«Mobiltelefone werden schon bald unterschiedlicher aussehen»

Der Schweizer Designer Claude Zellweger hat den E-Reader Kindle mitentworfen und ihm zum Durchbruch verholfen. Als Designchef von HTC muss er den Erfolg wiederholen.

Ohne Kabel geht es nicht: Die HTC Vive im Einsatz.

Ohne Kabel geht es nicht: Die HTC Vive im Einsatz. Bild: Thomas Egli

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Mit dem Kindle haben Sie als Designer dazu beigetragen, elektrisches Lesen populär zu machen, nun versuchen Sie dasselbe mit virtueller Realität. Gibt es da Parallelen?
Die Herausforderung bleibt dieselbe: Jeder technologische Paradigmenwechsel macht neue soziale Normen nötig. Das E-Book führte zu einem ganz neuen Leseverhalten. Man konnte ja nicht mal mehr blättern. Um das richtig hinzukriegen, braucht es ganz viele Benutzertests. Man muss sich Situationen überlegen, die es so noch gar nicht gibt. Man kann Leute nicht einfach fragen, wie sie es benutzen oder benutzen wollen, da es das Gerät noch gar nicht gibt. Genauso ist es bei virtueller Realität. Wir machten ganz viele Prototypen und entwickelten die immer weiter und weiter. Bis wir die richtige Lösung gefunden hatten.

Die gefundene Lösung heisst HTC Vive. Wenn ich mir die Brille anschaue, erinnert sie mich an eine Spinne mit vielen Augen. Sie zielen damit offensichtlich auf Gamer als Kunden?
Bei der HTC Vive war es unser Ziel, Technologie nicht zu verstecken, sondern die Hauptrolle spielen zu lassen. Etwa beim Laser-Tracking sind wir der Konkurrenz voraus. Damit das funktioniert, müssen die Sensoren aber sichtbar sein. Deshalb haben wir das Gerät darum herum designt. Das Design feiert sozusagen diesen technologischen Vorsprung. Das gibt dem Ganzen diesen professionellen, militärischen Look. Wir haben die Brille also nicht speziell für Gamer entwickelt, aber die ersten Nutzer werden sicher Gamer und Early-Adobter sein. Der Massenmarkt folgt dann später.

Wenn wir von Massenmarkt sprechen, müssen wir von Apple sprechen. Die Firma hat ein Talent, Technologie modisch zu verpacken. Wie könnte so eine Brille denn von Apple aussehen?
(lacht) Wie eine Sonnenbrille von Marc Newson (dem Designer, der seit 2014 für Apple etwa an der Apple Watch arbeitet. Anm. d. Red.). Ich denke das ist ihre Strategie. Warten bis die nötigen Bauteile klein genug sind, dass sie in eine normale Brille passen. Damit sähe man dann auch nicht mehr blöd aus.

Bei Fotokameras diktieren physikalische Gesetze etwa die Grösse von Objektiven. Je nach Sensorgrösse kann ein Objektiv einfach nicht kleiner sein. Ist das bei Virtual-Reality-Brillen ähnlich?
Physik spielt eine grosse Rolle. Aber schlussendlich braucht es hier einfach das Auge und einen Bildschirm. Alles andere, etwa die Sensoren für das Bewegungs-Tracking, kann gut versteckt werden. Aber das ist alles Zukunftsmusik.

Das Kabel, das ihre Brille mit dem PC verbindet und ein Stolperrisiko ist, wird dann wohl auch verschwinden?
Wir schauen uns auch kabellose Varianten an, aber da müssen wir Stand heute Abstriche bei der Qualität machen. Darum werden wir uns auf jeden Fall fürs Erste mit dem Kabel abfinden müssen.

Wenn Sie Abstriche bei der Qualität in Kauf nehmen und heute eine möglichst massentaugliche Variante einer Virtual-Reality-Brille machen müssten, wie würde die aussehen?
Das Wichtigste ist immer, Hürden abzubauen. Man muss es den Leuten so einfach wie möglich machen, wenn man etwas massentauglich machen möchte. Die Hauptfaktoren sind dabei sicher Preis und soziale Akzeptanz. Dann braucht es auch ein sehr breites Inhaltsangebot. Also etwas für jeden. Gerade Reiseberichte spielen da eine wichtige Rolle. Wichtiger noch als Games. Auch Sportinhalte sind sehr wichtig.

Und beim Gerät selbst? Ich habe die mobile Brille von Samsung im vollbesetzten Pendlerzug ausprobiert, und es war unangenehm (Das Zugabteil wird zum Kinosaal). Wie könnte man das verbessern?
Die neuste Version unserer Brille hat eine Kamera. So bekommt man mit, was um einen herum passiert, und ist nicht mehr abgekoppelt. Die grösste Designherausforderung ist aktuell aber die Grösse, die so eine Brille haben muss. Damit fällt man in der Öffentlichkeit unweigerlich auf. Da müssen wir uns wohl daran gewöhnen. So wie wir einst dachten, jeder mit einem Mobiltelefon ist ein Börsenhändler oder Drogendealer, werden wir uns auch an diese Brillen im Alltag gewöhnen.

Welche Rolle spielt denn die Farbe? Persönlich finde ich die weisse Variante der Samsung-Brille tragbarer als die schwarze.
Da werden wir in Zukunft noch viel mehr Varianten sehen. Dank Farben können Leute leichter eine Beziehung zu einem Gerät aufbauen.

Bereits eine innige Beziehnung haben viele Leute mit ihrem Smartphone. Wie war es für Sie, als es nach der Präsentation ihres letzten Smartphones, des One A9, überall hiess, HTC hat das iPhone nachgebaut?
Eigentlich schaut das iPhone ja mehr aus, wie ein HTC-Handy als umgekehrt. Aber klar, sobald Apple etwas vorstellt, haben sie es in der Wahrnehmung vieler Leute auch gleich erfunden. Mit dem A9 haben wir eigentlich nur das etablierte Design des M9 genommen und die gewölbte Rückseite flach gemacht.

Trotzdem kann sich kaum jemand bei HTC über die Reaktionen gefreut haben. Haben Sie sich anschliessend gesagt, das nächste Mal machen wir das lieber anders?
Wir haben diese Reaktionen erwartet. Aber wir waren uns auch sicher, das Richtige zu tun. Darum haben wir das Telefon so auf den Markt gebracht.

Wenn man sich heutige Smartphones anschaut, sehen sie alle ziemlich ähnlich aus: Ist das dominante Design gefunden, oder tut sich da noch was?
Da der Smartphonemarkt ein Niveau erreicht hat, beobachten wir eine Handymüdigkeit bei den Kunden. Kommt dazu, dass es bei Formen und Materialien seit Jahren eigentlich keine Neuigkeiten gibt. Ohne über konkrete Produkte zu sprechen, habe ich das Gefühl, das wird sich wieder ändern. Ich glaube Mobiltelefone werden schon bald wieder unterschiedlicher aussehen.

Was meinen Sie mit unterschiedlicher? Einfach andere Materialien, aber weiterhin ein flacher Klotz mit Bildschirm, oder werden wir ganz neue Designs sehen? Die Rede ist ja immer wieder von faltbaren Bildschirmen.
Da kommt in den nächsten Jahren einiges auf uns zu. Solche neuartigen Geräte werden dann zwar prominent beworben. Aber bei den bestverkauften wird sich die Form kaum verändern. Das heutige Smartphone ist so ein Multitalent.

Sprechen wir zum Schluss noch über Uhren. Sie tragen aktuell keine. Könnten Sie sich vorstellen, eine Smartwatch zu tragen?
Ich trage beim Sport eine GPS-Uhr. Die macht genau, was ich will, und ich bin sehr zufrieden damit. Smartwatches dagegen haben ein bisschen von allem, und das Nutzererlebnis wirkt nicht komplett. Darum braucht es seine Zeit, bis sich die Smartwatch durchsetzt. Aber inzwischen ist es immerhin schon einmal sozial akzeptabel, wenn man eine trägt. Selbst im Silicon Valley wurde man anfangs mit einer Android-Wear-Uhr fast so schräg angeschaut, wie wenn man eine Google-Glass-Brille aufhatte.

Wieso hat sich das geändert?
Da muss man Apple gratulieren. Sie haben eine schöne Smartwatch gemacht, die man auch einfach als Uhr tragen kann. Ich kenne viele Leute, die sie nur nutzen, um die Zeit abzulesen.

Was macht die Apple Watch denn so einzigartig?
Ihre Detailverliebtheit. Strenggenommen haben sie ja einfach die Ikepod von Marc Newson recycliert. Aber was solls. Mir hat die Ikepod-Uhr schon immer gefallen. Sie ist ein bisschen retro.

Sie erinnert an die ersten Digitaluhren von Schweizer Marken aus den 70ern.
Genau. Da hat er sich inspirieren lassen. Aber was die Apple Watch auch von der Konkurrenz abhebt, sind die Armbänder. Da haben sie sich wirklich selbst übertroffen.

Werden andere Hersteller nachziehen? Sehen Sie da Verbesserungen?
Es ist nicht einfach. Der Fitnesstracker-Spezialist Fitbit etwa macht jetzt Armbänder mit immer grösseren Bildschirmen und mehr Funktionen. Ich glaube nicht, dass jemand ein grosses Fitbit möchte.

Geht mir genauso. Ich habe ein kleines Fitbit. Das reicht völlig. Ich wüsste nicht, wozu ich ein grosses brauche.
Exakt. So kann man dazu sogar eine Rolex tragen.

Letzte Frage: Wird es HTC in zwei Jahren als eigenständige Marke noch geben?
Sicher. Sogar noch stärker. Dank der Zusammenarbeit mit dem Game-Publisher Valve bei virtueller Realität und mit dem amerikanischen Sportartikelhersteller Under Armour bei Fitnesstrackern geht es aufwärts. Sie sollten Aktien kaufen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.02.2016, 08:56 Uhr)

Claude Zellweger: Der gebürtige Luzerner arbeitet seit 2001 für die Designagentur One & Co in San Francisco. Zu den Kunden gehörten Nike, Amazon, Facebook, Google oder Microsoft. 2008 wurde die Firma vom taiwanesischen Handykonzern HTC aufgekauft. Das Unternehmen will noch dieses Jahr mit der HTC Vive eine der vielversprechendsten Virtual-Reality-Brillen auf den Markt bringen. Claude Zellweger lebt in San Francisco.
(Bild: Thomas Egli)

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