«Hüten Sie sich vor dem Virus»

Vor einem Vierteljahrhundert verbreitete sich zum ersten Mal ein Virus auf normalen PCs. Brain zerstörte nichts und stahl keine Daten – heute ist die Malwarebranche eine boomende Schattenindustrie.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich war Brain ganz und gar harmlos. Das erste bekannte Computervirus, das sich auf normalen PC's verbreitete, zerstörte nichts und stahl keine Daten. Das Programm, das vor 25 Jahren von Pakistan aus seinen Weg um die Welt begann, ersetzte nur einige Informationen der Diskette, auf der es sich einnistete.

Ihr systeminterner Name änderte sich in (c)Brain. Vielleicht dauerte es länger, sie auszulesen. Details, von vielen Nutzern gar nicht bemerkt. Die Fachwelt aber war alarmiert. Brain liess ahnen, wie leicht es war, Heim- und Bürocomputer zu manipulieren. Heute, ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen, ist die Virenbranche eine boomende Schattenindustrie.

Eine Art Experiment?

Gemessen an heutigen Verhältnissen mutet die Geschichte des ersten PC-Virus aus der Frühphase der Computerindustrie Anfang des Jahres 1986 noch gemütlich an: Programmiert hatten «Brain» zwei Brüder aus der pakistanischen Metropole Lahore. Basit und Amjad Alvi waren Computerspezialisten mit eigener Firma. Diese hiess Brain Computer Services und gab dem Mini-Programm auch seinen Namen.

Über die Motive der Brüder wurde viel spekuliert - nicht zuletzt, weil die Aktion für sie keinerlei Nutzen hatte. Es habe sich um eine Art Experiment gehandelt, betonen Basit und Amjad Alvi in einem Videointerview mit einem Experten der finnischen IT-Sicherheitsfirma F-Secure, der die Geschäftsleute zum 25. Jubiläum ihres berühmten Virus' vor wenigen Wochen in Lahore besuchte. Dort betreiben die inzwischen leicht ergrauten Herren, die sich im Anzug und Krawatte erstmals vor einer Kamera zu Brain äusserten, noch heute eine Firma.

«Schockiert» über Anrufe aus den USA

Zwar gab es 1986 schon Viren. Die aber trieben auf Apple-Computern oder im geschlossenen Internet-Vorläufernetz Arpanet zwischen Forschungszentren und Regierungseinrichtungen in den USA ihr Unwesen. Brain war der erste Schädling für das vergleichsweise neue Microsoft-Computer-Betriebssystem, das damals auf einer zunehmenden Zahl von Rechnern für Durchschnittsnutzer installiert wurde.

Sie wollten zeigen, wie unsicher das Betriebssystem sein könne, sagt Amjad Alvi im Interview. Sie hätten entdeckt, wie anfällig es für das Einfügen von Programmcodes war. Zudem wollten sie testen, wie Software sich verbreitet. Wohl deshalb hatten sie in dem Programm, das über Disketten weitergereicht wurde, eine Botschaft hinterlassen. Darin standen Name, Anschrift und Telefonnummer ihrer Firma - und der Text: «Hüten Sie sich vor dem Virus... Kontaktieren Sie uns für ein Gegenmittel.» Er sei «schockiert» gewesen, als ihn sogar Leute aus den USA anriefen, berichtet Amjad Alvi.

17 Millionen Malware-Programme 2010

Heute, da Echtzeit-Datentransfer via Internet und leistungsfähige PC den Alltag von Firmen und Menschen weltweit bestimmen, sind auch Viren längst über die Experimentierphase hinaus. Mehr als 17 Millionen Schadsoftware-Programme kamen allein 2010 neu dazu, sagt der IT-Sicherheitsexperte Andreas Marx, Chef der renommierten Magdeburger Beratungs- und Analysefirma AV-Test, die weltweit die Wirksamkeit von Virenabwehrmassnahmen etwa für Softwareunternehmen testet.

«Vor zehn Jahren war es meist noch so, dass es Virenprogrammierern eher um Spielerei ging - oder darum zu zeigen, wie gut sie waren», sagt Marx. Berühmte Schädlinge wie «Melissa», das erste Virus, das sich selbst massenhaft per E-Mail verbreitete, richtete 1999 zwar grossen wirtschaftlichen Schaden an, hatte aber keinen finanziellen Nutzen. Er blockierte nur Server und E-Mail-Postfächer und brachte seinen Erschaffer, einen jungen US-Bürger, für 20 Monate hinter Gitter.

Fachleute beherrschen die Szene

Heute wird die Szene von anonymen Profis beherrscht, die gezielt Programme etwa zum Ausspähen von Online-Bankdaten entwickeln. «Die Virenschreiber sind viel kommerzieller geworden», betont Marx. Masse sei an die Stelle der «big bangs», der viel beachteten Durchbrüche um des Ruhmes Willen, getreten. Auch die Viren-Urväter aus Lahore haben dazu ihre Meinung. Heute gehe es um «rein kriminelle Aktivitäten», kritisiert Amjad Alvi: «Das war nicht die Idee, die wir damals hatten.» (rek/afp)

Erstellt: 15.04.2011, 14:51 Uhr

Bildstrecke

Artikel zum Thema

Wie Sie Ihr Handy vor Viren schützen

Dieses Jahr wird voraussichtlich jedes dritte verkaufte Mobiltelefon ein Multimedia-Handy sein. Damit werden diese zum potenziellen Angriffsziel von Hackern. Doch Smartphone-Besitzer können vorbeugen. Mehr...

Wie Computernutzer unter Viren leiden

Gut ein Drittel der Internetnutzer in der EU hat sich im Jahr 2010 mit schädlichen Programmen herumgeärgert. Finanzielle Einbussen haben aber nur die wenigsten erlitten. Mehr...

Warum auch Macs nicht sicher sind

Nur die geringere Marktverbreitung schütze Apple-Rechner, ist Sicherheitsexperte Andreas Marx überzeugt. Er sagt auch, warum sich Virenscanner für Mac-Nutzer nicht auszahlen. Mehr...

Bildstrecke

Die Virenprognose

Die Virenprognose Was ist heute im Internet gefährlich? Wo lauern Viren und gefälschte Seiten? Eine neue Website von Norton klärt über aktuelle Risiken der Cyberkriminalität auf.

Blogs

Blog Mag Was zum Teufel sind Blockchains?

Sweet Home 10 betörende Schwimmingpools

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Ein Affe zwischen Schlangenstatuen: Ein Affe trinkt eine Flasche Milch, die ihm von einem Zuschauer des Hindu-Festivals Nag Panchami in Indien gegeben wurde. (27.Juli 2017)
(Bild: Abhishek N. Chinnappa) Mehr...