Bootsdrama: So könnte der flüchtige Fahrer aufgespürt werden

Der Soziophysiker Riley Crane erforscht, wie sich Informationen im Internet verbreiten. Er sagt, mittels sozialer Netzwerke können Personen aufgespürt werden – etwa der flüchtige Bootsfahrer vom Bielersee.

Tatort: Petersinsel im Bielersee.

Tatort: Petersinsel im Bielersee.
Bild: Keystone

Mit Schweizer Geld gefördert

Der 32-jährige promovierte Physiker Riley Crane forscht seit 2009 am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA. Zuvor war er drei Jahre an der ETH Zürich tätig. Derzeit wird Riley Crane durch die Schweizer Branco-Weiss-Stiftung «Society in Science» gefördert. Das Programm honoriert seine Arbeit über die Verbreitung von Information über das Internet und soziale Netzwerke. In seiner aktuellen Forschung nutzt Crane unter anderem Daten von Smartphonesfür Echtzeitsimulationen von sozialen Mustern. (kle)

Erforscher der Informationsflüsse im Internet: Riley Crane.

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Zurzeit sucht die ganze Schweiz nach einem flüchtigen Bootsfahrer, der vor zwei Wochen eine Frau auf dem Bielersee zu Tode gefahren hat. Sogar eine Facebook-Gruppe hat sich zum Ziel gesetzt, den Täter aufzuspüren. Diese Methode könnte zum gewünschten Erfolg führen. Der amerikanische Physiker Riley Crane ist Experte auf dem Gebiet der sozialen Netzwerke und erforscht die Informationsverbreitung im Internet. Letztes Jahr gewann er einen ungewöhnlichen Wettbewerb des Pentagons. Es sollte derjenige 40 000 Dollar erhalten, dem es zuerst gelang, zehn über die ganze USA verteilte rote Ballons zu orten. Riley Crane und seine Gruppe schafften dies in unglaublichen 8 Stunden und 52 Minuten. Sie programmierten dafür eine intelligente Internetseite und erzählten ihren Freunden von der Suche. Die Nachricht breitete sich durch E-Mails, Facebook und Twitter über ganz Amerika aus. So rekrutierten sie 4665 Helfer, deren Hinweise zu den Ballons führten.

Herr Crane, hat Sie diese enorme Resonanz überrascht?
Absolut! Und die fast 5000 Helfer waren nur die Besucher, die sich registriert hatten. Insgesamt haben mehr als 100 000 Leute unsere Internetseite besucht. Das Interesse war wirklich enorm.

Was war Ihr Erfolgsgeheimnis?
Es lag wohl daran, dass wir die Leute für ihre Informationen belohnten – und zwar alle Beteiligten. So haben wir nicht nur dem Finder eines Ballons einen Teil des ausgesetzten Preisgeldes versprochen, sondern allen, die auf den Finder hingewiesen hatten. Alle Beteiligten der erfolgreichen Hinweiskette erhielten so einen Teil des Preisgeldes, je nachdem, an welcher Position der Kette sie sich befanden. Dazu war es noch nicht einmal notwendig, in den USA zu sein.

Wie das?
Die Botschaft mit dem Link zu unserer Webseite musste ja einfach nur weitergegeben werden. Viele taten dies über die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter. Unser System verfolgte dann den Weg der Information. Wenn dies zu einer Person in den USA führte, die einen Ballon gesehen hatte, konnte der Weg dabei auch über die Schweiz führen. Durch unser Belohnungssystem haben sich sehr viele Leute innerhalb kürzester Zeit an unserer Suche beteiligt. Das hat uns am Ende den Sieg gebracht.

Könnte man Ihr System auch verwenden, um irgendwelche Personen aufzuspüren?
Viele Leute kamen nach dem Ballonwettbewerb auf uns zu und fragten, ob man mit unserem System nicht auch Terroristen suchen könnte. Meine Antwort darauf war stets: auf keinen Fall. Der Aufwand und auch das Risiko für Leib und Leben wären einfach zu gross. Die Menschen müssten ja nicht einfach nur einen Ballon zufällig entdecken, sondern einen gut bewachten Terroristen aufspüren. In der Konsequenz würde man vermutlich nur wenige und dazu unzuverlässige Hinweise erhalten.

In der Schweiz hat sich ein Fall von Fahrerflucht auf einem See ereignet, in dem der Täter noch immer nicht gefunden ist. Nun haben besorgte Bürger eine Facebook-Gruppe gegründet. Könnte diese Erfolg haben?
Ja, sicher. Denn anders als bei der Suche nach Terroristen wäre der Aufwand für die Schweizer Bevölkerung überschaubar. Man könnte so durchaus eine Menge hilfreicher Hinweise sammeln.

Wie genau könnte man das Internet und die sozialen Netzwerke für die Suche nach dem Täter einspannen?
Zunächst einmal müssten möglichst viele Leute davon überzeugt werden, ihre Informationen bezüglich des Unfalls zu melden. Dabei könnte ein Belohnungssystem ähnlich wie im Fall unserer Ballons helfen. Jeder Beteiligte in der Kette zum entscheidenden Hinweis müsste einen Anteil an der von der Polizei ausgesetzten Belohnung erhalten. Nur dann würden auch Leute mit vermeintlich unwichtigen Hinweisen sich melden. Aber gerade diese Informationsbruchstücke könnten zusammengenommen zur Aufklärung des Falles beitragen.

Sollte die Polizei also soziale Netzwerke für ihre Ermittlungen nutzen?
Ja, auf jeden Fall. Natürlich müsste der Informationsfluss durch die Polizei reguliert werden. Sie sollte weiterhin die zentrale Autorität sein, die die Information aus den Netzwerken sortiert und auf deren Relevanz überprüft.

Wie kann die Polizei nützliche von unnützer Information unterscheiden?
Die gesammelte Information zu filtern, ist enorm wichtig, gerade wenn man mit sozialen Netzwerken im Internet arbeitet. Während des Ballonwettbewerbs filterten wir zum Beispiel geografisch: Direkte Hinweise auf einen Ballon berücksichtigten wir nur von Personen, die in der Nähe des angegebenen Fundortes lebten. Einen Hinweis aus Hongkong auf einen Ballon in New York etwa verfolgten wir nicht weiter. Diese Methode hat sich als extrem effektiv herausgestellt.

Sie sind Physiker. Wie kommt es, dass Sie soziale Netzwerke undden Informationsfluss im Internet erforschen?
Die Verbindung von Physik und sozialen Netzwerken ist zwar eher konzeptionell, aber vorhanden. Einzelne Teilchen in Supraleitern etwa können – je nach Temperatur – als einzelne Partikel agieren oder sich synchronisieren. Mit sozialen Dynamiken im Internet ist es ähnlich: etwa wenn ein bestimmtes Video auf Youtube plötzlich sehr häufig angeklickt wird.

In vielen Ihrer Projekte – wie etwa eine UNO-Kampagne gegen den Welthunger – zeigt sich Ihr humanitäres Engagement. So haben Sie zum Beispiel das restliche Preisgeld des Ballonwettbewerbs gespendet. Warum ist Ihnen das wichtig?
Ich möchte Systeme entwickeln, bei denen jeder gewinnt. Im Grunde sind die meisten Menschen eher eigennützig – was nicht schlecht sein muss. Denn auch wenn jeder nur das Beste für sich herausholen will, kann es insgesamt der Gemeinschaft nützen – wie etwa im Fall der Ballonsuche: Jeder konnte Geld verdienen, aber gleichzeitig wurde das Ballonproblem gelöst. Und es gingen 14 000 Dollar an wohltätige Zwecke.

Sie waren bis vor kurzem an der ETH in Zürich und forschen nun in Boston. Vermissen Sie manchmal Zürich und die Schweiz?
Natürlich (lacht)! Ich hatte wirklich drei wundervolle Jahre an der ETH und habe dort noch viele Freunde. Ausserdem wurde meine Forschungsfreiheit erst durch die Finanzierung des Branco-Weiss-Förderprogramms möglich. Ich bin der Schweiz mehr als nur freundschaftlich verbunden – sie hat mein Leben verändert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2010, 06:47 Uhr

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12 Kommentare

fritz beutler

26.07.2010, 16:32 Uhr
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ja an alle schreiber die unsere polizei und alle holzboot fahrer verurteilen, sollten warten mit der schlechtmacherei, den ev. werden wir uns alle noch wundern wie die ermittlungen am schluss ausfallen. Antworten


Joachim Schelb

25.07.2010, 22:49 Uhr
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So etwas ist nicht nur Spinnerei, sondern es ist auch ein weiterer Schritt dazu, das Internet zu einem neuartigen fachistischen Hilfsmittel umzufunktionieren. Wenn man hunderttausende von Menschen denunziert, dann ist mit grosser Wahrscheinlichkeit auch der Täter dabei ... warum macht man nicht gleich eine flächendeckende Durchsuchung von allen Bauten, die im Kanton BE, NEl und FR sind? Antworten


Kurt Wulle

25.07.2010, 12:11 Uhr
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Tragisch, dass dieser gewissenslose Mensch - der offenbar seine Frau / Freundin und Mitfahrer eisern im Griff hat - noch immer nicht aufgespürt wurde. Ich hoffe, dass man ihn findet. Und dann müsst die Strafe drakonisch sein. Leider gibt es aber immer wieder Fälle, wo der flüchtige Fahrer leider nicht gefunden wird. Antworten


Elisabeth Brunner

25.07.2010, 08:38 Uhr
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Hoffen wir doch, dass dieser rücksichtslose Täter endlich, dank genügend Hinweisen, durch die Polizei gefunden werden kann. Antworten


Markus Huber

25.07.2010, 00:55 Uhr
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Ja die Amerikaner, die sind uns Schweizer in Sache Fahndung und Aufklärung natürlich weit voraus? Aber ich bin der Meinung, dass ein Unterschied besteht für 40 000 USD rote Ballone zu orten, als möglicherweise einen Nachbarn, oder Kollegen, oder Quartiersbewohner einer strafbahren Handlung zu bezichtigen. Antworten


Eirini Steiner

24.07.2010, 16:27 Uhr
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Ich hoffe ,dass dieser 'Todes-Bootfahrer' bald gefunden wird. Die meisten Bootsfahrer fahren mit Verantwortung und wissen,wie man sich auf den Gewässern, in einem Boot, verhaltet. So ein gemeiner, mieser, feiger Typ soll streng bestraft werden, denn er hat nicht nur ein ganzes unschuldiges Menschenleben auf dem Gewissen, sondern hat auch sonst das Leben anderer unschuldiger Menschen zerstört. Antworten


Fritz Aeschlimann

24.07.2010, 13:26 Uhr
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Sollte die Untersuchung weiterhin zu keinem Ergebnis führern, würde ich die Methode v. Herr Crane begrüssen. Fritz Aeschlimann Antworten


Matti Hoch

24.07.2010, 11:44 Uhr
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Sorry, aber da hat die Polizei massiv versagt!! Man hätte sofort nach dem Bootsunfall nach dem verursachenden Schiff suchen müssen, und das, liebe Polizei, halt auch in allen privaten Bootshäuschen rund um die 3 Seen, denn die 3 Seen Murten-Bieler-u. Neuenburger sind miteinander verbunden. Also, anstatt Millionen ins Ausland zu schaufeln, Calmy!, mal mehr Geld für die Polizei locker machen!! Antworten


Adriano Granello

24.07.2010, 11:04 Uhr
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Es gibt nicht nur nützliche und unnützliche Informationen, sondern auch richtige und falsche. Gerade wenn eine Prämie ausgesetzt ist, nehmen es viele der Informanten mit der Wahrheit nicht sehr genau, da wird munter dazu gedichtet und anderes,evtl. wichtiges, weggelassen. Ausserdem ist es möglich, mit bewussten Falschinformationen die Suche zu sabotieren. Interessant aber untauglich in der Praxis! Antworten


Thomas Fischer

24.07.2010, 09:53 Uhr
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Wenn er denn rot wäre, der Bootsführer oder grün.... So einfach wird es wohl nicht gehen. Da wäre es noch gescheiter, die bei den Providern gespeicherten Handydaten bezüglich des Standortes am Unfalltag/Zeit abzufragen. Diese Daten sind relativ genau und werden gesammelt, auch wenn ein Handy nur Standby ist. Würde mich sehr wundern, wenn der Führer eines solchen Bootes kein Handy dabei hatte. Antworten


Severin Baumann

24.07.2010, 08:23 Uhr
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Motorboote sind alle, ohne Ausnahme, registriert. Und Boote aus dem Ausland sind am Zoll registriert. Also kann man alle Boote überprüfen. Wenn es den Behörden NICHT gelingt, wenigstens das Boot zu finden - ob dann der Fahrer überführt werden kann, ist eine andere Sache -, wird es mir wohl so gehen wie sehr vielen anderen: Wir werden den letzten Rest Vertrauen in die Polizei verloren haben. Antworten


Wymann Fredy

24.07.2010, 07:21 Uhr
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Gemäss Angeben in der Zeitung passierte das Unglück nicht auf dieser Seite der Insel, sondern Richtung Lüscherz. Dort hat es aber keine Eisenbahn. Das Bild zeigt also eine falsche Stelle. Antworten



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