«Apps haben langfristig keine Chance»
Interview Anatol Heib. Aktualisiert am 25.08.2010 21 Kommentare
Joachim Graf.
«Der Preis geht gegen Null»
Verlage setzen grosse Hoffnungen auf Apps.
Ihnen geht es nicht besser, nur weil es jetzt das iPad gibt. Sie sollten nicht weiter die Last auf sich nehmen, Apps fürs iPhone, Nokia, Android und fürs Web – und für alles, was da noch kommt, entwickeln und pflegen zu lassen.
Sondern?
In erster Linie müssen sie sich von der Idee des Paid Content verabschieden. Das Internet bietet beliebig viel Content. Und wohin geht der Preis? Gegen Null.
Wie lautet die Alternative?
Paid Service. Der Nutzer zahlt für die Suchmaschinenoptimierung seines regionalen Firmeneintrags, die Teilnahme an einer Veranstaltung oder an einem lokalen Single-Treff oder für ein tagesaktuelles Pilzsucher-Google-Maps-Mashup. Das setzt aber voraus, dass man weiss, was Nutzer wollen. Das hat Verlage in den letzten 150 Jahre noch nie wirklich interessiert. Das Internet bietet hier die einmalige Chance – und so kann man massgeschneiderte Lösungen erarbeiten.ah
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Das renommierte Online-Magazin «Wired» sorgt mit einer provokanten These für Diskussionen: Das Internet ist tot, stattdessen werden spezialisierte Apps auf verschiedenen Plattformen den Browser ablösen. Gerade die kleinen Programme fürs iPhone sind ein Milliardengeschäft, andere Hersteller ziehen nach. Für Zukunftsforscher und Technologieexperte Joachim Graf ist die App-Wirtschaft hingegen nur ein vorübergehendes Phänomen – geschlossene Systeme wie der App Store werden seiner Meinung nach in Zukunft keine Chance mehr haben.
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verdient gut mit Apps fürs iPhone und das iPad, sie sind ein Milliardengeschäft, viele Unternehmen setzen auf die kleinen Programme als Einnahmequelle. Trotzdem prophezeien Sie das Ende der Apps. Warum?
Ich vergleiche Apps mit dem Commodore 64. Solche geschlossenen Systeme wie Apples App Store sind zwar kurzfristig erfolgreich, haben aber auf lange Sicht keine Chance.
Warum?
Bleiben wir bei Apple. Etwa 70 Prozent aller Handynutzer besitzen kein iPhone. Warum soll ich mich auf Anwendungen konzentrieren, die nur 30 Prozent nutzen? Bei vielen Apps – zum Beispiel von Verlagen – frage ich mich zudem, weshalb man diese programmiert, wenn bereits eine Mobilversion existiert. Apps, die nur das Webangebot einbinden, haben keine Zukunft. Oft muss das Unternehmen dann noch mehrere Plattformen bedienen. Das kostet viel Geld und ist betriebs- und volkswirtschaftlicher Unfug. Die App-Geschäftsmodelle, die finanziell funktionieren, sind überschaubar – meist handelt es sich um Spiele.
Die Nutzung von Apps kann aber komfortabler sein als der Zugriff mit dem Smartphone auf die mobile Seite.
Ja, solange es noch keine vernünftige Mobilanwendung gibt. Doch mit der Technologie HTML5, die sich in den kommenden zwei Jahren durchsetzt, wird sich dies völlig verändern – sie wird Apps überflüssig machen. Als Nutzer ist mir die Darstellung auch ziemlich egal, es muss einfach funktionieren, und ich will mir auch nicht hundert Apps runterladen. Schon heute sind einige Apps überflüssig, wie ich am Beispiel der Xing-App selber erfahren habe: Weil diese nicht mehr richtig funktionierte, surfte ich mit dem Smartphone die mobile Seite an und stellte fest, dass diese mehr bietet als die iPhone-App.
Was folgt auf die Apps mit ihren geschlossenen Systemen?
Die Zukunft gehört offenen und browserbasierten Lösungen. Deren Anwendungen sind nicht mehr an eine Plattform oder Website gebunden. Es wird keine Rolle mehr spielen, mit welchem Gerät ich zugreife. Jeder kann sich an diese Open-Source-Lösungen andocken und eine gute Idee umsetzen. Davon profitieren Entwickler und Kunden. Der Browser könnte beispielsweise das Betriebssystem sein, welches man mit beliebigen Funktionen erweitern kann.
Was bedeutet diese Entwicklung für gestandene Softwarehersteller wie Microsoft?
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Software wird nicht mehr die heutige Bedeutung haben, klassische Betriebssysteme verschwinden. Microsoft mit Windows und dem Officepaket muss sich ernsthaft Gedanken um die Zukunft machen. Bereits heute wird der Konzern von Open-Source-Lösungen wie Open Office unter Druck gesetzt. Noch hat das Unternehmen keine Lösung parat. Es gibt nur wenige Firmen dieser Grössenordnung, die sich neu erfinden können. IBM hat dies beispielsweise geschafft und erkannt, dass das Geschäftsmodell im Service, der individuellen menschlichen Arbeitskraft liegt.
Offene Systeme, Browser als Betriebssystem: In welche Richtung wird sich das Internet auch noch entwickeln?
Das Web hat die Art, wie wir leben und kommunizieren, verändert. Wir tun dies heute viel schneller und direkter. Der Kunde wird in Zukunft noch viel mehr mitreden bei Fragen, was und wie produziert wird. Ein grosses Thema wird zudem die sogenannte Augmented Reality sein, die digitale Darstellung von Informationen in der Umgebung, wie wir es schon heute von einigen Smartphone-Anwendungen kennen. In Zukunft wird mir meine Brille einblenden, wo ich hin muss. Das ist nur ein Beispiel, wie Informationen generell immer dezentraler abrufbar sein werden. Es spielt keine Rolle mehr, wo wir uns bewegen und welches Gerät wir dabei haben.
Welche Chancen geben Sie den drei IT-Riesen Google,
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Apple und Microsoft in der Web-Zukunft?
Google dürfte mit seiner Suchmaschine weiter wichtig bleiben. Das Konzept Apple, welches sagt, was gut für einen ist, wird weiter funktionieren – wenn auch nicht global, dafür bei einer gewissen Anzahl «Gläubiger». Hier ist die Kontrolle über Hardware weiterhin ein Geschäftsmodell. Und Microsoft? Das Unternehmen hat derzeit die schlechtesten Karten, aber beliebig viel Geld.
Was muss der Softwarekonzern tun?
Sie meinen, ausser das überforderte Topmanagement abzulösen? Zur Zeit bemühen sie sich, in der Cloud erfolgreich zu sein – aber auch hier herrscht starker Wettbewerb. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.08.2010, 10:07 Uhr
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21 Kommentare
Desktop und Embedded devices werden nie die gleiche Software haben. Bei Desktop werden weiterhin Browser (und deren plugins) dominieren, im Embedded segment (Handies, Pads, Tablets, GPS usw) werden kleine Applikationen dominieren. Im Embedded segment werden aber langfristig open source Plattformen wie Android das Rennen machen, nicht proprietäre Systeme wie Apple iOS oder Blackberry OS. Antworten
MS wird alleine schon mit seinem "Genuine Advantage" Programm, das alle 90 Tage die Lizenz von Win7 und Office10 püft, verlieren. Welcher Familienvater kauft schon 4 Lizenzen? Die i-Menschen wird's auch künftig geben, kein Problem für Apple. Aber bei e-banking auf Mobile-Anwendungen rümpfe ich die Nase, also wird dennoch jeder eine "normale Kiste" haben zu Hause. Hier widerspreche ich dem Autor. Antworten
Ich stimme teilweise dem Author zu. Browser >>>> App ... viele "News-Apps" sind wohl nur entstanden, weil die richtige HP voll mit FLASH Inhalten war, die vom IPhone nicht angezeigt werden können (Werbung zB ...) IPhone Apps kosten also eigentlich doppelt, weil die Werbungen auch noch irgendwie in dieses geschlossene System kommen müssen. Für irgendwas gibts ja RSS feeds oder? Antworten
Jede Software/App/Programm/... muss zuerst kennen gelernt und verstanden werden, bevor sie nutzbringend eingesetzt werden kann. Nur wenige Anwender sind gewillt und in der Lage, immer wieder neue Benutzerschnittstellen zu erlernen. Bevor es wirklich zur absolut frei wähl- und austauschbaren Informations-Technologie kommt, müssen die Systeme wesentlich "menschlicher" werden (Turing-Test). Antworten
... aus Kostengründen wird in Zukunft lizenzierte Software auch in Firmen vermehrt durch Opensource-Systeme ersetzt werden. Zum Glück weiss die Mehrheit der Verbraucher & Konsumenten ja nicht, wo überall Opensource-SW eingesetzt wird, sonst würden einige der "Forums-Experten" hier am Flughafen Zürich und anderstwo nicht mehr in ein Flugzeug steigen. Ich kann Wolfgang Hürlimann@07:39 nur zustimmen. Antworten
Ich zweifle sehr am Prädikat "Experte" von Herrn Graf. Apps mögen ein Hype sein und verschwinden, Browser, vielleicht, an Bedeutung noch zunehmen. Was aber sicher nicht abnehmen wird ist die Bedeutung von Software. Ob auf dem klassischen Desktop (egal welches OS), dem Smartphone, etc, damit irgendetwas läuft braucht es Software. Zudem, je einfacher die Nutzung für den User, desto komplexer die SW. Antworten
Apps kennt man in der breiten Masse erst durch Apple. Dass Apps auch Desklets, Screenlets, Gadgets etc genannt werden & seit einigen Jahren auf Linux Distributionen und in der OpenSource Welt kostenlos zur Anwendung kommen ist wenig bekannt. Apple kopiert und kommerzialisiert Bestehendes. Der Weg führt klar zur kostenlosen offenen Anwendung. Iphone's sind die Wegbereiter in eine neue IT-Welt. Antworten
Apps gibt es schon lang, gerade auf Windows-Telefonen. Früher nannte man das schlicht "Programme". Microsoft hat bloss den App-Store völlig verpennt und büsst es jetzt. Und natürlich wird es Apps noch ganz lang geben. Oder möchte z.B. wirklich jemand einen Taschenrechner, den er nur benutzen kann, wenn er gerade eine Internetverbindung hat? Träumer... :-) Antworten
ich finde die analyse völlig falsch. apps sind in der entwicklung teurer, richtig. bringen jedoch ein völlig anderes erlebnis an inhalte zu gelangen. wenn ein hersteller versucht seine website 1:1 auf eine app zu übertragen, hat er das konzept der apps nicht verstanden. apps werden in zukunft mit sicherheit zunehmen. ein grosser push wird ende jahr von apple und google kommen. Antworten
Apps sind ein grosser Blödsinn und Rückwärtsschritt, 100% einverstanden: Tatsächlich will ich mir nicht für jede Website eine App runterladen, sondern mit einem Programm - Browser - alle Websites ansteuern können. Microsoft hat m. M. nach aber sehr gute Karten: MS lebt von Firmenkunden, nicht von Design- und Modeströmungen wie Apple. Langfristig würde ich eher MS- statt Apple-Aktien kaufen. Antworten
Das suchen, austauschen, kaufen, schenken usw von Apps entspricht einem grundlegenden Bedürfnis des Menschen. Das 'Konzept App' wird wohl bestehen bleiben... vielleicht kann man die Apps bald einmal mit HTML, JavaScript und CSS erstellen und so die Kosten ein wenig senken. Ich kann mir vorstellen, dass Browser sogar an Bedeutung verlieren werden. Mindestens müsste man deren Konzept mal überdenken Antworten
Der "Browser",so nützlich gewisse Aspekte, ein der Industrie gepushter Hype. Ein "Kriegsschauplatz" der Industrie um Marktantauf Kosten des Anwenders. Der Browser wird nie das Betriebsystem ersetzen können. Standardisierung via Browser eine Marktlüge. Ich bin überzeugt, dass "native" Apps via Vitualisierung, vernetzte "Clouds" und VNC Technologie den "Browser" rasch alt aussehen lassen werden. Antworten
solange die netzabdeckung nicht 100% und wirklich jederzeit gewährleistet ist und die sicherheit immer wichtiger wird, wird es keine reinen "online-lösungen" geben. ein grossteil der zeit am computer wird im arbeitsumfeld generiert, d.h. diese lösungen sind nur bedingt tauglich. den punkt mit den apps kann ich aber nachvollziehen und unterstützen. apps helfen im moment dem dummie-user. Antworten
Entschuldigung, aber die Überlegungen von Herr Graf sind zwischen oberflächliche und ein kompletter Unsinn. Wer die Feinarbeit beim Erstellen einer Browserapplikation gemacht hat, der weis, dass die Browser sich in der Darstellung des Inhalts unterscheiden können. Nebst HTML gibt es Probleme beim CSS und JavaScript. Apps laufen auf einer einheitlichen Plattform, und brauchen keinen Server. Antworten
Apple machte mit den Apps einen RIESEN Rückschritt ins Prä-Internet-Zeitalter, wo es für alles Applikationen gab. Diese wurden sukzesive durch den Browser abgelöst. Spezialisierte "rich" Applikation wie Word, Photoshop & Co. überlebten, weil schlecht aufs Internet zu portieren (siehe den Misserfolg vom Google-Office und Online-Photoshop). Software wird also gar nicht "tot" sein, im Gegenteil. Antworten
Eine für mich stimmige Prognose. Der Coolness-Faktor schwindet (Freitag-Taschen-Syndrom ). Ein Grossteil der Apps (ob nun Apple oder Android) sind Unbrauchbar oder nur von kurzer Lebensdauer. Interessant ist auch, dass 70% der Mobile-User oft gar nicht oder nur stiefmütterlich berücksichtigt werden. Apps werden fast schon hysterisch auf den Markt geworfen. Dabei sein ist alles statt Qualität. Antworten
Herr Graf irrt, wenn er glaubt, klassische Betriebssysteme würden verschwinden. Die Leute, insbesondere Firmen wollen etwas Offizielles, Wischi-Waschi-Gratisware aus dem Netz ist da viel zu unsicher. Gerade in Hinblick auf die vielen Hackermeldungen. Man will dass der Computer geschützt ist. Wahrscheinlich wird Google Microsoft irgendwann übernehmen und dann das Windows der Zukunft bereitstellen. Antworten
Der Markt wird sich zweiteilen. Einerseits in Software die Webbasiert ist und andererseits in Software, die auf PC's laufen ohne WEB. Immer mehr Firmen haben die Buchhaltung, die Lohnbuchhaltung und auch Geschäftskorrespondenz auf PC's, die keinen WEB Anschluss haben. Je offener alles ist, desto einfacher wird es sein die Firmen auszuspionieren. Deshalb die strikte Aufteilung. Antworten





Raoul Haldimann
An: Lothar Degen Die Verbreitung der Software wird zunehmen, doch die Bedeutung der einzelnen Programme und Plattformen wird abnehmen. Schon alleine weil es noch viel einfacher wird Programme zu schreiben und diese in Zukunft im Browser ablaufen werden. Antworten