MP3 ist noch nicht ganz vorbei

Das legendäre Audioformat hat fast, aber noch nicht ganz ausgedient.

Ohne MP3 würden wir noch damit hantieren.

Ohne MP3 würden wir noch damit hantieren. Bild: Steve Maw/Flickr.com: tape, what's that then? (CC BY-ND 2.0)

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Das MP3-Format war nicht der einzige, aber ein wichtiger Treiber der digitalen Musikrevolution. Nun haben es diverse Medien diese Woche für tot erklärt. Verursacht hat diese medialen Nachrufe die Erfinderin des Musikformats, das Fraunhofer-Institut in Erlangen. Es hat über das Ende des Lizenzprogramms informiert. Es werde nach 25 Jahren eingestellt, «nachdem in den USA letzte Patente ausgelaufen sind».

Allerdings haben manche Medien die Mitteilung falsch interpretiert: Das Ende des Linzenzprogramms bedeutet nicht, dass Hersteller von Musikprogrammen und Audioplayern das MP3-Format nicht mehr verwenden dürfen. Im Gegenteil, sie können das nun tun, ohne Lizenzgebühren entrichten zu müssen. Karlheinz Brandenburg, der das Format mitentwickelt hat, rechnet infolgedessen nicht damit, dass seine Kreation so bald verschwindet: «Gerade jetzt, wenn es nichts mehr kostet: Darauf zu verzichten, wäre einigermassen dumm von denen», hat er futurezone.at gesagt.

Trotzdem ist MP3 heute vor allem noch eine Brücke in die Vergangenheit. Die Wiedergabeprogramme müssen es weiterhin unterstützen, damit der enorme MP3-Audiofundus der letzten 25 Jahre weiterhin abspielbar bleibt.

Von der Entwicklung überholt

Doch abseits der Archive gibt es längst bessere Musikformate. Daraus macht auch das Fraunhofer-Institut keinen Hehl: Die modernen Verfahren bieten «erweiterte Einstellungsmöglichkeiten und eine bessere Audioqualität bei viel geringeren Bitraten».

Es wird somit kein schnelles Ende, sondern einen langsamen Abschied geben. Und es ist wahrscheinlich, dass MP3 das Synonym für digitale Musikdateien bleiben wird, selbst wenn effektiv viel modernere Formate (siehe Kasten) zum Einsatz kommen. Sie sind nur den Technikfreaks ein Begriff.

MP3 seinerseits weckt nostalgische Erinnerungen bei denen, welche die Musikrevolution miterlebt haben – und sei es auch nur am Rand gewesen: der erste Versuch, bei Napster oder einem der anderen Tauschbörsenprogramme wie Gnutella und Bearshare einen Song herunterzuladen. Der erste iPod. Und natürlich die endlosen Diskussionen darüber, ob man nun zur Avantgarde gehörte oder ein stilloser Ignorant war, wenn man MP3-Player benutzt hat.

Fortschritt oder Sakrileg?

Das war schon damals mehr eine Glaubensfrage als eine Sache des Klangs. Doppelblind-Hörtests haben schon vor Jahren ergeben, dass zumindest bei höheren Bitraten MP3-Dateien nicht von einer unkomprimierten CD-Wiedergabe unterscheidbar sind. Doch die Methode von MP3 zur Verringerung der Dateigrösse blieb vielen suspekt: Sie basiert auf der Psychoakustik und eliminiert jene Töne, die fürs menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind.

Hier wurde jener Teil des Songs «Tom’s Diner» hörbar gemacht, der vom MP3-Algorithmus zum Verschwinden gebracht wird.

Die Entwicklung seither hat Algorithmen hervorgebracht, die effizienter arbeiten als MP3. Auch lässt sich Musik heute «hochauflösend» geniessen: in einer Tonqualität, die weit über diejenige der Audio-CD hinausgeht. Neue Hörerlebnisse hat uns die Technik nicht gebracht. Dabei hat MP3-Erfinder Brandenburg durchaus Vorstellungen, wie sich die Zukunft anhören könnte. In einem Interview mit «Die Welt» hat er sie beschrieben. Instrumente und Stimmen sollen separat, als «Objekte» aufgenommen werden: «Intelligente Abspielgeräte werden diese Objekte an beliebige Stellen im Raum zaubern können.» Das Wohnzimmer wird akustisch komplett wandelbar und klingt mal nach Club und mal nach Konzertsaal.

Ein anderer Teil der Musikrevolution: Der iPod, der vor kurzem den 15. Geburtstag feierte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2017, 08:12 Uhr

Die Nachfolger von MP3

Die modernen Musikformate


  • AAC ist der Nachfolger von MP3. Das Format verwendet diverse Dateierweiterungen (.mp4, .aac, .m4a, etc.) und ist deutlich effizienter. Es unterstützt Raumklang. Nachteil: Softwarehersteller benötigen eine Lizenz, was die Verwendung in Gratis-Apps und -Programmen erschwert.

  • Ogg Vorbis (.ogg) ist frei von Patenten und wird von den Vertretern freier Software bevorzugt verwendet. Ausserhalb dieses Bereichs ist es vergleichsweise ungebräuchlich. Ausnahme: Spotify streamt in Ogg.

  • Flac benutzt keine verlustbehaftete Komprimierung, sondern speichert Musik ohne Qualitätseinbusse. Das offene Format eignet sich für Musiksammlungen in maximaler Qualität, bei allerdings recht grossen Dateien. (schü.)

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