Digital

Die Musiksammlung verschwindet im Netz

Von Matthias Schüssler. Aktualisiert am 20.06.2011 20 Kommentare

Die Konsumgewohnheiten ändern sich erneut: CDs und Musikdownloads werden durch Streaming-Dienste abgelöst. Der Nutzer bezahlt eine Abogebühr und erhält Zugriff auf ein fast unbegrenztes Angebot.

«Music» von Google bringt die Musiksammlung via Internet aufs Mobilgerät: Der Dienst ist erst in den USA verfügbar.

«Music» von Google bringt die Musiksammlung via Internet aufs Mobilgerät: Der Dienst ist erst in den USA verfügbar.
Bild: PD

Museeka.com

Schweizer Suchmaschine

Wie findet man in einer Musikauswahl von Millionen von Songs die Titel, die man hören oder kaufen möchte? Die grossen Musikplattformen bieten dem Kunden ein Vorschlagssystem, das mit einer Technik namens Collaborative Filtering aufgrund bekannter Vorlieben weitere Titel vorschlägt. Diese Methode hat einen grossen Nachteil: Sie bedient und fördert den Massengeschmack. Titel, die von wenigen Kunden gekauft oder gehört wurden, tauchen selten in den Empfehlungen auf.

Diesem Manko will ein neuer Dienst begegnen. Museeka wurde in der Schweiz an der EPFL Lausanne entwickelt und verwendet einen automatischen Algorithmus, der rund 3000 Eigenschaften eines Stücks analysiert – unter anderem Tempo, Harmonie oder Klangqualität. Daraus entsteht die sogenannte DNA des Titels, die für die Empfehlungen herangezogen wird und die unabhängig von der Popularität eines Stücks entsteht. Museeka kann über deren Website oder über eine App für iPhone und Android genutzt werden. Im Angebot sind im Moment 2,5 Millionen Tracks aus den Katalogen von Sony und EMI, Verhandlungen mit weiteren Musiklabels werden derzeit geführt.Der Dienst steht derzeit einer beschränkten Anzahl von Nutzern gratis zum Test zur Verfügung. Ab 1. August startet der reguläre Betrieb, bei dem für 15 Franken pro Monat unbeschränkt viele Titel via Streaming gehört werden können. Über das kostenlose Angebot Museeka Discover gibt es 30-Sekunden-Hörproben und die Möglichkeit, Songs bei einem der grossen Online-Dienste als Download zu erwerben. (schü)

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Eine grosse Musiksammlung ist ein Statussymbol der Vergangenheit. Angefangen hat der Niedergang der CDs und Langspielplatten als physische Musikträger 2003. In diesem Jahr lancierte Apple den iTunes Store. Das Unternehmen ist mit seinem Online-Laden inzwischen zum grössten Musikverkäufer avanciert. 15 Milliarden Titel hat Apple seither verkauft und den Download als Bezugsform salonfähig gemacht. Das Angebot stellt mit 18 Millionen Songs jeden herkömmlichen Plattenladen in den Schatten. Ausserdem gibt es online fast jeden Titel einzeln zu erwerben.

Bei Musikdiensten wie dem iTunes Music Store oder Amazon MP3 geht eine Musikdatei in den Besitz des Käufers über. Mit dieser Datei kann er jedoch nicht alle Dinge anstellen, die mit einer CD oder LP rechtens wären. Amazon verbietet etwa in den Nutzungs- und Verkaufsbedingungen explizit den Weiterverkauf oder Verleih.

Viel Musik für wenig Geld

Bedenken, die bald keine Rolle mehr spielen dürften. Bei der neuesten Form des Konsums gibt es keine Dateien mehr, die man besitzen könnte. Dienste wie Simfy, Grooveshark oder Soundshack von «20 Minuten» ersetzen den Download durch das Streaming. Titel werden immer vom Server des Anbieters geladen. Der Datenstrom (englisch Stream) wird nicht auf dem Gerät des Nutzers gespeichert (oder nur in unzugänglicher Form für die Offline-Nutzung).

Der Besitz von Musik entfällt, dafür kann sich der Nutzer nach Lust und Laune beim gesamten Angebot bedienen. Es umfasst, je nach Dienst, mehrere Millionen Songs und kann so lange genutzt werden, wie man die Abogebühr zahlt: Musik als Flatrate, bei Simfy beispielsweise ab 12 Franken pro Monat. Es geht sogar gratis, wie Youtube beweist: Die Videoplattform stellt ein grosses Streaming-Angebot für populäre Musik zur Verfügung. Ein Teil der Titel wird von den Interpreten selbst zu Werbezwecken veröffentlicht. Den Rest laden Fans hoch, was nicht legal ist, von den Rechteinhabern aber oft toleriert wird.

Einfachheit ist das Zauberwort

Der Schaden wäre grösser, wenn sie nicht auf Youtube präsent wären. Ein Vorteil der Streaming-Dienste ist das riesige Angebot. Es fehlt ihm zwar an den Raritäten, mit der eine jahrzehntelang gepflegte private Musiksammlung aufwartet. Aber sie bedient ideal die Konsumenten mit einem Aufmerksamkeitsdefizit, die sich also weniger gewohnt sind, Alben ganz zu hören, und lieber impulsiv von einer Popnummer zur nächsten zappen. Neue Dienste wollen aber auch dem ernsthaften Musikliebhaber einen Mehrwert bieten. Die junge Schweizer Suchmaschine museeka.com (siehe Kasten) verspricht aufregende Entdeckungen jenseits des Mainstreams. Durch Auswerten und Vergleichen des «Erbguts» passender Tracks kommt die Software auch unbekannten Interpreten aus der Alternative-, Jazz- oder Klassik-Ecke auf die Spur. «Es ist eine Frage der Vorliebe», erklärt Lars Farnstrom, Mitgründer und Geschäftsführer von museeka.com.

«Viele Leute haben viele CDs zu Hause, die sie sich nie anhören. Streaming gibt, zum kleinen Preis, einfachen Zugang zu aller Musik.» Einfachheit ist das Zauberwort auch bei den neuen Diensten, welche die private digitale Musiksammlung mit der sogenannten «Cloud» im Internet verheiraten. Amazon, Google (GOOG 699.97 -0.09%) und Apple haben angekündigt, sich der zunehmend komplizierten Verwaltung anzunehmen. Dieses Problem taucht auf, weil wir Musik auf immer mehr Geräten konsumieren. Nebst dem Heimcomputer kommen auch Büro-PC und Mobilgeräte zum Einsatz. Da iPods, Smartphones und Tablets oder das populäre MacBook Air wenig Speicherkapazität aufweisen, muss der Anwender entscheiden, welche Teilmenge seiner Sammlung er pro Gerät mit sich führt. Die Lösung heisst bei Google Music Beta und bei Amazon Cloud Player, beide sind erst in den USA verfügbar: Die ganze Musik muss auf einen Server im Netz hochgeladen werden und wird anschliessend nach Bedarf gestreamt.

Nur Brosamen für die Musiker

Apple hat bei der frühestens ab Herbst verfügbaren iCloud eine kostenpflichtige Funktion namens iTunes Match eingebaut, die auf dem eigenen Computer vorhandene Songs durch eine qualitativ hochwertige Version in der iCloud ersetzt, die automatisch auf alle eigenen Geräte heruntergeladen wird. Manche sehen darin bereits auch einen Weg, illegal angeschaffte Musik aus Tauschbörsen zu legalisieren.

Ein negativer Aspekt der Streaming-Dienste ist: TheCynicalMusician.com hat 2010 berechnet, wie sich die neuen Vertriebsformen auf die Einnahmen von Musikern auswirken. Wie kommt ein Musiker auf einen Mindestlohn von 1160 US-Dollar im Monat? Von einer selbst gepressten CD muss er lediglich 143 Stück verkaufen. Im Laden wären bereits 1161 Platten abzusetzen. Bei iTunes braucht es 1229 Album-Downloads. Beim Streaming-Dienst Last.fm müsste ein Stück hingegen 1'546'667-mal und via spotify.com 4'053'110-mal gespielt werden, um den Mindestlohn einzuspielen. Für Fans müsste dies Grund genug sein, die Lieblingsbands auch weiterhin mit einem herkömmlichen Albumkauf zu unterstützen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2011, 20:59 Uhr

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20 Kommentare

Brian Schlegel

20.06.2011, 10:45 Uhr
Melden 15 Empfehlung 0

Die ganze Streaming- und Cloud-Idee ist ja gut und recht, aber wie soll ich mit meinem Swisscom Liberty Mezzo und seinen 250 MB Daten pro Monat Musik und anderes auf mein Mobilgerät streamen? Bevor man das ganze wirklich unbeschwert nutzen kann, steht noch irgend ein revolutionärer Umbruch seitens der Telecom-Anbieter an. Antworten


Marco Lardi

20.06.2011, 06:51 Uhr
Melden 13 Empfehlung 0

Wie kann bei einer MP3 Aufnahme von einer qualitativ hochwetigen Aufnahme gesprochen werden? Da wird ein
VW Käfer als Ferrari verkauft.
Antworten



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