Im Netz findet Europa noch nicht statt

Europäer interessieren sich für Fussballresultate oder die Autos ihrer Nachbarn – beim Nachrichtenaustausch und bei der Politik bleiben sie lieber unter sich. Innovative Internetforen wollen nun Abhilfe schaffen.

«Die Eurosphere»: Die inhaltlichen Bezugnahmen zwischen knapp 3000 politischen Websites (siehe Infobox).

«Die Eurosphere»: Die inhaltlichen Bezugnahmen zwischen knapp 3000 politischen Websites (siehe Infobox).

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Die Eurosphere – Grafik in neuem Fenster öffnen

Anthony Hamelle ist ein digitaler Kartograf. Der französische Sozial- und Marktforscher der Firma Linkfluence untersuchte vergangenes Jahr das europäische Internet, Nachrichtenseiten, Blogs, Foren und soziale Netzwerke mit einer ähnlichen Akribie, wie Entdecker früher einen fremden Kontinent mit Fernrohr und Feder abtasteten. «Wir haben uns besonders dafür interessiert, ob und wie sich die Menschen über die Europäische Union, die Politik und Ziele austauschen», sagt Hamelle. Linkfluence programmierte Suchprogramme und sogenannte Web-Crawler, die das Internet durchsuchen und feststellen, über welche Themen geschrieben wird und wie Websites untereinander vernetzt sind. Kürzlich veröffentlichte Hamelle die erste Grafik der europäischen Netz-Öffentlichkeit im Internet. Diese erinnert mit ihren dynamischen Kurven und bunten Farben an eine Aufnahme aus den Tiefen des Weltraums.

Die bunten Farbkleckse, erklärt Anthony Hamelle, stellen den europapolitischen Diskurs eines Landes dar. Die blau-violette Masse unterhalb des Zentrums der Grafik ist Frankreich, ein pinker Klecks am rechten Rand stellt Italien dar. «Im Netz hat sich ein Netzwerk aus Meinungsführern, NGOs und Institutionen gebildet, das die Debatte bestimmt», sagt Hamelle. Er nennt die bunte Struktur, die auf der Karte zwischen den Nationalstaaten schimmert, auch «Eurosphere», die europäische Welt.

Die Barrieren scheinen zu hoch

Anthony Hamelle ist jedoch nicht verborgen geblieben, dass zwischen den einzelnen Ländern nur wenige Linien und Links aufleuchten. Laut der «Eurosphere»-Grafik informieren sich nur fünf Prozent der europäischen Bürger in den Medien oder Blogs aus Brüssel. 95 Prozent bleiben auf Websites aus dem Heimatland. Hamelle: «Es findet nur wenig Austausch zwischen dem deutschen und dem französischen Web statt. Es sieht so aus, als würden die Bürger der einzelnen Länder lieber unter sich bleiben.»

2009 war ein wichtiges Jahr für das europäische Projekt. Im Mai wählten die mehr als 300 Millionen EU-Bürger ein neues Parlament, trotzdem fand in europäischen Medien und den Feuilletons keine Debatte über die Werte und Ziele der politischen und kulturellen Einheit Europas statt. Die Europäische Union hat eine gemeinsame Währung und einen Obersten Gerichtshof, und trotzdem scheinen die sprachlichen, kulturellen und politischen Barrieren zwischen den einzelnen Staaten immer noch hoch genug zu sein, um das transnationale Gespräch zu unterbinden. Eine europäische Öffentlichkeit als Meta-Struktur, wie Jürgen Habermas es einmal genannt hat, existiert nicht.

Hartnäckige Abwesenheit von europäischen Medien

Die Abwesenheit dieser europäischen Öffentlichkeit erklärt sich auch aus der hartnäckigen Abwesenheit von europäischen Medien. Fachpublikationen oder der TV-Sender Euronews werden nur von einer kleinen Minderheit konsumiert – und wer nutzt schon das grosszügige Angebot des EU-Parlaments, die Debatte im Plenum live im Webstream zu verfolgen? Das erfolgreichste transeuropäische Medium überhaupt, der TV-Sender Eurosport, beschäftigt sich denn auch nicht mit Bankenregulierung oder Aussenpolitik, sondern mit Torschützenlisten und Biathlon-Bestzeiten. Das Internet könnte diese strukturelle Schwäche Europas mit seiner globalen, egalitären Struktur – jeder ein Sender, jeder ein Empfänger – beheben und ein transnationales Gespräch zwischen den Bürgern in Gang setzen.

Einer der bekanntesten und meistgelesenen Blogger ist der Brite Jon Worth (www.jonworth.eu). Der Software-Programmierer lebt in Brüssel, ist Antimonarchist und überzeugter Europäer. «Ich wollte nicht immer nur über trockene Richtlinien und komplizierte Verfahren lesen, wenn es um die EU geht», sagt Worth. Er will seine Leser nicht mit der Komplexität der EU abschrecken, sondern mit Machtspielen, der Absurdität und der Grösse des Projekts fesseln.

Den Nachwuchs erziehen

Zu den grossen, einflussreichen EU-Blogs zählen auch die Multi-Autoren-Plattform A Fistful of Euros (http://fistfulofeuros.net) oder die European Tribune (www.eurotrib.com). Jon Worth hofft, dass Blogs und Nachrichten- Aggregatoren die politisch-ideologische Debatte über die Europäische Union wieder anheizen. «Warum müssen wir immer über Bananen-Richtlinien oder Energiesparlampen streiten?», fragt Worth, «wir sollten darüber sprechen, in was für einer Union wir leben wollen.»

Im Zeitalter des Internets und der Eurosphere gibt es für Europäer eigentlich keine Ausrede mehr – die Informationen stehen im Netz und sind mit einer einfachen Google-Suche zu finden. Eurotopics (www.eurotopics.net) oder Perlentaucher (www.perlentaucher.de) liefern ihren Lesern jeden Tag eine europäische Presseschau, Kommentare, Zusammenfassungen und Links zu den nationalen Debatten in Zeitungen und im Netz. Die Webseite Bloggingportal.eu sammelt und ordnet die Inhalte von knapp 500 Webseiten, die sich mit europäischen Debatten beschäftigen. Das Jugendmagazin Café Babel (www.cafebabel.com) wiederum berichtet in mehreren Sprachen über EU-Politik und Popmusik und will so auch seine internationale und junge Leserschaft miteinander vernetzen und ins Gespräch einbeziehen.

Viele Aktivisten setzen auf die Generation der sogenannten Millennials um die europäische Einigung weiter voranzutreiben. «Wir sind die digitalen Ureinwohner. Wir sind im Netz aufgewachsen», sagt auch Jeremie Zimmerman vom französischen Blog La Quadrature du Net (www.laquadrature.net). Die iPhone- und Facebook-Menschen, die routinemässig im globalen Mediennetz nach Inhalten suchen, ein paar Dutzend «Freunde» in den europäischen Grossstädten haben und so über deren Agenda und Interessen auf dem Laufenden gehalten werden, kennen gemäss Zimmerman «keine Berührungsängste mit fremden Sprachen oder neuen Leuten.»

Paradoxer Aktivismus

Von der Kommunikation sei es auch nicht weit zur Kooperation. Zimmerman hat gerade zusammen mit Bloggern aus England, Deutschland und Spanien eine Kampagne gegen die seiner Ansicht nach restriktive Telekommunikationspolitik der EU gestartet. Jeremie Zimmerman geht davon aus, dass solche Ad-hoc-Koalitionen der vernetzten Bürger in Zukunft regelmässig in die Debatte in Brüssel eingreifen werden.

Europa hat dank Schengen-Abkommen und den Billig-Airlines einen gemeinsamen Arbeits- und Lebensraum. Anthony Hamelle vermutet die europäische Öffentlichkeit denn auch weniger auf den Spezialisten-Blogs und EU-Websites, sondern in der Weite des Netzes, in den Web-Communitys, den Auto-Foren und Fussball-Nachrichtenbörsen. Die Leute sprechen zwar miteinander, laut seinen Messungen aber eben nur ungern über Politik. «Es ist schon paradox», sagt Anthony Hamelle, «die einzige politische Gruppe, die sich wirklich europaweit organisiert hat und rege kommuniziert, das ist die Gruppe der EU-Gegner.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.01.2010, 04:00 Uhr)

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