«330'000 E-Mails mit Anfragen – wie sollen wir das bewältigen?»
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Gewehrkugeln fliegen zum Greifen nah und im Zeitlupentempo durch die Luft, bevor sie an einer Wand minutiös in tausend Stücke zerschellen. Diese spektakulären Bilder stammen nicht aus Hollywoods Animationsstudios, sondern sind von der Firma Kurzzeit nahe der deutschen Stadt Würzburg aufgenommen worden - und zwar in Echtzeit. Der Kleinbetrieb vertreibt Highspeed-Kameras mit einer Bildrate von bis zu einer Million Bildern pro Sekunde. Ballistik-Experten im In- und Ausland zählen zu den Kunden, neben diversen deutschen Landeskriminalämtern kaufte auch die Polizei von Bern und Zürich bereits bei Kurzzeit ein. Mit der Analyse von Slowmotion-Aufnahmen bestimmter Kaliber auf Materialien wie Stahl, Beton oder Gelatine sammeln die Kriminalbeamten Daten und Beweisgrundlagen für Kriminalprozesse.
Das Messevideo gelangt in falsche Hände
Ein hochspezialisierter Handelsbereich also, der sich seinen Kundenkreis nicht unbedingt mit Viral-Videos und Internetkampagnen sucht, sondern an internationalen Messen für Kriminalistik. Und genau für diesen Zweck wurde das rund 10-minütige Werk gedreht und zusammengeschnitten. Der Inhaber von Kurzzeit, Werner Mehl, schätzt den Herstellungspreis des Videos auf 500'000-600'000 Franken. Das Video war ausschliesslich für Werbezwecke an Vertriebspartner ausgehändigt worden. Von da gelangte es auf unbekanntem Weg in die Hände des amerikanischen Slowmotion-Fans Matt Rece, der es umgehend mit Musik unterlegte und es am 28. September 2009 auf seinem Youtube-Kanal publizierte - mit verheerenden Folgen für Kurzzeit.
Die Lawine beginnt zu rollen
Das Video verbreitete sich vorerst zwar noch zögerlich im Netz, wurde dann aber von einigen Ballistik-Blogs verlinkt, was eine gewaltige Lawine ins Rollen bringen sollte. Innert drei Wochen wurde das Video über 1,5 Millionen Mal angeschaut - und plötzlich liefen auf Kurzzeit.com die Server heiss. Ursprünglich als Kopierschutz gedacht, bescherte das Wasserzeichen mit der Firmenadresse eine ungewollte Besucherflut auf der Homepage. Die Server-Anfragen kletterten ab dem 9. Oktober von 5000 auf über 225'000 Klicks pro Tag. Die sprunghafte Popularität der Seite rief zudem zahlreiche Webdienste auf den Plan, die sogleich ein Backup des gesamten Kurzzeit-Server anlegten (eine sogenannte Spiegelung), mitsamt Dutzenden von Gigabytes unveröffentlichtem Videomaterial.
Der Server wird überschwemmt
Innert Stunden war das monatliche Datenvolumen des Webhosters von einem Terrabyte aufgebraucht, und jedes zusätzliche Megabyte begann nun Werner Mehl zu kosten. «Bis wir der Sache auf die Schliche gekommen sind und den Server gestoppt haben, hatten sich bereits umgerechnet 9000 Franken angehäuft», erzählt Mehl. Die Website unterliegt seither einer strikten täglichen Datenvolumen-Beschränkung und ist deshalb meist ab Mittag gar nicht mehr erreichbar. «Noch schlimmer hat es uns mit den E-Mails getroffen, wir können gar nicht mehr darauf zugreifen. Rund 330'000 Mails liegen unbeantwortet auf dem Server und alle wollen entweder den Film ohne Wasserzeichen, den Musiktitel erfahren oder sonst etwas, was uns nichts bringt. Wie sollen wir das denn nun bewältigen?», fragt ein sichtlich entnervter Mehl.
Er hat bereits rechtliche Schritte geprüft und mit Matt Rece Kontakt aufgenommen, doch gehe alles zu langsam und bringe schlussendlich wenig. «Sobald Youtube das Video runternimmt kommt ein neuer und stellt es drauf», ist Mehl überzeugt, «ich hoffe der Albtraum hört irgendwann auf.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 23.10.2009, 11:50 Uhr
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