«Es besteht die Gefahr, dass Kinder dumm, dick und aggressiv werden»

Der Psychiater und Hirnforscher Manfred Spitzer warnt vor den Auswirkungen des Gebrauchs von Computern, Smartphones und Spielkonsolen. Er fordert eine Rückbesinnung auf die reale Welt.

Kinder, die viel vor dem Bildschirm sitzen, können sich Dinge schlechter merken: Dreijährige mit Laptop.

Kinder, die viel vor dem Bildschirm sitzen, können sich Dinge schlechter merken: Dreijährige mit Laptop. Bild: Keystone

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Herr Spitzer, in Ihrem Buch «Digitale Demenz» kritisieren Sie die technischen Errungenschaften, deren Gebrauch vielen Kindern so grossen Spass macht. Wollen Sie die Zeit zurückdrehen?
Überhaupt nicht. Es geht mir nicht darum, zurück in die Steinzeit zu gehen. Ich möchte lediglich zeigen, dass die Benutzung von Computern, Fernsehern, Smartphones bis hin zu Playstations auch Gefahren mit sich bringt. Die geistige Entwicklung der Kinder kann beeinträchtigt sein, Aggressivität wird gefördert, und der Bewegungs- und Schlafmangel führt oft zu Übergewicht. Kurz, es besteht die Gefahr, dass die Kinder dumm, aggressiv und dick werden. Dies ist nicht nur meine persönliche Meinung, sondern ich habe es im Buch mit mehr als zweihundert Studien belegt.

Was für Studien?
Zum Beispiel mit einer Gruppe von Schülern im Alter von sechs bis neun Jahren, von denen die Hälfte für vier Monate eine Playstation bekam. Diese Studie haben Forscher an der Denison University in Granville, Ohio, durchgeführt. Sie kommt zu dem klaren Ergebnis, dass die Leseleistungen von Kindern mit einer Playstation signifikant schlechter ist als die der Kinder ohne Playstation, die sich in den vier Monaten deutlich verbessert hatten. Ähnlich war es beim Schreibtest. Auch die Schulprobleme der Kinder mit Playstation nahmen signifikant zu. Es kann einfach nicht im Interesse der Gesellschaft sein, dies zuzulassen.

Computer können Schüler aber auch bei ihrer Arbeit, zum Beispiel einem Referat, unterstützen, indem sie sich viele Informationen aus dem Internet holen.
Natürlich geht heute in der Welt der Erwachsenen nichts mehr ohne Computer. Sie nehmen uns geistige Arbeit ab. Doch dieses «Outsourcing von Hirntätigkeit» führt zu einem schleichenden Gedächtnisverlust. Besonders schlimm ist dies bei Kindern. Wenn sie am Computer arbeiten, können sie sich die Dinge schlechter merken und sind unaufmerksamer. Sie googeln hier und dort, klicken den einen oder anderen Hyperlink an und kopieren irgendetwas aus Texten heraus. Das ist ein sehr oberflächlicher Umgang mit dem Material, und genau deswegen bleibt wenig im Gedächtnis hängen. Zudem trainiert man sich durch diese Arbeitsweise eine Aufmerksamkeitsstörung an. Das ist fatal.

Wie wollen Sie das verhindern? Wir leben im 21. Jahrhundert, Computer sind Teil unserer Kultur.
Auch Alkohol ist Teil unserer Kultur. Doch keiner würde auf die Idee kommen, Alkoholpädagogik im Kindergarten oder Alkoholkurse in der Primarschule anzubieten. Wir wissen, dies ist nicht gut für kleine Kinder und schadet deren Entwicklung. Deshalb müssen Kinder mit Alkohol warten, bis sie 16, 17 oder 18 Jahre alt sind. Dennoch ist Alkoholabhängigkeit in unserer Gesellschaft ein Problem, und es sterben jährlich Tausende daran. Internet- und Computerspiele machen süchtig, erregen im Gehirn genau die gleichen Strukturen wie harte Drogen, aber wir stellen sie dennoch in die Kinderzimmer. Obwohl wir wissen, dass es den Kindern und ihrer Entwicklung schadet. Denn durch das Chatten, Gamen und Surfen kommt es zu Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Sprachentwicklungsstörungen, Ängsten, Schlafstörungen, Depressionen, Vereinsamung und höherer Gewaltbereitschaft.

Es gibt jedoch Neurobiologen, die sagen, dass etwa das E-Learning auch für die Kleinen gut sei und sie medienkompetent mache.
Das ist Unsinn! Vielleicht haben diejenigen, die dies behaupten, selbst keine Kinder oder lesen die wissenschaftlichen Studien nicht. E-Learning ist bekanntermassen unwirksam, weswegen man es durch «blended learning» ersetzt hat – eine eigenartige Redewendung, denn «to blend» heisst «mischen», und «beigemischt» wird der Lehrer! Weil es ohne ihn nicht geht. Das Gehirn eines Kindes ist auf die reale Realität angewiesen und kann von Bildschirmen und Lautsprechern wesentlich schlechter lernen als von Dingen und Erlebnissen in der wirklichen Welt. Wer sich als Forscher seriös damit auseinandersetzt, weiss ganz genau, dass eine digitale Dauerberieselung zu kognitiven Folgeschäden führt.

Haben Sie selbst Kinder?
Ja, fünf erwachsene Kinder und eine kleine Tochter. Die Grossen sind schon aus dem Haus und studieren. Als sie noch klein waren, haben wir den Fernseher abgeschafft, denn es gab dauernd Streit darüber, wer was sehen durfte. Unsere Kinder schauten dann zwar hin und wieder bei Nachbarn Fernsehen, doch haben wir die Dosis durch diesen Schritt drastisch reduziert. Und darauf kommt es an, denn die Dosis macht das Gift. Wir hatten auch einen Computer, den sie aber nur für Referate oder E-Mails benutzen durften. Onlinespiele waren bei uns verboten, und das wussten sie auch.

Ist Ihr Engagement nicht ein Kampf gegen Windmühlen?
Das mag sein, aber ich bin Wissenschaftler und trage daher ja auch Verantwortung. Und ich will mir in zwanzig Jahren nicht von meinen Kindern sagen lassen: «Papa, du hast das alles gewusst. Warum hast du nichts unternommen?» Es gibt immer mehr Menschen, die vor einem Bildschirm vereinsamen, ein Burn-out bekommen, an Gewicht zunehmen und sich schlecht fühlen, weil sie zunehmend fremdbestimmt werden und ihr Leben immer weniger selbst im Griff haben. Darauf weise ich in meinem Buch deutlich hin.

Es wird prophezeit, dass schon bald die Generation der «digital natives» den Ton angeben wird. Ist dies nicht nur ein Generationenkonflikt?
Das sehe ich nicht so. Man muss sich mal klarmachen, dass auch Koryphäen wie der Gründer der Firma Microsoft, Bill Gates, oder der Apple-Gründer Steve Jobs als Kind noch keine Computer hatten. Sie kamen also nicht bereits als «digital natives» auf die Welt und wuchsen in diesem Umfeld so auf.

Sind Sie auch dagegen, dass ein Kind über soziale Netzwerke wie Facebook kommuniziert?
Das hängt zum einen erheblich vom Alter ab, und zum anderen ist es wichtig, dass es bereits Freunde in der realen Welt hat und diese dort auch trifft. Wieder gilt: Kinder und Jugendliche brauchen viel gemeinsame Zeit mit anderen Kindern und Jugendlichen, also mit realen Menschen, nicht Avataren oder Robotern. Denn unser «soziales Gehirn», also diejenigen Bereiche des Gehirns, die für soziales Denken und Handeln zuständig sind, braucht das gemeinsame Erleben in einer echten, sozialen Gemeinschaft zu seiner Entwicklung.

Ist das nicht eine altmodische Sichtweise?
Das wirft man mir immer wieder vor. Doch ich bin nicht technikfeindlich und denke, dass es für das eine oder andere Kind vielleicht auch mal lustig ist, am Computer beispielsweise etwas zu zeichnen. Schliesslich probieren Kinder gern etwas Neues aus. Aber Zeichnen und Malen lernt man wirklich nur mit richtigen Stiften, Farben und Papier. Mit meinem Buch will ich vor allem Eltern, Lehrern und auch politischen Entscheidungsträgern klarmachen, dass sie gegenüber den Kindern eine Verantwortung haben und diese auch wahrnehmen müssen.

Haben Sie als Psychiater auch Patienten mit Computerspiel- und Internetsucht?
Ja, deshalb warne ich ja auch so vehement davor. Denn ich bin als Ärztlicher Leiter ständig mit diesen Problemen konfrontiert. Man sollte sich vergegenwärtigen, dass ein durchschnittlicher Jugendlicher in Deutschland 7,5 Stunden pro Tag digitalen Medienkonsum betreibt. Bei 35 Schulstunden zu je 45 Minuten pro Woche ergeben sich 3,75 Stunden Schule pro Tag. Wir verwenden also täglich die doppelte Zeit für den Konsum digitaler Medien als für den gesamten Schulstoff! Kein Wunder, dass man dann keine Zeit mehr für Sport oder andere Tätigkeiten hat. In den USA liegt die tägliche Mediennutzungszeit der 8- bis 18-Jährigen sogar bei 10 Stunden und 45 Minuten. Das kann nicht folgenlos bleiben.

Welche Symptome hat ein Internetjunkie?
Wenn einer fast rund um die Uhr beim Onlinerollenspiel «World of Warcraft» herumballert, leidet er, wenn er plötzlich offline ist. Es gibt ähnliche Entzugssymptome wie bei Drogenabhängigen, und es braucht viel Zeit, sie allmählich vom Computer und diesem Spiel wegzubekommen. Häufig sind die jungen Leute nur noch in ihrer virtuellen Welt als Avatar unterwegs und müssen erst wieder lernen, dass das reale Leben auch interessant und spannend sein kann. Man kann es sich kaum vorstellen, aber sie drohen, sich umzubringen oder sich die linke Hand abzuhacken, wenn sie nicht mehr online sein dürfen. Die jungen Menschen hocken die ganze Zeit in ihrem Zimmer und bewegen sich kaum noch. Ich hatte sogar schon Patienten, die nicht mehr aufs WC gegangen sind, sondern einen Kehrichteimer neben den Computer gestellt hatten. Aus purer Angst, etwas zu verpassen. Da fragt man sich doch, wohin das alles führt.

In Ihrem Buch sagen Sie, dass das Gehirn des Menschen für das Multitasking nicht gemacht ist. Dennoch leiten Sie selbst ein Institut, schreiben Bücher, halten Vorträge und haben eine grosse Familie. Wie schaffen Sie das?
Ich kriege es auch nur hin, weil ich als Kind noch kein Smartphone und keinen Computer hatte und weil ich auch heute nicht andauernd meine Mails oder SMS checke und meine Zeit vor dem Fernseher verschwende. Zudem bin ich hoch motiviert, etwas zu ändern, um den Leuten das Wissen aus der Hirnforschung näherzubringen. Ich möchte, dass unsere Kinder richtig lernen, Freude an der Welt und vor allem ihren Mitmenschen haben und fähig werden, Probleme zu lösen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 24.07.2012, 08:57 Uhr)

Manfred Spitzer (54) ist Professor für Psychiatrie, Hirnforscher und Leiter des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen. Seit 14 Jahren ist er ärztlicher Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Ulm.

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