«Das Web ist eine einfache Fluchtmöglichkeit»

Laut dem Facharzt Michael Rufer leben Menschen mit Sozialangst mitten unter uns – und sind dennoch völlig vereinsamt. Im Internet können sie zwar virtuell mit der Welt kommunizieren, bleiben dabei jedoch für sich.

Die anonyme Masse macht von sozialer Phobie Betroffenen weniger Angst als die einzelne Person. Foto: Lisa Blue (iStock)

Die anonyme Masse macht von sozialer Phobie Betroffenen weniger Angst als die einzelne Person. Foto: Lisa Blue (iStock)

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Menschen mit Sozialangst haben Angst vor Dingen, die für die meisten von uns alltäglich sind, zum Beispiel vor dem Einkaufen. Wie kann man sich das erklären?
Die Störung tritt häufig schon sehr früh auf und geht oft auf Erlebnisse aus der Kindheit oder Jugend zurück, wo man sich blamiert gefühlt hat, etwa in der Schule, wenn der Leistungsdruck einsetzt und man plötzlich im Mittelpunkt steht. Zudem gibt es eine familiäre Häufung und auch eine genetische Komponente. Kleine Kinder lernen Ängstlichkeit von den Eltern. Mit etwa vier Jahren beginnt das Kind, sich selbst aus dem Blickwinkel eines anderen zu sehen, sich zu schämen oder etwas peinlich zu finden. In den meisten Fällen geht diese Phase der Scheu vorbei. Doch viele Patienten erleben über die Jahre dann Situationen, die sie als sehr belastend empfinden. Die Angst wird ja immer wieder verstärkt, weil sie sich unsicher verhalten und entsprechend negative Reaktionen provozieren. Ein Teufelskreis, der im Extremfall dazu führt, dass die Person zum Schluss das Haus nicht mehr verlässt.

Wie kommt es, dass sogar Studenten über Kontaktscheu klagen, wo unzählige Kommilitonen neben ihnen im Hörsaal sitzen?
Man kann in einem Hörsaal gut zurechtkommen, weil die anonyme Masse weniger Angst macht als die einzelne Person. Kleine Seminargruppen sind für diese Menschen viel anstrengender, denn dort sind sie persönlich gefordert.

Wie verbreitet ist Sozialangst?
Eine jüngere Studie hat festgestellt, dass in Europa etwa 14 Prozent der Bevölkerung an Angststörungen leiden, inklusive spezifischer Phobien, etwa Klaustrophobie. Die Häufigkeit der sozialen Phobie liegt bei 2 bis 4 Prozent; nur etwa ein Drittel der Leute ist in Behandlung. Der Anteil der Frauen liegt leicht höher als jener der Männer.

Nehmen die Zahlen zu?
Als die Diagnose «Soziale Phobie» 1980 aufkam, gab es natürlich plötzlich eine hohe Zahl von Fällen. Doch zwischen 2005 und 2011 waren die Zahlen stabil, wie eine aktuelle Studie zeigt. Die Schlagzeile «Immer mehr Angststörungen» stimmt nicht, da muss ich Journalisten enttäuschen. Was sich ändert, sind die Themen. Wenn in der Gesellschaft etwa bestimmte Krankheiten in den Vordergrund rücken, kann dies auch ein Thema bei den Ängsten werden. Ein Beispiel ist das Auftreten der Aidsphobie, nachdem HIV-Infektionen in der Öffentlichkeit bekannt wurden.

Wo hört denn Schüchternheit auf und fängt wirkliche Sozialangst an?
Die Stärke der Angst ist ein Kriterium, aber noch entscheidender ist, inwieweit sie den Menschen einschränkt. Ängste können dramatische Konsequenzen für das Leben haben – nicht nur Vereinsamung, sondern auch Jobverlust bedeuten. Wenn die Lebensqualität massiv sinkt, setzt dies neue Ängste frei, und es können sich Depressionen entwickeln. Es gibt Patienten, die kommen erst mit 50 zu uns in die Therapie, obwohl sie die Angst schon seit 30 Jahren haben. Wenn zum Beispiel eine Ehe auseinanderbricht, die Kinder aus dem Haus sind und der Verlassene feststellt, dass er nicht in der Lage ist, Kontakte zu knüpfen. Er leidet darunter, wenn sein kleines Umfeld zerbricht, das ihn trug.

Wenn ich im Supermarkt an der Kasse plötzlich eine Panikattacke mit Herzrasen bekomme, muss das aber noch nicht der Anfang von sozialer Phobie sein.
Nein, vielleicht hatten Sie einfach über längere Zeit nur zu viel Stress. Es zeigt aber, dass etwas in Ihrem Leben nicht ganz stimmt. Vielleicht sollten Sie Probleme abbauen, anstatt sie zu verschleppen. Eine Angststörung wird es nur, wenn die Attacke immer wieder vorkommt.

Drängen Handy und Internet gefährdete Leute in die Isolation?
Die Internetkommunikation macht keine soziale Phobie, aber es ist eine einfache Fluchtmöglichkeit. Es gibt Patienten, die über Jahre nur virtuell mit der Welt verkehren. Das war früher, ohne die komplexen technischen Möglichkeiten, nicht denkbar. Das Internet unterstützt die Vermeidung, aber es ist nicht die Ursache der Angststörung.

Man darf sich heute öffentlich keine Blösse mehr geben, muss sich stets von der besten Seite präsentieren. Besonders im Internet sind alle vollmundig unterwegs. Da fallen Schüchterne umso negativer auf.
Es besteht tatsächlich die Gefahr, Schüchternheit zu medikalisieren und zu pathologisieren, was ich äusserst problematisch fände, denn damit ginge ­etwas Schönes verloren. Schüchterne Menschen haben ja auch etwas sehr Sympathisches an sich. Durch den Druck der Gesellschaft, perfekt zu sein, fühlen sich aber auch manche Schüchterne zunehmend mit einem Makel behaftet und meinen, sie müssten ihn unbedingt loswerden. Wenn sich mir ein Patient, wie kürzlich geschehen, mit den Worten «Ich bin ein soziales Defizit» vorstellt, stimmt mich das traurig.

Könnte es nicht sein, dass wir zu viel jammern? Unsere Eltern hätten sich nie als ängstlich bezeichnet, auch wenn sie es vielleicht waren.
Diese Art von Härte sich selbst gegenüber hilft nicht bei Angststörungen. Heute darüber reden zu können, ist enorm wichtig und wird meines Erachtens noch zu wenig gemacht. Früher waren solche Menschen nicht sichtbar, aber es gab sie trotzdem. Die positive Seite dieser «Verweichlichung», das Sprechen darüber, erachte ich in diesem Fall als günstig.

Was halten Sie von Selbsthilfe­gruppen? Sind solche Krankheiten durch Reden therapierbar?
Es wird dort ja nicht nur geredet. Wenn man soziale Phobien verlernen will, braucht es andere Menschen. Insofern können Betroffene hier gut profitieren, denn sie treffen auf Menschen, die das Problem kennen. Es darf nur keine reine «Klagegruppe» sein, sondern sie muss die Hoffnung vermitteln, dass man etwas gegen die Störung tun kann.

Und kann man das?
Die Erfolgschancen sind gut, sie liegen bei zwei Dritteln der Betroffenen. Die Behandlung läuft bei uns im Ambulatorium häufig in Gruppen von etwa acht Leuten ab, manchmal aber auch einzeln. Ein wichtiges Element der Therapie ist das alltagsnahe Üben von bestimmten Situationen: Rollenspiele, etwa Telefonieren oder ein Referat halten, zum Teil mit ­Videofeedback. Im Normalfall dauert so eine Gruppentherapie ein knappes halbes Jahr. Aber es gibt Leute mit sehr komplexen Störungen, die brauchen wesentlich länger. Zum Teil kann man den Verlauf mit Antidepressiva unterstützen. Eine Spinnenphobie bringt man innerhalb weniger Therapiesitzungen weg, eine Soziophobie hingen ist wesentlich hartnäckiger. Auch nach der Therapie gibt es für die Betroffenen noch viel zu tun – wir machen Follow-ups, damit die Leute wirklich am Ball bleiben.


Betroffene berichten
 Jung, gebildet – und extrem kontaktscheu

Ursula (28): «Ich habe in Zürich an der Uni Wirtschaft studiert und mit Bachelor und Master abgeschlossen. Aber sozial bin ich dennoch vereinsamt. Da sind zwar Hunderte von Studis, aber man muss dennoch auf die Leute zugehen. Ich würde mich als extrem schüchtern und zurückgezogen bezeichnen, habe Mühe, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Ich brauche extrem viel Lob, aber das hält jeweils nicht lange an, denn ich bin auf der zweifelnden Seite, was mich betrifft. Vor Präsentationen habe ich tagelang Angstzustände. Ich habe schon Medis ausprobiert, aber das ist keine ­Lösung, das Hirn schaltet dann mit ab.

Da ist immer eine konstante Grund­angst: Im Tram frage ich mich zum Beispiel: Was denkt der, die über mich? ­Sicher etwas Schlechtes. Heute, nach fast einem Jahr Selbsthilfegruppe Zürich, ist es etwas besser. Ich arbeite in einem Grossunternehmen im Dienstleistungssektor und kann dem Chef jetzt auch mal Kontra geben. Aber wenn ich weiss, dass mir die Leute bei einem Meeting nicht so gut gesinnt sind, ist es immer noch sehr schwer. Die Rollenspiele im geschützten Rahmen der Gruppe helfen mir. Zum Beispiel in Zürich auf fremde Leute zuzugehen und dumme Fragen zu stellen: Wo ist denn hier der Bärengraben? Und die Antwort dann aushalten. Mit einigen aus der Gruppe gehe ich regelmässig ins Karaoke, da muss man keine Angst haben, sich zu blamieren.»

Pascal (32): «In den letzten zehn Jahren hat sich bei mir eine starke soziale Angst entwickelt, unter anderen Menschen fühle ich mich regelrecht bedroht. Derzeit promoviere ich an der ETH Zürich. Ich habe mich zurückgezogen und bin immer mehr vereinsamt, auch weil das Studium mich so beansprucht hat. Meine sozialen Kontakte habe ich ganz heruntergefahren, der Freundeskreis ist verkümmert. Zürich empfinde ich als sehr anonym – je mehr Leute, desto grös­ser ist der Aufwand, auf sie zuzugehen. Ich bin als Einzelkind überbefürsorgt aufgewachsen und musste Zuneigung eher abwehren. Früher musste ich nie auf Leute zugehen, denn ich bin stets durch Leistung aufgefallen und war meistens der Beste. Da sind die Leute auf mich zugekommen. Jetzt, in einem Umfeld, wo alle sehr gute Leistungen erbringen, kann ich nicht mehr auffallen.

Vor zwei Jahren wurde mein Zustand akut, als eine schwierige Beziehung auseinanderging. Ein halbes Jahr ging gar nichts mehr. Ich konnte nicht das Haus verlassen, nicht lesen, einkaufen. Psychischer Zusammenbruch, Klinik Rheinfelden. Nachher, wieder in Zürich, bin ich dann in den alten Zustand zurück­gefallen. Wieder Nullpunkt! Nicht schon wieder eine Klinik, habe ich mir gesagt. Ich habe nach einer Alternative gesucht und sie im Selbsthilfezentrum gefunden. Seit gut einem Jahr bin ich nun dabei und arbeite inzwischen wieder voll.»

Aufgezeichnet von Ulrike Hark, Namen geändert.

Das Selbsthilfezentrum der Stiftung Pro Offene Türen der Schweiz führt 370 Gruppen zu verschiedenen Themen. Der nächste «Offene Abend» findet am 27.  11.  2014 an der Jupiterstrasse 42 in Zürich statt. www.selbsthilfecenter.ch

Das Zoologische Museum der UZH zeigt bis 14. Dezember die Sonderausstellung «Keine Panik – Tierische Angst im Gehirn». www.zm.uzh.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2014, 02:52 Uhr

Michael Rufer

Der stellvertretende Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Unispital Zürich ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangsstörungen.

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