Interview

«Geheimhaltung ist für das Wohl einer Gesellschaft entscheidend»

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen – Diskretion sei ein Grundpfeiler der modernen Gesellschaft, warnen zwei ETH-Sicherheitsexperten. Aber: Eine Demokatie muss Wikileaks aushalten können.

Bürgerliche Kardinaltugenden: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

Bürgerliche Kardinaltugenden: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Stefano Balietti und Dirk Helbing arbeiten als Soziologie-Professoren an der ETH Zürich. Eben haben sie ein Weissbuch zur Datensicherheit publiziert, welches aktueller – siehe Wikileaks, siehe Facebook – nicht sein könnte.

Es scheint, als ob mit Facebook wie auch mit Wikileaks ein Zeitalter der totalen Offenheit eingeläutet wurde. Was sind die Konsequenzen?
Dirk Helbing: Der Trend geht offensichtlich in Richtung mehr Transparenz, aber die wichtigste Frage ist völlig ungeklärt...

...nämlich wie das unsere Gesellschaft ändern wird.
Dirk Helbing: Genau. Privatheit und Geheimhaltung an der richtigen Stelle sind für das Wohl einer Gesellschaft entscheidend. Gerade im ökonomischen Bereich spielt Geheimhaltung eine zentrale Rolle – ohne sie gäbe es keinen Anreiz für Firmen, in aufwändige Forschung zu investieren, die erst längerfristig rentiert. Viel billiger wäre es, Innovationen bei der Konkurrenz abzuschauen.

Jetzt übertreiben Sie.
Dirk Helbing: Wenn jeder weiss, was der andere tut und denkt, kann das zu Konformismus führen, der sehr schnell gefährlich werden kann. Ein Blick in die Geschichte zeigt die katastrophalen Folgen. Einheitsdenken öffnet Ausgrenzung und Stigmatisierung von Minderheiten Tür und Tor. Doch soziale Normen ändern sich schnell und die Mehrheiten von heute könnten die Minderheiten von morgen sein. Zudem sind es erwiesenermassen oft Angehörige einer Minderheit, die zukunftsweisende Entwicklungen erst möglich machen. Eine Gesellschaft ist also auf ihre Minderheiten und ihren adäquaten Schutz angewiesen. Mit der Gefährdung des Pluralismus – oder der Soziodiversität – wäre die Grundlage einer jeden demokratischen Gesellschaft bedroht.

Das klingt reichlich abstrakt – was bedeutet der Verlust der Privatsphäre konkret?
Dirk Helbing: Versicherungen würden es natürlich begrüssen, wenn sie Patienten in Risikogruppen unterteilen und dann individuelle Risikoprämien verlangen könnten, und zwar in einem Masse, wie es mit dem Gedanken der Solidargemeinschaft unvereinbar ist. Denken Sie etwa an die höheren Prämien für Frauen. Nicht zu vergessen, dass es Berufsgruppen gibt, für die der Schutz ihrer Privatsphäre unter Umständen lebenswichtig sein kann: Wenn Lehrer, Richter und Staatsanwälte nicht mehr ohne Angst vor Vergeltung ihre Tätigkeit objektiv ausüben können, dann kann ein moderner Staat nicht gut funktionieren.

Warum gibt es dann aber diesen Trend zu mehr Transparenz?
Dirk Helbing: Wissen ist Macht, wenn es in den Händen weniger liegt. Es existiert daher die Idee, dass vollkommene Transparenz eine gerechte Welt hervorbringt, in der es keine Machtverzerrungen durch Informations-Asymmetrien gibt. Diese Annahme muss man aber hinterfragen. Es stellt sich nämlich heraus, dass eine vollkommen transparente Welt auch eine Welt der Informationsüberflutung ist, und dass sich Menschen unter solchen Umständen am Denken und Verhalten anderer orientieren, anstatt die Fakten unabhängig voneinander zu beurteilen. Dies kann einem gefährlichen Herdenverhalten Vorschub leisten. Wir konnten experimentell zeigen, dass dies kollektive Fehleinschätzungen begünstigt und die «Weisheit der Vielen» unterminiert. Dies war auch bei der Finanzkrise der Fall.

Denis Simonet, Präsident der Schweizer Piratenpartei, der das Vorgehen von Wikileaks-Chef Julian Assange verteidigt, sagt: «Es gibt nichts Öffentlicheres als offizielle Vertreter von Regierungen. Wenn Wikileaks offenbart, was hier schiefläuft, ist das ein grosser Beitrag an die Menschheit.» Einverstanden?
Dirk Helbing: Der Staat muss um grösstmögliche Transparenz bemüht sein, der Bürger muss ein Recht auf Information haben. Das ist wichtig für die Legitimation einer Regierung, denn sie soll ja den Willen des Volkes repräsentieren. Es muss also nachvollziehbar sein, dass die Interessen der Bevölkerung auch angemessen wahrgenommen werden, ansonsten entsteht ein Graben zwischen Politik und Gesellschaft. Dennoch muss ein Politiker die Möglichkeit haben, über schwierige Fragen im vertrauten Kreis sprechen zu können, ohne dass alle Überlegungen an die Presse gelangen.

Und wenn das nicht mehr möglich ist?
Dirk Helbing: Politiker werden sich Denkverbote auferlegen, die sie nicht haben sollten. Eine Tabuisierung kann das Finden von Lösungen erheblich behindern und in bestimmten Fällen sogar selber zu Katastrophen führen. Beispielsweise könnten viele Konflikte nicht überwunden werden, wenn sich die Öffentlichkeit zu sehr einmischen würde. Bestimmte Prozesse, besonders jene, die viel Vertrauen erfordern, sind extrem sensibel. Wenn eine kooperative Lösung gefunden werden muss, ist es oft erforderlich, den eigenen Egoismus zurückzustecken.

Die Sanktionen von Amazon, Paypal, Mastercard und Co. werfen die Frage auf: Was hat Wikileaks überhaupt verbrochen?
Stefano Balietti: Die Frage ist berechtigt. Seitens der USA gibt es nach wie vor keine Anklage. Offenbar ist es nicht leicht, einen Straftatbestand zu formulieren und nachzuweisen, sonst wäre längst ein Haftbefehl ergangen. Manche würden Assange wohl am liebsten für Geheimnisverrat belangen, aber dieser kann ihm wohl nicht unmittelbar angelastet werden. Es gibt auch Gerichtsurteile, die besagen, dass in einer Demokratie die Pressefreiheit stärker wiegt. In anderen Worten, eine Demokratie muss so etwas wie Wikileaks aushalten können. Die befürchteten Katastrophen blieben bisher aus. Auch wird die Überflutung mit geheimen Depeschen die Öffentlichkeit wahrscheinlich bald abstumpfen. Eigentlich regt sich schon kaum mehr jemand über sie auf. Oft werden nur die Vermutungen bestätigt, welche die Öffentlichkeit ohnehin bereits hatte.

Ist die Macht des Netzes – die sich in Protest- und Hackeraktionen gegen Regierungen und Unternehmen richtet – eine neue Ausdrucksform von Demokratie? Oder muss man das als Cybervandalismus bezeichnen?
Stefano Balietti: Die Bürger fühlen sich oft von den Entscheidungen der Mächtigen übergangen. Sie haben erkannt, dass sie mitreden und sich einmischen müssen, damit die Wirtschaft und Politik nicht aus dem Ruder läuft, wie das etwa bei der Finanzkrise der Fall war. Daher möchten viele Bürger mehr Demokratie von unten. Dem verleihen sie nun mit den neuen Technologien des Internetzeitalters Ausdruck. Insofern ist das tatsächlich eine neue Form der demokratischen Meinungsäusserung. Man wird hier allerdings neue Regeln finden müssen.

Die Internet-Attacken resultierten daraus, dass im Falle der Reaktion auf Wikileaks anscheinend viele akzeptierte Grundlagen unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft plötzlich über den Haufen geworfen wurden.
Stefano Balietti: In einer solchen Situation muss es sicher in einem gewissem Umfang erlaubt sein, seinem Protest auf öffentlich wahrnehmbare Weise Ausdruck zu verleihen. Wenn Lastwagenfahrer im Streik eine Autobahn blockieren, werden sie ja auch nicht gleich ins Gefängnis gesteckt. Mittel und Grenzen des Protests müssen nun gesellschaftlich neu ausgelotet werden.

Viele ärgern sich über die von Wikileaks gesammelte – und publizierte – Datenmenge. Gehen von kommerziellen Unternehmen wie Google und Facebook nicht viel grössere Gefahren aus?
Dirk Helbing: Möglicherweise ja. In der Tat hinterlassen wir jeden Tag hunderte von Datenspuren, die es bestimmten Unternehmen im Prinzip erlauben würden, Bewegungs- und Persönlichkeitsprofile zu erstellen, besonders wenn verschiedene Daten zusammengeführt werden.

Die Werbewirtschaft etwa hat ein grosses Interesse am gläsernen Bürger...
Dirk Helbing: ...und wir sind ihm heute zum Teil schon sehr nah. Wenn die Daten in die falschen Hände geraten, reichen die Bedrohungen vom Identitätsdiebstahl bis zur Verhaltensmanipulation und zur Erpressung. Zum Beispiel aufgrund der religiösen Zugehörigkeit, sexuellen Präferenzen oder Krankheiten. Heute ist eigentlich niemand mehr vor dem Missbrauch seiner Daten sicher.

Dann braucht es Regeln für Transparenz. Welche?
Stefano Balietti: Was den Staat angeht, so ist er dem Volk gegenüber Rechenschaft schuldig, und das erfordert ausreichende Transparenz. Beispielsweise könnten die meisten Daten von Verwaltungsvorgängen nach wenigen Jahren anonymisiert ins Netz gestellt werden. Dies ist die beste Vorbeugung gegen Korruption. Die Open-Data-Initiative hat beispielsweise in Grossbritannien dazu geführt, dass die Archive von Politik und Verwaltung für die Öffentlichkeit zugänglich werden. Langfristig wird dies das Vertrauen in die Politik steigern.

Und bei Unternehmen?
Stefano Balietti:
Auf der privaten Ebene muss jeder leicht ermitteln können, wer welche Daten über ihn selber speichert und wie diese Daten verwendet werden. Wenn Urheberrechtsverletzungen unter Strafe stehen, ist es nicht einzusehen, warum die nicht-autorisierte Weitergabe von persönlichen Daten nicht ebenso unter Strafe gestellt und genauso konsequent verfolgt wird.

Welche Privatheitsbereiche sind Ihrer Ansicht nach nicht verhandelbar?
Dirk Helbing: Eigentlich ist im Prinzip alles privat, was nicht an der Öffentlichkeit passiert und nicht für die Öffentlichkeit gedacht ist. Das sind zum Beispiel Partyfotos, die man mit Freunden teilt. Der Schutz der Privatsphäre darf nur dort eingeschränkt werden, wo anderen sonst ein substanzieller Schaden zugefügt wird.

Öffentlichkeit ohne Privatheit. Geht das überhaupt?
Dirk Helbing: Die Öffentlichkeit verlangt von uns jeden Tag, uns tausendfach sozialen Normen zu unterwerfen, auch wenn sie mit unseren persönlichen Präferenzen unvereinbar sind. Die Privatsphäre ist die Nische, wo Menschen so sein dürfen, wie sie sind. Würde das Privatleben von jedermann sichtbar werden, so würde man auch erkennen, wie oft die individuellen Präferenzen und Verhaltensweisen gegen soziale Normen verstossen. Wissenschaftliche Experimente zeigen, dass dies letztlich zur Erosion der sozialen Normen führen würde. Jeder würde nur noch tun, was ihm gefällt.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg spricht öffentlich davon, dass Privatheit ein überholtes Konzept ist.
Dirk Helbing: Wie schon erwähnt ist die Privatsphäre nicht nur erforderlich, um das Individuum vor der Öffentlichkeit zu schützen, sondern auch die Öffentlichkeit vor den Individuen. Die Privatsphäre ist das Ventil, welches es möglich macht, Menschen täglich Anpassungsleistungen an unsere Gesellschaft abzuverlangen. Ohne das würde die Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, nicht funktionieren.

Ist es technisch möglich, dass der Nutzer die Kontrolle über die Daten wieder bekommt?
Dirk Helbing: Im Prinzip schon. Dazu gibt es verschiedene Überlegungen. Daten könnten verschlüsselt und nur für bestimmte Nutzer einsehbar gemacht werden. Sie könnten überdies mit einem Verfallsdatum versehen werden. Weiterhin ist eine Art «Nabelschnurprinzip» denkbar, welche Kopien einer Datei mit dem Original verbinden. Man könnte es einrichten, dass die Kopien nicht mehr geöffnet werden können und automatisch gelöscht werden, wenn das Original nicht mehr existiert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.12.2010, 06:55 Uhr

Artikel zum Thema

Die Waschmaschine hat mehr verändert als Wikileaks

Der Hype um Wikileaks wird zum absurden Theater. Höchste Zeit für einen lehrreichen Vergleich. Mehr...

Wikileaks deckt die Grenzen auf

Hintergrund Das Internet fordert die Demokratie heraus. Wie weit darf die Informationsfreiheit gehen? Mehr...

«Freiheit für Julian Assange!»

Am Wochenende wurde in mehreren Ländern für die Freilassung des Wikileaks-Gründer demonstriert. Die Festnahme des 39-Jährigen sei eine Verschwörung, um Wikileaks mundtot zu machen, hiess es. Mehr...

Bildstrecke

Überbordender Cyberaktivismus: Wikileaks-Anhänger machen mobil

Überbordender Cyberaktivismus: Wikileaks-Anhänger machen mobil Wer steckt hinter den Attacken gegen Postfinance, Mastercard und Co.? Ein Interview mit Serge Droz, Leiter der Sicherheitsabteilung von Switch.

Observatorium für Finanzkrisen

«Data Mining – das Analysieren von Daten – hat ein enormes Zukunftspotenzial für die Erforschung unserer Wirtschaft und Gesellschaft», sagt Dirk Helbin. «Endlich besteht eine Chance zu verstehen, was die Kräfte sind, die unser Gefüge zusammenhalten.» Es sei «die Grundvoraussetzung dafür, die Herausforderungen der Menschheit im 21. Jahrhundert erfolgreich zu meistern».

Zum Beispiel wolle man an der ETH sogenannte Crisis Observatories aufbauen für Finanzkrisen, Konflikte, Gesundheitsrisiken und vieles mehr, um frühzeitig auf Gefahren reagieren und erfolgreiche Gegenmassnahmen ergreifen zu können. «Data Mining hat aber bei sozialen Daten auch eine ethische Dimension, da man den Einblick in die Privatsphäre von Individuen vermeiden muss. Es müssen daher neuen Verfahren entwickelt werden, welche die Privatsphäre schützen, aber dennoch über Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft Aufschluss geben.»

Dirk Helbing

Werbung

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Dorfkicker im Schaufenster der Nation

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Wellenreiter: Jonathan Gonzalez, Mitglied des spanischen Surf-Teams, übt seine Künste im Wave Garden, einem grossen Pool, der Wellen künstlich erzeugt (25. Mai 2017).
(Bild: Vincent West) Mehr...