Keiner sucht eine andere Suchmaschine

Immer wieder startet eine neue Internetsuchmaschine. Doch weil wir alle so stark an Google gewöhnt sind, kämpfen Bing & Co. von vornherein nur um Platz zwei.

Jeder Klick zählt. Geschätzte 50 Milliarden Dollar werden jedes Jahr weltweit mit Internetsuchmaschinen umgesetzt: Zwei junge Frauen am Google-Stand an der Frankfurter Buchmesse.

Thorsten Silz

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Schon wieder? Viele mögen abgewinkt haben, als Microsoft vor drei Wochen seine jüngste Internetsuchmaschine lancierte. Doch Bing.com legte einen beeindruckenden Start hin und brachte das seit Jahren ungebremste Wachstum von Google zumindest kurzfristig ins Stottern. Je nach Quelle hat Bing auf Anhieb bis zu 11 Prozent US-Marktanteil erzielt, vorübergehend lag man sogar vor Yahoo, der ewigen Nummer zwei.

Ob das anfängliche Interesse an Bing anhält, ist offen. Rund 100 Millionen Dollar soll sich Microsoft die Lancierung gekostet haben lassen. Klar ist: Nach der missglückten Vermarktung von Produkten wie dem Betriebssystem Windows Vista und bereits wieder überholten Umbenennung der MSN-Onlinedienste in «Live» hat man erstmals wieder ein Händchen bewiesen, Namenswahl und optischer Auftritt sind diesmal geglückt.

Gegen 50 Milliarden Dollar Umsatz

Auch andere Neueinsteiger möchten ein Stück vom Suchkuchen abschneiden, mit unterschiedlichem Erfolg. In den letzten 12 Monaten machten einige von sich reden, die prominentesten Namen sind Cuil, Wolfram Alpha und Wikia Search (bereits wieder eingestellt). Denn der Suchkuchen ist saftig: Allein Google erzielte 2008 (mit an die Suche gekoppelter Werbung) einen Umsatz von rund 23 Milliarden Dollar. Der gesamte Weltmarkt dürfte etwas mehr als doppelt so gross sein, da kann man auch von ein paar Krümeln leben.

Angesichts dieser Zahlen wird klar, warum beispielsweise Microsoft nicht einfach auf das Suchgeschäft verzichtet und Yahoo trotz schwindenden Marktanteile lange ein attraktiver Übernahmekandidat war: Schon ein Prozent des globalen Suchmarktes entspricht 400 bis 500 Millionen Dollar Umsatz im Jahr. Und der Kuchen wächst weiter.

Die Schweiz ist Google-Terrain

Unangefochtener Platzhirsch ist Google. Der Anbieter vereint weltweit gut 66 Prozent aller Internetsuchanfragen auf sich; die Firma aus Kalifornien ist für alle, die auf dem Internet etwas suchen, der Industriestandard geworden. Abgeschlagen folgt mit knapp 13 Prozent Yahoo, und Microsoft (Bing, MSN, Live zusammen) kommt auf etwa 6 Prozent.

Vorwiegend in den USA und in Europa ist Google dominant. In einigen Regionen der Welt sind andere Anbieter erfolgreicher. In Russland sucht man eher bei Yandex, in Südkorea bei Naver, in Japan und Taiwan, man staunt, bei Yahoo. Und in China bei Baidu, das bald mit Microsoft mithalten kann.

Fest in Google-Händen ist die Schweiz, wo kaum jemand eine andere Suchmaschine nutzt: Zählt man die auf Google basierte Bluewin-Suche dazu, liegt der Marktanteil hierzulande weit über 90 Prozent. Nischenplayer gibt es aber auch bei uns: Search.ch und Local.ch. Wahrscheinlich sind die Europäer mittlerweile einfach zu sehr gewohnt, Technologien aus den USA zu übernehmen. Kulturell (Schrift, Sprache) ist man so nah bei Amerika, dass der Aufwand für eigene Lösungen nicht sinnvoll scheint.

Während das Rennen um Platz zwei noch offen ist - momentan läuft der Trend eher gegen Yahoo -, scheint Google auf absehbare Zeit unantastbar. Dennoch hat auch der Suchriese seine Schwächen, ist Lukas Stuber von Angelink Yourposition in Zürich überzeugt. Er berät Firmen dabei, wie sie sich via Suchmaschinen am besten vermarkten. Bei den Real-Time-Informationen sei Google «immer noch schwach», sagt Stuber, «Informationen, die im Web neu verfügbar sind, sind erst mit einer gewissen Verzögerung via Google zu finden.» Und oft bekommt Stuber via soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook schnellere und präzisere Antworten, etwa auf technische Fragen, als wenn er bei Google suchen würde.

Alta Vista und Lycos: Abgestürzt

Dass Google dereinst so beherrschend werden würde, war lange Zeit nicht absehbar. Als man 1998, fast ein halbes Jahrzehnt nach den damaligen führenden Anbietern wie Alta Vista, Lycos oder Excite (heute allesamt bedeutungslos), startete, hatte niemand ein tragfähiges Geschäftsmodell parat. Der Unterhalt einer Internetsuchmaschine verursacht hohe Kosten, die sich bis heute nicht mit traditioneller Banner-werbung wettmachen lassen. Schliesslich sind die Besucher, kaum haben sie ihr Suchresultat erhalten, gleich wieder weg.

Erst 2001 setzte Google die Idee um, Anzeigen direkt mit den Suchfragen zu koppeln. Seither bekommt, wer beispielsweise nach «Blumen» sucht, nebst den Suchresultaten auch passende Werbung für Fleurop, Les Fleurs oder Romanas Rosen serviert. Der Werbedienst, mit dem Google heute praktisch seinen ganzen Umsatz macht, war anfangs alles andere als perfekt, erinnert sich Experte Stuber. Dennoch: «Sie haben früh die besten Suchresultate geliefert, das hat sie von den Mitbewerbern klar abgehoben», sagt er über Google.

Konkurrenz wird es schwer haben

Es ist zumindest denkbar, dass ein neuer Anbieter dank guter Qualität und frischem Konzept in Zukunft eine grosse Rolle im Suchgeschäft spielen könnte. An diese Hoffnung klammern sich zumindest die diversen Neueinsteiger. Allerdings dürfte es schier unmöglich sein, Google allein mit «besseren» Suchresultaten zu überholen - und das hat keineswegs nur technische Gründe. Vielmehr kämpfen Yahoo, Bing und all die anderen gegen die Windmühlen der Gewohnheit. Neue Angebote werden kurz ausprobiert, doch die bisherige Lösung, sprich Google, war ja gut, also warum den Aufwand zum Wechseln betreiben? So denkt der normale Nutzer nun einmal.

Wer würde denn überhaupt je merken, dass Bing oder Yahoo genauso gute Suchresultate liefern? Längst geben wir auf, wenn Google etwas nicht findet, und schliessen daraus, dass das Gesuchte im Web schlicht inexistent sei. Unterdessen hinterfragen wir die Qualität von Google gar nicht mehr, haben dessen Resultate als «gut» verinnerlicht, zumindest als «gut genug». Dabei handelt es sich bloss um eine gefühlte Qualität.

Zudem: Wenn es in jüngster Zeit vermehrt zu Kritik an Google kommt, dann zielt diese auf Nebensachen ab. Auf die diversen Zusatzdienste wie etwa Google-Streetview, das weltweit Strassenzüge fotografiert und ins Netz stellt, was wiederum die Datenschützer in Rage bringt. Jedoch richtet sich die Kritik nie auf den Kern, die Dominanz der Suchmaschine an und für sich. Google scheint unbesiegbar. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.06.2009, 13:23 Uhr)

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