Al-Qaida? Taliban? Nein Microsoft

Hätte George W. Bush auf Richard A. Clarke gehört – vielleicht hätte 9/11 vermieden werden können. Nun behauptet der Präsidentenberater: Microsoft ist für die nationale Sicherheit der USA eine ernstzunehmende Bedrohung.

Richard A. Clarke diente unter vier US-Präsidenten und ist jetzt Berater des Weissen Hauses für Cybersicherheit.

Richard A. Clarke diente unter vier US-Präsidenten und ist jetzt Berater des Weissen Hauses für Cybersicherheit.

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Richard A. Clarke ist gemeinhin das, was man ein Politschwergewicht nennt. Der 60-Jährige arbeitete in seiner dreissigjährigen Karriere als Berater im Weissen Haus für nicht weniger als vier Präsidenten. Ein Gesicht bekam der meist hinter den Kulissen arbeitende Politprofi allerdings erst nach 9/11: In den Stunden nach den schlimmsten Terroranschlägen in der Geschichte der USA übernahm Clarke die Leitung des Krisenstabs.

2003 quittierte Richard Clarke den Dienst – um sich nur ein Jahre später wortgewaltig zurückzumelden. Sein autobiographischer Triller «Against All Enemies», ein Insiderbericht über den US-Krieg gegen den Islamismus, verkaufte sich in den ersten drei Verkaufstagen eine halbe Million mal und auch der Thriller «The Scorpion’s Gate» eroberte die Bestsellerlisten.

«Qualitativ schwache Produkte»

«Cyber War: The Next Threat to National Security and What to Do About It» heisst sein neustes Werk. Darin zeichnet er ein äusserst pessimistisches Bild der Sicherheitslage in den USA. Ausgerechnet Microsoft, ein uramerikanisches Unternehmen, ist in den Augen Clarkes eine ernstzunehmende Bedrohung für das Land. Der weltgrösste Softwarekonzern habe «riesige Ressourcen, buchstäblich Milliarden von Dollar (...). Microsoft ist ein unglaublich erfolgreiches Imperium, das auf der Dominanz des Marktes mit qualitativ schwachen Produkten gründet.»

Früher Warner vor dem 11. September

Würde jemand anders dermassen gegen den Softwarerriesen dreinschlagen – er würde wohl für verrückt erklärt. Bei Clarke liegt die Sache etwas anderes, hat er Washington doch mehrmals (vor den Anschlägen am 11. September 2001) auf die von der al-Qaida ausgehende Gewalt aufmerksam gemacht. Das auch cybertechnisch hochgerüstete Land als vor Hackerangriffen gefeit zu betrachten, sei ein Fehler. Genau das Gegenteil sei der Fall: «Cyberwar gefährdet die USA mehr als jedes andere Land», ist er überzeugt.» Hauptgrund für diese These ist laut dem Autor die enorme Abhängigkeit der Finanzmärkte und der Energieversorgung vom Internet.

Unter der Regierung Clinton habe Microsoft die Republikaner unterstützt, jetzt halte es zu Obama. Clarke moniert, dass Microsoft in Washington massiv gegen Regulierungen lobbyiere und es darum geschafft habe, sicherheitstechnisch mangelhafte Software sogar in Regierungskreisen zu implementieren.

Warnung vor Verkehrskollaps

Clarke prophezeit im Falle eines Cyberwar grössere Probleme für das Transportwesen: Züge würden einfach stoppen und – viel schlimmer – Ölpipelines explodieren lassen. Grosse Sorgen bereitet Clarke auch das Kontrollsystem des Luftverkehrs, welches auf einer Technik aus den siebziger Jahren beruhe.

Natürlich gibt es auch viele Stimmen, die solche Szenarien als reine Panikmache abtun. In der Realität von Richard Clarkes literarischem Werk sind sie indes bereits eingetroffen: «Breakpoint» heisst sein Thriller aus dem Jahr 2007, in welchem die USA nach Bombenanschlägen auf Internet-Relaisstationen einer politischen und ökonomischen Katastrophe zusteuert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.06.2010, 11:33 Uhr

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«Cyber War: The Next Threat to National Security and What to Do About It» von Richard A. Clarke ist derzeit nur auf englisch erhältlich. Etwa bei Amazon.de für umgerechnet 24 Franken.

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