Wenn der Computer die Löcher im Drehbuch stopft

Entweder sind Rechner und Netzwerke omnipotent oder leicht durchschaubar – realistisch werden sie im Film selten gezeigt.

«Es tut mir leid, Dave, aber das kann ich nicht tun»: In «2001: A Space Odyssey» verweigert sich der Computer freundlich, aber bestimmt. Foto: The Kobal Collection

«Es tut mir leid, Dave, aber das kann ich nicht tun»: In «2001: A Space Odyssey» verweigert sich der Computer freundlich, aber bestimmt. Foto: The Kobal Collection

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Auf der Kinoleinwand und am Fernsehbildschirm bekommen wir nicht nur 50 Schattierungen der Wahrheit, sondern den ganzen Regenbogen an Realitätsnähe geboten. Wir vergnügen uns nicht nur mit hyperrealistischen Dramen, sondern tauchen auch in Fantasiewelten ab, die von A bis Z erfunden sind. Und wenn der Autor es für nötig hält, biegt er sich auch die Naturgesetze zurecht.

Doch ein Requisit bekommen die Filmemacher selten überzeugend hin: den Computer – und in neueren Produktionen auch das Smartphone. Die digitalen Helfer sind oft unglaubwürdige Komparsen. Sie sehen nicht immer so aus wie die Geräte, die wir aus unserem Leben kennen. Und sie verhalten sich untypisch, feindselig und sogar mörderisch. Wie HAL 9000, der neurotische Com­puter aus Arthur C. Clarkes Weltraumepos «2001», dessen rotes Auge annähernd unheimlich glimmt wie das von Sauron in «Lord of the Rings». HAL ist lernfähig, beeinflussbar und geprägt von seiner Umwelt. So wie es die Computer bald alle sein werden, falls die künstliche Intelligenz weiter solche Fortschritte macht.

Filmcomputer als Projektionsfläche für Ängste

Natürlich, als der Film 1968 in die Kinos kam, hatten die meisten Zuschauer keine eigenen Erfahrungen mit Computern. Die Maschine war ein Blanko­check für den Drehbuchautor, eine Projektionsfläche für Ängste des Publikums. Heute, da wir Smartphone-Besitzer uns mit begriffsstutzigen Digital­wesen wie Siri herumschlagen, rücken derlei Bedrohungen in weite Ferne. Denn wie soll eine künstliche Entität eine ganze Raumschiffcrew auslöschen, wenn Siri noch nicht einmal einen Witz auf ihre Kosten richtig versteht?

Den Fernsehzuschauern des letzten Jahrhunderts wurden die «Elektronenhirne» auch gern als allwissender Diener des Menschen präsentiert. Eindrücklich die Szene aus der «Star Trek»-Folge «Epigonen», als Captain Kirk seinen Wissenschaftsoffizier Spock aufforderte, «mithilfe der Soziologie-Computer» eine ­Lösung zu finden. Die Menschen des 20. Jahrhunderts werden sich ein Schmunzeln nicht verkneifen können. Sie haben zu viele Abstürze und Hänger ihrer Windows-PCs miterlebt, um einem Computer dieses Kunststück zuzutrauen.

Google wird «FindHund», Facebook «Spacehorst»

Doch auch in der Neuzeit sind die Computer in Filmen und Fernsehsendungen oft ein Grund für Verblüffung. Häufig kommen seltsame Fantasie-Benutzeroberflächen und Webdienste mit erfundenen Namen zum Einsatz. Die Suchmaschine in der ARD-Soap «Lindenstrasse» heisst nicht Google, sondern «FindHund» und das soziale Netzwerk «Spacehorst» anstelle von Facebook. Ähnlich handhaben das auch andere öffentlich-rechtliche Produktionen. Der «Stern» hat das als scheinheilig kritisiert: Da werde im baden-württembergischen «Tatort» ein soziales Netzwerk als «Stutt.net» bezeichnet, doch der Kriminalhauptkommissar Thorsten Lannert fahre dann doch einen schokobraunen Porsche 911 Targa und kein pseudonymes Fantasieauto.

Ein Blogger beim «Westdeutschen Rundfunk» hält dagegen: Man setze sich der Gefahr der Schleichwerbung aus, würde man Original-Websites und Betriebssysteme zeigen. Ausserdem spiele auch die Angst eine Rolle, «dass ein Opfer zum Beispiel unter Windows gehackt wird und deshalb eine Klage von Microsoft ins Haus flattert». Allerdings werden die Filmemacher auch nicht verklagt, wenn im Krimi das Opfer von einer Strassenbahn überfahren wird oder die Post eine Briefbombe zustellt.

Risiken beim Dreh mit Software

Der auf Recht im digitalen Raum spezialisierte Anwalt Martin Steiger hält die Gefahr aber für real. Eine Klage wegen unlauteren Wettbewerbs könnte auch in der Schweiz Erfolg haben. «So verbietet das Lauterkeitsrecht unter anderem die Herabsetzung durch unrichtige, irreführende oder unnötige verletzende Äusserungen.» Auch das Urheberrecht an der grafischen Oberfläche müsse beachtet werden. «Doch echte Hacker, die Bash verwenden, lösen dieses Problem von selbst!», sagt Steiger. Bash ist eine Befehlszeile, die als freie Software zur ­Verfügung steht und auch im Fernsehen gezeigt werden darf.

Die Filmemacher – die nach den Erfordernissen des Drehbuchs auch Explosionen, Feuersbrünste und wilde Tiere im Griff haben – fürchten sich davor, dass sich eine Software beim Dreh nicht so verhält, wie es das Drehbuch vorgesehen hat. Und tatsächlich ist es deutlich einfacher, eine «Fake-Oberfläche» zu schaffen, statt sich ein Betriebssystem, einen Facebook-Account oder eine ­Google-Suche zurechtzukonfigurieren. Mit echter Software zu drehen, ist ein unkalkulierbares Risiko.

Das Experiment der «Modern Family»

Das haben die Macher des Films «Unfriended» (in Deutsch «Unknown User») festgestellt. Bei diesem Horrorfilm aus dem Jahr 2014 spielt sich die ganze Handlung auf dem Bildschirm der Schülerin Blaire Lily ab. Sie hantiert mit echten Programmen: Skype, iMessage, Youtube und verwendet die halb­seidene Exhibitionismus-Plattform Chatroulette. Der «Found Footage»-Film lebt davon, dass die Programme vertraut sind und die Ausgangssituation mit den Gruppenchats vollkommen alltäglich wirkt.

Da Skype-Verbindungen im richtigen Leben unter Aussetzern und Verzögerungen leiden, haben die Filmemacher die Programme lieber komplett nachgebaut. Der Computer als Requisit macht auch die Übersetzung der Oberfläche für andere Sprachversionen des Films überhaupt möglich. Die Sitcom «Modern Family» hat 2015 das Experiment unternommen, die Ereignisse der Folge «Connection Lost» nur über den Bildschirm von Claire zu zeigen, die ihre ­Familie mittels iMessage und Facetime organisiert. Die Folge wurde mit iPhones und iPads gedreht, was den Machern den Vorwurf von Product Placement eingetragen hat. Immerhin war diese Produktion fast authentisch – mit einer Ausnahme. Kameraleute haben den Schauspielern ihre Telefone und Tablets gehalten, damit der Bildausschnitt stimmt.

Hollywoods Begeisterung für Apple-Produkte

Doch auch heute gibt es sie noch, die omnipotenten Computersysteme, die es den Drehbuchautoren erlauben, auch die dicksten Löcher in ihrer Story per Technologie zu stopfen. In «CSI» werden schummrige Überwachungskamerabilder von magischen Algorithmen scharf gerechnet, und in «24» zapft Jack Bauer innert Sekunden jegliche Kameras und Satelliten an. Das ist heldenhafte Überhöhung. Und es spielt mit der Angst des Zuschauers, der staatlichen Überwachungsmaschinerie ausgeliefert zu sein.

Schliesslich werden Betriebssysteme und Computer auch des Spektakels wegen neu erfunden. Tom Cruise, in «Minority Report» mit ausladenden Gesten Computersysteme steuernd, ist eindrücklicher als ein normaler Bildschirmarbeiter. Ähnlich schön gestikuliert Keanu Reeves in «Johnny Mnemonic», und die Brille, die er dazu trägt, erinnert an moderne VR-Brillen. Der Schöpfer der Technik von «Minority Report», John Underkoffler, entwickelt seit 2006 Systeme für Konferenzräume, die sehr an den Film erinnern und für die der Streifen eine Art Prototyp war.

Eines ist klar: In Sachen Computer hat Hollywood eine überzogene Begeisterung für Apple-Produkte entwickelt. Die Website Starringthecomputer.com listet akribisch auf, in welchen Filmen welche Computermodelle einen Auftritt hatten, und Apple führt mit grossem Vorsprung. In «24» können aufmerksame Beobachter sogar die Guten von den Bösen unterscheiden, wenn sie auf die Computer achten: Die Guten brauchen Macs, die Bösen Windows-PCs. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2017, 18:06 Uhr

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