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Braucht die Welt einen neuen Browser? Ja!

Vor wenigen Wochen ist quasi aus dem Nichts ein neuer Browser aufgetaucht. Rockmelt versucht sich als «Facebook-Browser» zu etablieren – und hält die Versprechen.

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Es gibt Anwendungen, die sind dermassen alltäglich geworden, an die hat man sich derart gewöhnt, die scheinen so ausgereift, dass eigentlich niemand mehr grosse Neuerungen erwartet. E-Mail-Programme etwa. Oder Webbrowser. Davon gibt es zwar zahlreiche, doch teilen sich die vier Grossen (Internet Explorer, Firefox, Chrome und Safari) den Markt mehr oder weniger stabil auf – und gleichen sich, was den Funktionsumfang angeht, immer mehr an.

Umso überraschender, dass vor wenigen Wochen quasi aus dem Nichts ein neuer Browser aufgetaucht ist und von sich reden macht. Aufmerksamkeit zieht er auf sich, weil er für sich in Anspruch nimmt, der beste Browser für all jene zu sein, die viel Zeit auf Facebook verbringen oder gerne und oft twittern. Also für eine Menge Leute. Rockmelt nennt er sich, Steinschmelze, und versucht nicht als Erster, sich als «Facebook-Browser» zu etablieren. Da gibt es beispielsweise schon seit längerem Flock (www.flock.com, für Windows, OS X und Linux), von dem allerdings noch kaum jemand etwas gehört hat.

Facebook geschickt eingebaut

Rockmelt hingegen bedient nicht nur die «Heavy-Facebooker», er spannt das grösste aller sozialen Netzwerke auch geschickt ein, um sich bekannt zu machen. Noch gibt es ihn nämlich nur auf Einladung, die man entweder auf der Rockmelt-Homepage anfordern kann (und nach rund einer Woche erhält) oder die man von einem seiner Facebook-Freunde bekommt. Wer Rockmelt ausprobiert, darf nämlich Einladungen weitergeben. Und darf sich für einen Augenblick einem auserwählten Kreis zugehörig fühlen – geschickt eingefädeltes Social Marketing.

Das alles wäre noch nicht diese Zeilen wert, denn die Welt ist so weit ganz gut mit Browsern versorgt. Bemerkenswert ist Rockmelt, weil er seine vollmundigen Versprechen nicht nur auf den ersten Blick, sondern auch noch nach zwei Wochen hält. Der Schreiber dieser Zeilen hat ihn mittlerweile sogar zu seinem Standardbrowser erhoben – das hat schon lange kein neuer Browser mehr geschafft (zuletzt Chrome, allerdings nur vorübergehend).

Rund und durchdacht

Anders als bei anderen Browsern sind primär die schmalen Seitenleisten im Browserfenster. Links werden je nach Wunsch permanent die engsten Facebook-Freunde oder jene, die gerade online sind, angezeigt. So sind Chats, Nachrichten oder deren neuste Einträge immer nur einen Klick entfernt, egal, auf welcher Website man gerade surft. Auf der rechten Seite wiederum lassen sich die Twitter-Timeline sowie beliebige RSS-Newsfeeds als kleine Schaltflächen ablegen, deren Inhalte ebenfalls ständig mit nur einem Klick verfügbar sind. Ausserdem lässt sich jede Website, die man gerade offen hat, in Facebook und Twitter als Link posten.

All diese Funktionen gibt es in der einen oder anderen Form auch als Erweiterungen für die gängigen Browser, doch so rund und durchdacht wie bei Rockmelt hat man sie noch nicht erlebt. Allein den verbesserten Facebook-Chat, bei dem ein separates kleines Fenster geöffnet wird, möchte man bald nicht mehr missen.

Noch mehr Ablenkung

Zugegeben, es besteht die Gefahr der abermals gesteigerten Informationsflut sowie der noch stärkeren permanenten Ablenkung. Wer damit aber umgehen kann, dürfte seine Freude an Rockmelt haben. Ob der neue, auf der Chrome-Engine basierende Browser, hinter dem ehemalige Netscape-Leute stehen, sich gegen die etablierte Konkurrenz behaupten kann, ist offen. Immerhin herrscht dort kein völliger Stillstand, und keine der Funktionen von Rockmelt liesse sich nicht bald einmal von anderen übernehmen. Der immer noch grosse Marktanteil des Internet Explorers zeigt ausserdem, dass viele Nutzer zufrieden sind mit dem, was sie haben, oder einen Umstieg als Aufwand und Risiko sehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2010, 19:47 Uhr

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