Die intelligente Kamera erkennt den Terroristen

In einer Airbus-Attrappe testet die EU ein Kamerasystem, das gefährliche Situationen erkennen soll. Schon im Einsatz sind Spezialkameras in Lebensmittelläden, die Diebe suchen.

Die Möglichkeiten, die Forscher in neuen Kameratechniken sehen, wirken noch wie Sciencefiction.

Die Möglichkeiten, die Forscher in neuen Kameratechniken sehen, wirken noch wie Sciencefiction.

Sie suchen selbst nach Hinweisen auf kleine «Freundschaftsdienste»: Zum Beispiel wenn ein Kassierer gleich zwei Produkte auf einmal am Scanner vorbei zieht, damit nur eines registriert wird. Da es nicht genug menschliche Augen gibt, um so etwas zu verhindern, setzt Big Y, eine Kette von Lebensmittelläden im US-Staat Massachusetts, auf Technik - mit Konsequenzen, die weit über den unehrlichen Kassierer hinaus gehen.

Die mathematischen Algorithmen in den neuen Kameras suchen eigenständig nach Auffälligkeiten. Da muss kein Wachmann stundenlang auf mehrere Monitore starren oder endlose Aufzeichnungen kontrollieren. Wenn das System denkt, dass es etwas entdeckt hat, alarmiert es automatisch das Management und bietet die Bilder an.

Sciencefiction oder Realität?

Die Möglichkeiten, die Forscher in diesen neuen Techniken sehen, wirken noch wie Sciencefiction. So sollen derartige Systeme erkennen können, wenn ein Koffer oder ähnliches auf dem Bahnhof stehen gelassen wird, oder sie könnten eine Flugzeugbesatzung alarmieren, wenn sich die Gefahr eines Terroranschlags abzeichnet. In Chicago laufen schon Kameras mit einer «Anomalie-Erkennung», die direkt mit der Notfallzentrale der Stadt verbunden sind.

«Einige der Behauptungen sind einfach lächerlich», sagt Oliver Vellacott, Chef der britischen Firma IndigoVision, die Video-Analyse-Technik anbietet. «Zum Beispiel, dass man das verdächtige Verhalten einer Person erkennen kann, die einen anderen auf der Strasse niederstechen will.»

Situationen in Flugzeugen erkennen

Bei Big Y, wo die Kameras nach ungewöhnlichen Bewegungen suchen, war der zuständige Manager Mark Gaudette schon nach drei Monaten überzeugt. Er beschloss, das System in allen 58 Läden einzusetzen. «Wir haben erkannt, dass wir ein Problem mit der Ausbildung haben», sagt Gaudette. In vielen Fällen hätten die Kassierer einfach nicht erkannt, dass sie die Scanner verfehlt hatten. «Die meisten Leute sind einfach zu abgelenkt», sagt Gaudette. Was das neue System kostet, wollte er nicht sagen, die Einsparungen sollen sich aber auf bis zu drei Millionen Dollar im Jahr belaufen.

Nun ist das Einsatzgebiet der Kameras in Lebensmittelläden begrenzt. Viel schwieriger wird es, wenn zum Beispiel ein einzelner Terrorist inmitten einer grossen Gruppe von Flugpassagieren erkannt werden soll. Unmöglich sei das aber nicht, sagen einige Forscher. James Ferryman von der Universität von Reading in Grossbritannien leitet eine Forschungsgruppe, die genau das untersucht. Finanziert werden die Arbeiten zum Teil auch von der Europäischen Union. In einer Airbus-Attrappe testen sie ein Kamerasystem, das gefährliche Situationen in Flugzeugen erkennen soll.

Computer analysieren komplexe Situationen

Einige Kameras konzentrieren sich dabei auf das Gesicht und den Oberkörper der Passagiere und versuchen, Hinweise auf ein bevorstehendes ungewöhnliches Verhalten zu erkennen, erklärt Ferryman. Das können zum Beispiel Schweissausbrüche sein. Ein Zentralrechner analysiert diese und andere Daten, um zu errechnen, wie gross die mögliche Gefahr ist. Dabei müssen aber auch viele andere Faktoren mit einbezogen werden: Ist es ein Kurzstrecken- oder Transatlantikflug, sind fast nur Geschäftsreisende oder vor allem Familien an Bord? Was in einer Situation eine Gefahr sein kann, ist es in der anderen nicht, sagt Ferryman. «Und man will ja kein System, das ständig falschen Alarm auslöst.»

Kritische Bürgerrechtler

Trotz der grossen Komplexität ist Ferryman zuversichtlich, dass es automatische Detektoren zur Gefahrenerkennung geben wird. Bürgerrechtler sehen dies aber sehr kritisch. Die Gruppe der Amerikanischen Bürgerrechtsunion (ACLU) in Illinois fordert mit Blick auf das System in Chicago vor allem ein grösseres Mitspracherecht der Öffentlichkeit beim Einsatz und der Kontrolle der Überwachungskameras. Erst dann werde man sehen, ob ein solches System wünschenswert oder effektiv sei und ob es die Privatsphäre nicht verletze, erklärt Ed Yohnka, Sprecher der ACLU in Illinois. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 12.05.2009, 09:33 Uhr


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