«Auch Bankangestellte werden Facebook bald nutzen dürfen»

Laut Ferdinand Kobelt, Partner bei der Beratungsfirma Ernst & Young, steht den Schweizer Banken bis spätestens 2013 eine Revolution in Sachen Facebook und Twitter bevor.

Bald voller Facebook-Nutzer? Gebäude der Credit Suisse Uetlihof.

Bald voller Facebook-Nutzer? Gebäude der Credit Suisse Uetlihof. Bild: Keystone

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Sie haben in der Schweiz knapp 30 Banken gefragt, wie sie mit sozialen Netzwerken umgehen. 9 von 10 sperren Facebook (FB 66.34 2.26%) oder Twitter (TWTR 38.33 1.29%) für die Mitarbeitenden. Im Ausland ist man viel offener. Wieso?
In der Schweiz werden soziale Netzwerke grundsätzlich vor allem als Gefahr wahrgenommen. Kommt hinzu, dass die Schweizer Finanzindustrie sehr viel Wert auf Diskretion legt. Mir scheint, dass die Banken nach den jüngsten Diskussionen rund um Bankgeheimnis und Datenklau genug von neuen Risiken haben – und die Chancen von sozialen Netzwerken nicht sehen. Vor lauter Angst wird der Zugang für die Mitarbeitenden einfach gesperrt. Im Ausland ist man da bereits weiter.

Was heisst das?
Ich komme eben aus den USA zurück. Wenn ich hier mit Kunden rede, fühlt sich das an wie eine Reise in die Vergangenheit. Die Schweiz hinkt anderthalb bis zwei Jahre hinter den USA her – vor allem bei den Banken. Auch in den USA wurden die sozialen Netzwerke erst gesperrt. Heute nutzen in den USA nicht nur Konsumgüterkonzerne, sondern auch Finanzinstitute den zusätzlichen Kanal für Marketing, PR und Verkauf.

Dass ein Unternehmen twittert und einen Facebook-Auftritt unterhält, ist das eine. Ob es die Angestellten vom Arbeitsplatz aus diese Dienste nutzen lässt, das andere.
Eigentlich geht diese Entwicklung Hand in Hand. Sobald ein Unternehmen soziale Netzwerke als Chance fürs eigene Geschäft sieht, verändert sich auch die Einstellung gegenüber der Nutzung am Arbeitsplatz. Das Unternehmen hat dann ein Interesse daran, dass die Mitarbeitenden sich auf Twitter und Facebook starkmachen für die Marke oder das Unternehmen.

Also ist es ein Geschäftsentscheid, die Sperrung aufzuheben?
In der Regel setzen Unternehmen soziale Netzwerke zuerst für Marketing, PR und Verkaufsförderung ein und heben die Facebook-Sperre erst danach auf.

Wo stehen die Schweizer Banken heute? Gibt es für die Angestellten Grund zur Hoffnung?
Es gibt ein paar Banken, die etwas machen. Raiffeisen beispielsweise hat eine neue Strategie zum Thema soziale Netzwerke ausgearbeitet. UBS und Credit Suisse sind ebenfalls aktiv, allerdings in bescheidenerem Rahmen. Allerdings werden dieses Jahr bei den meisten Finanzinstituten grössere Abklärungen und Pilotprojekte laufen, um festzulegen, in welche Richtung man gehen will. Die meisten Banken planen, 2013 entsprechende Angebote in grösserem Stil auszurollen.

Fällt die Facebook-Sperre dann weg?
Wenn ich sehe, was für Gespräche und Pilotprojekte bei den grossen Finanzkonzernen laufen, dann bin ich überzeugt, dass sich die Situation für die Mitarbeitenden bald ändern wird. Ich persönlich gehe davon aus, dass ab 2013 viele Bankangestellte Facebook und Twitter werden nutzen dürfen.

Das ist ein grosser Schritt. Es geht um Tausende von Mitarbeitenden.
Wichtig ist, dass eine solche Öffnung geordnet abläuft und man die Mitarbeitenden begleitet. Positive Beispiele dafür sind etwa Zurich Financial Services oder die Post. Beide haben ein kurzes Video gemacht, um die Mitarbeitenden für die Anliegen des Unternehmens zu sensibilisieren. Darin wiesen sie etwa darauf hin, wie schnell sich eine auf Facebook oder Twitter gemachte Äusserung verbreitet. Und dass man zweimal überlegen soll, was man schreibt und ob das Folgen für den Arbeitgeber hat.

Viele Arbeitgeber machen sich eher um die Produktivität sorgen.
Ja. Die Hauptbedenken bei den Unternehmen sind oft, dass die Mitarbeitenden viel zu viel Arbeitszeit mit Facebook und Twitter vertrödeln. Die Nutzung sozialer Netzwerke ist daher ein weiterer Bereich, der im Arbeitsvertrag geregelt werden muss – wie Rauchpausen oder private Gespräche während der Arbeitszeit. Es besteht hier ohnehin Handlungsbedarf. Schliesslich kann man Facebook und Twitter heute problemlos via Handy im Büro nutzen.

Facebook und Twitter sind also nicht bloss ein Hype, sondern werden langfristig erhalten bleiben?
Vielleicht werden die Namen ändern. Auch der Begriff «soziale Netzwerke» wird irgendwann verschwinden. Aber das Bedürfnis nach dieser Form der schnellen, transparenten, weltumspannenden Kommunikation wird bleiben. Es wird zu unserem Arbeitsalltag gehören wie Telefon und E-Mail. Es ist blauäugig, zu hoffen, dass dies einfach ein kurzfristiger Trend ist. Eine solche Haltung kann heute zudem ein Wettbewerbsnachteil auf dem Arbeitsmarkt sein.

In welchem Sinn?
Für viele junge Leute spielt es eine entscheidende Rolle, ob sie vom Arbeitsplatz aus auf ihre privaten E-Mails oder auf soziale Netzwerke zugreifen können und ob sie vom Geschäft einen Blackberry oder ein iPhone bekommen. Darum haben die 152'000 Mitarbeitenden bei Ernst & Young heute die Wahl zwischen einem Blackberry und einem iPhone. Das macht uns als Arbeitgeber attraktiver.

Wie muss ich mir das vorstellen, wenn Banken soziale Netzwerke für ihr Geschäft nutzen? Werde ich dann via Twitter beraten?
Twitter eignet sich eher dafür, auf Störungen aufmerksam zu machen oder um Informationsmaterial zu verteilen. Bei der Beratung steht der Dialog mit jungen Kunden über private Chat-Kanäle bei Facebook im Vordergrund. In den USA oder in Neuseeland wird das bereits fleissig genutzt.

Geht das? Trotz Bankgeheimnis?
Es gewährleistet eine ähnliche Vertraulichkeit wie etwa per Telefon oder E-Mail. Die Banken haben lange befürchtet, dass die Regulierungsbehörden die Kommunikation mit den Kunden via soziale Netzwerke nicht akzeptieren würde. Mittlerweile haben sich aber mehrere Bankenaufsichtsbehörden dazu geäussert und Regeln für den Umgang mit sozialen Netzwerken definiert – etwa in den USA, Kanada oder Neuseeland.

Wie sehen diese aus?
Im Wesentlichen geht es darum, dass ähnliche Regeln gelten müssen wie bei anderen elektronischen Kommunikationsmitteln – etwa im E-Mail-Verkehr. Die Banken müssen die Kontakte dokumentieren und die Korrespondenz für eine bestimmte Zeitdauer archivieren. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.03.2012, 19:40 Uhr)

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Der 52-jährige Ferdinand Kobelt ist Partner bei Ernst & Young. Er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Informatik und leitet Projekt rund um soziale Netzwerke, unter anderem in den USA und Südamerika.

Twitter

Was Banken zwitschern

Unter den Begriff soziale Netzwerke fallen Dienste wie Facebook, um Kontakte zu pflegen, der Fotodienst Flickr oder die Videoplattform Youtube. Weniger eingängig für Neulinge ist die Idee hinter Twitter: Damit lassen sich 140 Zeichen lange Kurzmitteilungen veröffentlichen, die grundsätzlich öffentlich sind. Wie bei einem Newsdienst kann man dabei die Mitteilungen von Freunden, Bekannten oder interessanten Menschen abonnieren. Firmen nutzen Twitter, um mit ihren Kunden in Kontakt zu bleiben. Auch Banken: Raiffeisen etwa verbreitet auf diese Art Informationen («So schützen Sie sich vor Skimming»; «Es hat noch Mitglieder-Tickets fürs Madonna-Konzert») oder Antworten auf allgemeine Kundenanfragen («Ich habe geerbt. Soll ich mit dem Geld zur Raiffeisen oder zur Privatbanken-Tochter Notenstein gehen?»). Für die Kunden­beratung ist Twitter nicht geeignet, weil die Nachrichten öffentlich sind. (aba)

Schweizer Regulierung

Die Finma hinkt hinterher

In den USA hat die zuständige Aufsichts­behörde bereits zwei Rundschreiben zum Thema Kommunikation via soziale Netzwerke bei Finanzinstituten verfasst. Im Wesentlichen geht es darum, dass die Banken die Korrespondenz mit ihren Kunden archivieren müssen (siehe Interview). Auch in der EU arbeitet man derzeit an einem Vorschlag.

Nur in der Schweiz scheinen die Behörden hinterherzuhinken. Wie Ferdinand Kobelt letzte Woche an einer öffentlichen Veranstaltung der Beratungsfirma Ernst & Young ausführte, hat die Schweizer Finanzmarkt­aufsicht (Finma) bislang keine Pläne in diese Richtung. Er habe sich jüngst an einem Branchenanlass persönlich nach dem Stand der Dinge erkundigt, sagte Kobelt – und sei enttäuscht worden. Offenbar habe die Finma selbst intern noch kein einziges Mal über das Thema gesprochen. Für die Schweizer Banken ist das unglücklich, zumal dieses Jahr laut Kobelt viele Projekte im Bereich soziale Netzwerke anstehen. Ihnen bleibt vorerst wohl nichts anderes übrig, als sich an den im Ausland geltenden Vorgaben zu orientieren. (aba)

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