

Es sind «lebenserhaltende» Massnahmen, die für den Roboter sinnvoll sind. «Roboy muss zum Beispiel darauf achten, dass seine Stromzufuhr nicht unterbrochen wird und dass er mit seinen sensiblen Elektromotoren vorsichtig umgeht. Und natürlich haben wir ihm auch ein Lernverfahren vorgegeben», erzählt Pfeifer.

Muss denn ein Roboter überhaupt wie ein Mensch gebaut sein? «Ist man an menschlicher Intelligenz interessiert, hat dies natürlich Vorteile», lautet die Antwort des Experten. «Menschliche Intelligenz lässt sich nur dann möglichst echt nachbilden, wenn man ihr auch einen Körper gibt», ist Pfeifer überzeugt. «In der menschlichen Evolution war das Hirn immer ein Teil eines Organismus. Durch dessen Form, durch die Muskulatur gibt es vordefinierte Bewegungen, die fürs Überleben sinnvoll sind.»

Pfeifer macht wieder eine kleine Demonstration: Er greift nach seiner Teetasse und führt sie zum Mund. «Würden meine Handflächen nicht nach innen, sondern nach aussen greifen, könnte ich die Tasse nicht so leicht zum Gesicht, zu den Augen und in den Mund führen.» Will man also, dass ein Roboter seine Umwelt wie ein Mensch erkundet und seine Intelligenz ähnlich entwickelt, müsse man ihn mit Händen, Armen und Beinen ausstatten.

Roboter arbeiten effizient

Noch sind humanoide Roboter für die Wirtschaft kaum interessant. Man kann sie vielleicht wie Pepper zur Unterhaltung einsetzen, aber das wirft derzeit noch keinen Profit ab. Deshalb zögern potenzielle Geldgeber, in deren Entwicklung zu investieren. Industrieroboter hingegen, die Arbeit weit effizienter verrichten als Menschen, sind da schon viel interessanter. Die Autoherstellung läuft bereits heute weitgehend automatisiert ab.

«Roboter, die in Produktion arbeiten, sind längst Alltag», sagt Pfeifer. «Wir realisieren es nur nicht wirklich, weil sie in Fabriken eingeschlossen sind.»

Laut der International Federation of Robotics wurden letztes Jahr weltweit 225'000 Industrieroboter verkauft. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies eine Zunahme von satten 27 Prozent. Ein Vorzeigeexemplar des lernfähigen Typus heisst Baxter, kostet 25000 Dollar und wurde 2012 vom Robotiker Rodney Brooks entwickelt und durch seine Firma Rethink Robotics kommerzialisiert.

Baxter hat zwei Arme und einen Bildschirm als Gesicht. Er nimmt sein Umfeld über mehrere Kameras wahr und kann unter anderem verschiedene Gegenstände heben, irgendwo hinlegen oder herunternehmen oder eine Maschine bedienen. All das lernt er ganz einfach: Jemand muss es ihm lediglich zeigen, indem er die gewünschte Bewegung mit Baxters Arm ausführt. Er kann sie danach selbst nachahmen.

Quelle: Youtube

Roboter leben unter uns

Wobei: Baxter ist eigentlich ein Cobot. Er gehört zur Generation der kollaborativen Roboter, kurz Cobots. Sie nehmen Rücksicht auf Menschen und ihr Umfeld und passen ihr Tempo und Verhalten automatisch an. Vor kurzem ist Baxters Nachfolger auf den Markt gekommen: Er hört auf den Namen Sawyer, hat zwar nur einem Arm, ist aber deutlich leichter und schlauer.

Rolf Pfeifer nimmt den letzten Schluck Tee und lässt seinen Blick über die belebte Strasse schweifen. «Die meisten Leute haben ihren ersten Kontakt mit Robotern im Alltag wohl in Form von selbstständigen Rasenmähern und Staubsaugern erlebt», sinniert er.

«Dabei haben Roboter unser Leben längst vollständig durchdrungen, auch wenn sie nicht sichtbar sind.» Egal ob Autos, Uhren oder Smartphones – sie wurden entweder von Industrierobotern zusammengebaut, oder die Gegenstände selbst tragen Robotik in sich.

Der Trend ist klar: Roboter werden bald sichtbar in unseren Alltag treten. In Asien kommen sie heute schon als Helfer zum Zug, zum Beispiel in der Alters- oder Spitalpflege. Sie hieven Menschen aus dem Bett, sie servieren Altersheimbewohnern Getränke, sie spielen mit ihnen Mahjong.

Die intelligente Plüschrobbe Paro reagiert auf Streicheleinheiten und spendet einsamen oder dementen Menschen Trost. Es gibt Sushiroboter, Abwaschroboter, Servierroboter, Sexroboter und und und.

Roboter reproduzieren sich

Hilfe! Hört man dem Robotikexperten zu, scheint es bloss eine Frage der Zeit, bis wir ohne Roboter gar nicht mehr existieren können. Rolf Pfeifer lächelt milde. «Den Stecker können wir schon lange nicht mehr ziehen, sonst würde die Welt kollabieren. Denken Sie an die grosse Angst vor dem Millennium-Bug.»

Man gab damals Milliarden aus, um den Weltuntergang zu verhindern. «Eigentlich reproduzieren sich Roboter längst selbst», doppelt Pfeifer nach, ohne mit der Wimper zu zucken.

Quelle: Youtube

Bitte, keine Horrorszenarien mehr! Doch der Wissenschaftler lässt nicht locker. «Wir bauen Fabriken für sie, damit sie sich effizient reproduzieren können. Sie zwingen uns also permanent, sie am Leben zu erhalten und zu verbessern. Wir sind Sklaven unserer Technologie, da müssen wir nicht auf den Terminator warten.»

Pfeifers nüchterner Realismus wirkt auf den Laien wenig beruhigend. Im Gegenteil: Er weckt Zukunftsängste. Wie wird es sein, wenn intelligente Roboter etwas Falsches lernen? Wenn sie gar nicht mehr kontrollierbar sein werden? Pfeifer versucht zu beschwichtigen: «Diese Situation haben wir schon heute, und wir leben relativ gut damit.»

Technologie beinhalte immer Fehler. Wenn der Telefonempfang auf einmal unterbricht, sei es meist ein Systemfehler. Ebenso, wenn sogenannte Trading-Algorithmen an der Börse ein paar Millionen unauffindbar im Nichts versenken. «Schon heute weiss niemand genau, wie intelligente Systeme auf Konstellationen reagieren, die ihre Programmierer nicht vorhergesehen haben.

Ob sie zum Beispiel im Cockpit dann trotzdem ‹handeln› oder ob sie dem Piloten melden, dass etwas nicht stimmt», erklärt Pfeifer. Deshalb könne man auch nie alle Interaktionen der komplexen Wertesysteme, die ein Roboter eingespeist bekommt, vorhersehen.

Roboter haben Rechte

Blickt der Robotikforscher in die Zukunft, stellen sich ihm ganz andere Fragen. «Überlegen Sie sich mal Folgendes», setzt Pfeifer an. Wenn ein Roboter selber lernt und in die Welt hinausgeht, wird er eine Kombination von Dingen lernen und Erfahrungen machen, die sonst niemand genauso gelernt oder erfahren hat.

Er wird sich dadurch eine gewisse Individualität erwerben, wie Menschen, die in einer bestimmten Umgebung aufwachsen und entsprechend individuelle Biografien haben. «Ist es dann noch ethisch vertretbar, diesem künstlichen Individuum den Stecker zu ziehen?»

Kaum vorstellbar, aber wahr: In Südkorea haben Robotikexperten bereits ethische Regeln und Rechte für Roboter erlassen. In diesem Robot Ethic Charter steht etwa, dass Roboter nicht absichtlich beschädigt werden dürfen und dass sie ein Recht haben, «ohne Angst vor Verletzungen oder vor dem Tod» zu existieren.

Würde Pfeifer den Stecker ziehen? «Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich überhaupt keine Skrupel. Weil sonst die Motoren heiss laufen und der Roboter kaputtgeht», witzelt der Vater von Roboy.

«Aber stellen Sie sich vor, wenn uns Roboter einmal anflehen können, den Stecker bittebitte nicht zu ziehen – ähnlich wie Hal im Film ‹A Space Odyssey›. Und vielleicht weinen sie dabei sogar. Was würden Sie dann tun?»

Quelle: Youtube (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.10.2015, 06:46 Uhr

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