Digital

Die Kamera, die Fotografen zu Filmern macht

Von Christian Bütikofer. Aktualisiert am 02.03.2009

Profikameras erlauben Videoaufnahmen in hoher Filmqualität. Das wird die Film- und Fotografiebranche radikal verändern.

Canons EOS 5D MK II

Canons EOS 5D MK II

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Keine digitale Spiegelreflexkamera sorgt momentan für mehr Gesprächstoff in Fotografenkreisen als die EOS 5D MK II von Canon. Ihr Hauptzweck ist nach wie vor, gestochen scharfe Fotos zu ermöglichen – das macht sie laut diversen Fachmagazinen hervorragend. Sie ist aber die erste Profikamera, die obendrein auch Filme in der höchsten High-Definition-Auflösung (HD, 1080p) aufnimmt. Dank dem integrierten Vollformatchip ermöglicht sie Aufnahmen wie fast bei einem Spielfilm (35-mm-Film).

Die Filmfunktion ist unscheinbar in der Kamera untergebracht, Canon Schweiz macht über deren Filmfähigkeiten kein grosses Aufheben. Dabei hat diese Funktion das Potenzial, zwei Branchen radikal umzukrempeln, Filmemacher ebenso wie klassische Fotografen.

Web fördert Hybridkameras

Das zumindest schreibt Vincent Laforet in seinem Blog. Der Amerikaner arbeitete für die «New York Times» als Fotograf und gewann mit Kollegen der Redaktion 2002 den Pulitzer-Preis. Als er letztes Jahr erstmals die 5D-Mark-II-Kamera in die Hände nahm, kreierte er in drei Tagen mit einem Budget von wenigen Tausend Dollar den Kurzfilm «Reverie» – das sind drei HDTV-Filmminuten, die Kinogefühle aufkommen lassen – «Reverie» kommt erstaunlich professionell daher. Im Essay «The Cloud is Falling» beschreibt Laforet die Situation seiner Zunft: Fotografen spürten wie Journalisten den Wandel weg von den traditionellen Publikationswegen hin zum Web und seinen neuen Möglichkeiten.

Die Fotografie als Kunstform werde es immer geben, meint Laforet. Aber in wenigen Jahren, so schreibt er, werden klassische Fotos die Frontseiten der Zeitungen kaum mehr dominieren, vor allem nicht im Web. Das Gleiche gelte auch für Werbeanzeigen. Je mehr sich die Leute Breitbandinternet leisteten, je mehr Handys Breitbandangebote (Videos, Musik) wiedergeben könnten, desto mehr würden Multimediainhalte wie Videos gefragt. Darum kommt Laforet zum Schluss, die meisten Medienhäuser würden sich dieser Tage die letzten reinen Profikameras zulegen – die Zukunft gehöre den Hybridmodellen.

«Verwirrung im Berufsbild»

In der Schweiz demonstrierten Kevin Blanc vom Schweizer Fernsehen und Roman Lehmann, Mitarbeiter bei der SRG-Produktionsfirma TPC, die Filmmöglichkeiten der Canon-Kamera. Sie kreierten den Kurzfilm «MK-2-Expedition» und waren vom Gerät ebenso angetan wie Laforet. Die grösste Herausforderung, die sich ihnen stellte, war, durchwegs scharfe Videoaufnahmen zu machen. Weil das Gerät eigentlich ein Fotoapparat ist, ist seine Mechanik darauf angelegt, zuerst das Sujet scharf zu stellen und dann das Foto zu machen. Beim Filmen aber bewegt man sich, das Bild verliert so sehr schnell an Schärfe. Man muss mit der Canon-Kamera zudem immer im Automatik-Modus filmen, kann also nur wenig selbst einstellen. Lehmann und Blanc meinen aber beide, die Filmfunktion sei erstaunlich ausgereift –bei einem Modell der ersten Generation nicht selbstverständlich.

Werden nun alle Fotografen zu Videojournalisten? Sicher nicht. Aber wohl immer öfter wird von ihnen verlangt, auch vom Video- oder Filmemachen Vorwissen mitzubringen. Kevin Blanc spricht von einer «Verwirrung der Berufsbilder», die sich bei ihm zu Beginn einstellte. «Wie gehe ich an ein Sujet ran, als Fotograf oder als Videomacher», fragte er sich.

Auch Hollywood betriffts

Video- und Filmemacher dürften die neuen Möglichkeiten der Profihybridkameras ebenfalls merken. 2006 warf die amerikanische Firma Red Digital Cinema (RED) mit der Red One eine digitale Kinokamera auf den Markt. Sie ist klein, bringt hervorragende Eigenschaften mit und kostete mit 17'000 Dollar (ohne Objektive) einen Bruchteil dessen, was die Konkurrenz anzubieten hatte. Nur zwei Jahre später ist Canons EOS 5D Mark II für 3000 Franken zu kaufen (ohne Objektive). In einigen Bereichen soll sie laut Laforet die Red One gar übertreffen. Mit einer Investition von 10'000 Franken (mit eingerechnet Objektive, Zubehör, Software, Computer) stehen unabhängigen kleineren Film- und Videoteams plötzlich Möglichkeiten offen, an die sie früher wegen der horrenden Kosten nicht im Traum zu denken wagten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2009, 15:54 Uhr

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