Portrait

Die Social Media Queen

Internetstars sind in der Regel männliche Nerds, steinreich und im Silicon Valley ansässig. Es gibt aber auch Ausnahmen: Die New Yorkerin Rachel Sterne. Sie trägt Stilettos und arbeitet für die Stadtverwaltung.

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Ende August war New York in einem Ausnahmezustand. Nachdem der Hurrikan Irene über die Karibik hinweggefegt war und massive Schäden verursacht hatte, hielt der Sturm direkt Kurs auf die dicht bevölkerte Metropole. Millionen von Menschen verschanzten sich in ihren Wohnungen und warteten auf die sintflutartigen Regenfälle und Sturmwinde.

Während die Menschen mit Taschenlampen, Wasserflaschen und Transistorradios auf die Katastrophe warteten, hielt eine Frau im Rathaus New Yorks die Stellung. Bewaffnet mit Mac Book Pro, Blackberry und iPhone sass Rachel Sterne in ihrem Büro und führte ein Echtzeitexperiment durch. Mithilfe von bekannten Onlinediensten wie Twitter, Facebook, Youtube, Flickr, Tumblr und Crowdmap dokumentierte sie den Verlauf der drohenden «Naturkatastrophe».

Experiment kurz, aber erfolgreich

Sie verfolgte genau, was die Menschen aus den fünf Stadtbezirken ins Internet stellten. Sterne aktualisierte aufgrund dieser Informationen die Webseite der Stadtverwaltung, verschickte via Twitter Warnungen, und sie erstellte Karten, die mit eingereichten Fotos von Bürgern verlinkt waren, um vor umgeknickten Bäumen, Überschwemmungen oder Stromausfällen zu warnen. Die Arbeit der jungen Frau erreichte ein Millionenpublikum. Durch die Interaktion mit der Bevölkerung erfasste Sterne die Lage besser und schneller, als es andere öffentliche Dienste konnten.

Glücklicherweise war das Experiment nicht von langer Dauer, denn der Megasturm traf die Ostküste weniger hart als befürchtet. Sterne konnte den Einsatz relativ schnell beenden. Die Leistung blieb der Bevölkerung jedoch nicht verborgen. Die Zugriffszahlen auf die Webseiten der New Yorker Regierung stiegen kontinuierlich an. Der neue Umgang mit Social Media sorgte für Aufsehen.

Seit Ende August ist Sterne so etwas wie ein Star. Jüngst widmete gar die Modezeitschrift «Vogue» der 28-Jährigen einen mehrseitigen Bericht, die als oberste Digitalchefin für die New Yorker Verwaltung arbeitet. Die Fotostrecke zeigt eine hübsche junge Frau in High Heels, die ebenso als Model arbeiten könnte und ganz und gar nicht dem Klischee von Leuten entspricht, die mit Social Media ihr Geld verdienen.

Erste Digitalchefin New Yorks

Sterne ist noch nicht lange die Internetchefin New Yorks. Im Januar ernannte Bürgermeister Michael Bloomberg sie zum Chief Digital Officer seiner Administration. Das sorgte landesweit für Schlagzeilen, denn New York ist bis heute die einzige US-Metropole, die eine solche Spezialistin beschäftigt. Nur in London und Rio de Janeiro arbeiten Personen mit einem ähnlichen Jobprofil.

Die Idee Bloombergs ist einfach: Statt Social Media im Büroalltag zu verbieten, wie es heute in Verwaltungen oder Unternehmen gang und gäbe ist, hat sich der Bürgermeister zum Ziel gesetzt, die digitale Kommunikation in seiner Verwaltung zu verbessern, die Website Nyc.gov auf dem Laufenden zu halten und Social Media fest zu etablieren. Mit der neuen Strategie soll die Kommunikation mit den Bürgern vereinfacht werden und Vertrauen geschafft werden. «Die Art und Weise, wie wir kommunizieren, hat sich verändert. Wir pflegen unsere Beziehungen heute über Facebook oder holen uns die Informationen über Twitter. Wenn wir bei den Bürgern mit unseren Inhalten relevant bleiben wollen, müssen wir diese Kanäle nutzen», erklärt Sterne in der «Vogue».

«Ehrgeizige Ziele mit New York»

In den ersten 90 Tagen als oberste Internetverantwortliche von New York war Sterne mit dem Verfassen eines 68-seitigen Berichts mit dem Titel «Road Map for the Digital City» beschäftigt. Der Bericht, Bloomberg stellte ihn im Mai an einer Pressekonferenz vor, zeichnet die digitalen Pläne der Stadt nach. Sterne will beispielsweise in allen Parks gratis Wi-Fi anbieten oder über Apps Bürger vor Restaurants oder Clubs warnen, die gegen Gesundheits- oder Sicherheitsregeln verstossen. Ein Projekt hat sie bereits erfolgreich umgesetzt. Auf der Plattform «The Daily Pothole» können Bürger gefährliche Schlaglöcher dokumentieren, um Autofahrer zu warnen, denn die Strassen New Yorks sind teilweise in einem miserablen Zustand.

Dass Bloomberg auf eine junge Kraft wie Sterne setzt, kommt nicht von ungefähr. Sie war vor ihrem Engagement Internetunternehmerin und beeindruckte den Bürgermeister mit ihrem Leistungsausweis. Sie baute beispielsweise die Bürgerjournalisten-Plattform Ground Report auf, die ihren Namen in der Start-up-Szene bekannt machte. Zudem war sie regelmässige Rednerin an bekannten Internetkonferenzen wie der TED oder referierte als Dozentin an der Universität Columbia zu Jungunternehmertum.

Die Ernennung zur obersten Social-Media-Chefin New Yorks machte Sterne weit bekannt. Ihre Person steht stellvertretend für die neue Internet-Ära der New Yorker Regierung. Zusammen mit ihrem Verlobten Max Haot, Mitgründer und CEO des Onlinedienstes Livestream, schaffte sie sogar den Sprung auf die Liste der mächtigsten Medienpaare New Yorks. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.11.2011, 14:10 Uhr

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