Googles Friedhof der gescheiterten Ideen

Auch 2015 geht das Dienstesterben bei Google weiter: Panoramio und Helpouts werden bald die Stecker gezogen. Das zeugte von fehlender Disziplin und Voraussicht, bemängeln Kritiker.

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Im Silicon Valley wird eine Kultur des Scheiterns zelebriert. Das oberste Mantra der Start-up-Szene lautet «Fail fast, fail often». Schnell und häufig zu scheitern, ist die angesagte Lernmethode für Jungunternehmer. Sie sollen verinnerlichen, nicht zu lange an untauglichen Ideen festzuhalten. Ein Held dieser Philosophie ist der umtriebige Richard Branson, der sein erstes Geld mit Weihnachtsbäumen und einer Vogelzucht verdiente. Er sagt: «Gelegenheiten sind wie Busse. Verpasst man einen, kommt immer ein nächster.»

Wie man die Scham über Misserfolge abstreift und diese mit offenen Armen empfängt, wird öffentlich debattiert. Die Konferenz Fail-Con wird seit 2009 in San Francisco abgehalten, und Ablegerveranstaltungen fanden in diversen europäischen Städten statt, darunter auch in Zürich.

Auch Google hat sich das «Fail fast»-Prinzip implizit zu eigen gemacht. Der Suchmaschinenkonzern bringt Neuerungen früh an den Start, oft mit dem «Beta»-Label, das die fortdauernde Entwicklung anzeigt. Dienste werden auch ohne jegliche Sentimentalität wieder eingestellt, wenn sie nicht die Erwartungen erfüllen. Selbst wenn sie ursprünglich mit viel Tamtam und Medienecho angekündigt worden sind.

Nach sechs Monaten war Schluss

Zum Beispiel Google Buzz, ein Microblogging-Dienst à la Twitter, der im Oktober 2011 nach nur anderthalb Jahren vom Netz genommen wurde. Oder Wave: Die Kombination aus E-Mail und Plattform für die Echtzeit-Zusammenarbeit ging im Mai 2009 mit hohen Erwartungen an den Start. Bereits im August 2010 teilte Google mit, die Entwicklung werde eingestellt. Im April 2012 wurde Wave endgültig der Stecker gezogen. Letztes Jahr wurde nach zehn Jahren Orkut beerdigt – ein in Indien und Brasilien populäres soziales Netz. Das kurzlebigste Produkt war (ironischerweise) Google Lively: Diese virtuelle Chat-Welt, die die Lebendigkeit einer realen Umgebung suggerierte, überlebte weniger als ein halbes Jahr.

Auch 2015 werden diverse Google-Dienste verschwinden. Panoramio wurde 2005 von zwei Spaniern gegründet, um Fotos mit Geoinformationen in Google Earth anzuzeigen. Google hat die Foto-Site 2007 übernommen und Ende letzten Jahres die Einstellung auf absehbare Zeit angekündigt. Die spanischen Gründer haben daraufhin eine Petition gestartet, um Panoramio am Leben zu erhalten: «Es handelt sich nicht um irgendeinen Dienst oder ein Nullachtfünfzehn-Werkzeug», schreiben sie. «Auf Panoramio wurden Freundschaften und Ehen geschlossen!»

Am 20. April wird auch Helpouts dichtgemacht. Diese Plattform gibt es erst seit November 2013. Sie stellt direkte Videoverbindungen zwischen Experten und Hilfesuchenden her und ermöglicht Schulungen zu einer breiten Palette von Themen: von Musik über die Computernutzung bis hin zu Kochen, Gesundheit, Gartenarbeit, Sprachen und beruflicher Fortbildung. Das Abrechnungssystem ermöglicht auch kostenpflichtige Lehrangebote.

«Die Community umfasst engagierte und zuverlässige Zuträger», schrieb Google zur Einstellung des Dienstes. «Doch leider ist sie nicht in der Geschwindigkeit gewachsen, die wir erwartet hatten.» Googles Prinzip, um die Tauglichkeit neuer Dienste zu ermitteln, wurde auch schon das «Pasta-Prinzip» genannt: Wirf deine Spaghetti gegen die Wand und schaue, welche kleben bleiben.

Pasta-Verfahren birgt Risiken

Das Pasta-Verfahren hat seine Nachteile. Es besteht die Gefahr, dass Ideen beerdigt werden, bevor sie gar sind. Manchmal müssen neue Produkte lange Durststrecken überwinden. Ein Beispiel ist die Xbox von Microsoft, die erst nach Jahren profitabel wurde. Die «Early Adopters», also Nutzer, die sich früh auf einen Dienst einlassen, müssen gewillt sein, umzusatteln. Wer als Jungunternehmer eine eigene Existenz auf einem Dienst wie Helpouts aufbaut, ist dem Betreiber ausgeliefert. Die Anfrage des TA, ob Google dem nun «heimatlosen» Helpout-Personal Hilfe anbieten werde, blieb unbeantwortet.

Mail, der Kalender oder Android sind die erfolgreichen Dienste, die uns vorerst erhalten bleiben dürften. Auch die Videoplattform Youtube, die vor zehn Jahren das Licht des Internets erblickte, ist heute nicht mehr wegzudenken, obwohl sich Experten uneins sind, ob die Plattform rentiert. Doch auch Ausdauer schützt nicht vor einem plötzlichen Ende: Bei iGoogle, der individuellen Startseite für den Browser, kam das Aus nach fast zehn Jahren.

Die meisten Nutzer zeigen Verständnis für Googles Strategie von Versuch und Irrtum, wie eine Umfrage bei Facebook ergab. Viele trauern dem Google Reader nach. Dieser Dienst hat Nachrichtenquellen, sogenannte Feeds, zentral zusammengefasst. Der Journalist Peter Wolf sagt, er habe es «äääh-bääh» gefunden, als Google ihm im Juli 2013 den Strom abdrehte. «Ich werde mit Feedly noch nicht ganz warm. Aber ich bin auch einer, der immer noch mit dem Verschwinden von Catch Notes hadert.» Dieser Dienst stammte nicht von Google und diente, wie heute Evernote oder Onenote, als elektronisches Notizbuch.

Eine Chance für Alternativen

Jurist Martin Steiger sieht das Ende des Readers positiv: «Es gibt heute mehrere Angebote, die verschieden ausgerichtet sind, weiterentwickelt werden und wirtschaftlich funktionieren. Ich nutze Feedbin und bin über das Ende von Reader längst nicht mehr traurig. Sorgen bereitet mir hingegen, dass sich bei RSS-Apps nicht mehr viel bewegt.»

Daniel Boos, der sich netzpolitisch engagiert, findet, Google sollte Dienste im Beobachtungsstadium mit «Beta» kennzeichnen, wie das früher bei Gmail der Fall war. Bei Diensten, die Boos längerfristig nutzen möchte, ist er auch heute vorsichtig: «Da überlege ich mir, ob ich ‹locked-in› wäre oder im Notfall wechseln könnte.» Der Informatiker Matthias Leisi setzt nicht auf experimentelle Produkte. Und er kritisiert, dass bei der grossen Zahl von Google-Produkten manche stagnieren: «Google Docs ist bei Funktionen wie Verzeichnissen und Nummerierung in zwei Jahren praktisch nicht weitergekommen.»

Nicht alle urteilen so wohlwollend über den Technologiegiganten. Ted Samson von «Infoworld» griff schon 2011 zu einem plakativen Vergleich: «Wenn das Suchmaschinen-Unternehmen eine literarische Figur wäre, dann wäre es Lenny aus John Steinbecks ‹Of Mice and Men›. Lenny ist ein Berg von einem Mann, unermüdlich, mit einem Herzen aus Gold. Er will immer das Richtige tun – wie Google mit seinem Firmenmotto ‹Don’t be evil› (Sei nicht böse). Leider fehlt es ihm an Disziplin, Voraussicht und der Fähigkeit, seine Kräfte zu kontrollieren.» Und so lässt Lenny, ganz ungewollt, eine Opferspur hinter sich zurück. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.02.2015, 06:58 Uhr)

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