«Leben ist immer gefährlich»
Interview: Reto Knobel. Aktualisiert am 09.02.2012 57 Kommentare
Christian Heller (27) ist Autor des Buches «Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre» (Becksche Reihe) und arbeitet als Filmkritiker, Netztheoretiker und Blogger. Auf Plomwiki protokolliert er als «Post-Privacy-Experiment» sein Leben und seine Ausgaben in der Öffentlichkeit. (Bild: CC-BY Fiona Krakenbürger)
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«Prima leben ohne Privatsphäre» heisst es auf dem Cover Ihres Buches. Für mich persönlich wäre ein solches Leben nicht mehr lebenswert.
Es gibt mehr im Leben als die Privatsphäre. Genau genommen war es sowieso schon immer eine Illusion, dass irgendein Bereich unseres Lebens abgeschirmt wäre von der Umwelt, so wie das der Begriff Privatsphäre suggeriert: Die Menschen und Institutionen um uns herum wirken nur manchmal direkter und sichtbarer, manchmal indirekter und unsichtbarer auf unsere verschiedenen Lebensbereiche ein.
Dass wir uns eingestehen, keinen Schutz-Raum der totalen Eigenheit zu besitzen, setzt unserem Leben noch kein Ende, und auch nicht unbedingt unserer Lebensfreude. So ziemlich alle schönen Dinge des Lebens zehren ja davon, dass wir Input von der Welt um uns herum verarbeiten oder mit dieser auf die eine oder andere Weise in Kontakt treten.
Dann haben Sie am Gebaren der Datensammler Apple,
(AAPL
553.17
-0.90%)
Google
(GOOG
611.11
1.18%)
und Facebook nichts auszusetzen?
Doch, denn diese Datenkraken krallen sich zwar viele Daten, binden sie dann aber auch an sich und geben sie nur ungern weiter. Ich will, dass die Daten, die sich anstauen, so breit und frei verfügbar sind wie technisch möglich. Die genannten Firmen steuern derzeit alle mehr oder weniger geradlinig auf einen Daten-Monopolismus zu, den ich bedenklich finde. Er steht für mich in Opposition zum freien und offenen Web, das meinem Ideal sehr viel näher kommt.
Kann man sich als normal vernetzter Mensch im 21. Jahrhundert diesen Unternehmen entziehen?
Man kann es versuchen. Der soziale Druck, bei Facebook mitzumachen, ist stark; aber auch unterschiedlich gross, von Mensch zu Mensch. Wer allerdings keinen Facebook-Account hat, der sollte noch lange nicht davon ausgehen, dass Facebook nichts über ihn weiss. Denn seine Freunde sind vielleicht sehr wohl bei Facebook und bilden darin ihr Umfeld ab, das Facebook-Verweigerer wie ihn einschliesst.
Dann muss man also konstantieren, dass der Datenschutz tot ist.
Aber nein. Als Institution, welche die Idee der «Informationellen Selbstbestimmung»
durchzusetzen sucht, ist Datenschutz zumindest im deutschsprachigen Raum quicklebendig.
Sie sagen «durchzusetzen versucht»...
...weil Datenschutz damit nicht sehr erfolgreich ist. Faktisch betreibt er einen Kampf gegen Windmühlen.
Wie müsste er denn funktionieren, um erfolgreich zu sein?
Um den Bürgern die Kontrollgewalt über sie betreffende Daten zu verleihen, die er verspricht, müsste Datenschutz in letzter Konsequenz alle Daten im grossen weiten Netz kontrollieren – also darauf abklopfen, ob und welche Bürger sie betreffen und ob und inwieweit diese Bürger den Fluss solcher Daten autorisiert haben.
Das würde eine grosse Struktur zur Überwachung und Zensur sämtlicher Datenflüsse im Netz erfordern.
Und genau das ist das Problem. Alles unterhalb einer solchen radikalen Lösung mündet nach bisherigen Erfahrungen in einem Netz, in dem die «Informationelle Selbstbestimmung» eine leere Phrase bleibt.
Sehen wir mal ab von der Idee eines Daten-Kontroll-Regimes, das oft mit dem Datenschutz verbunden ist. Gibt es im Umfeld des Datenschutzes nicht auch durchaus gute Ideen?
Doch. Ich unterstütze zum Beispiel die Forderung, dass man Daten-Monopole wie Facebook zwingen sollte, es ihren Nutzern leicht zu machen, die eigenen Daten in ein nach anderswo übertragbares Format zu exportieren – Stichwort Data Portability. So etwas schränkt den Fluss und die Freiheit der Daten nicht etwa ein, sondern erhöht sie. Das ist genau das, was ich mir vom Netz wünsche, also bin ich prinzipiell dafür.
Die EU-Kommission hat kürzlich ihre Forderung nach einem «Recht auf Vergessen» kundgetan. Wird das einforderbar sein?
Jeder darf für sich vergessen, was er will, das gilt schon heute. Was die EU-Kommission fordert, ist eine Pflicht zum Vergessen, so irgendjemand vergessen werden will. Doch genauso wenig, wie ich meinen Mitmenschen befehlen kann, in welcher Weise sie sich an mich erinnern, sollte man dem Web befehlen können, in welcher Weise es sich meiner erinnert. Die von der EU geforderte Pflicht zum Vergessen greift ein in das – juristisch leider nicht ausformulierte, aber meines Erachtens ethisch wünschenswerte – Recht auf ein selbstbestimmtes Gedächtnis, sei es nun biologisch oder digital.
Wenn ich Sie richtig verstehe, dann wird Privatsphäre für Sie überbewertet?
Viele erfreuliche kulturelle und psychologische Dinge spriessen unterm Schutzmantel der Illusion des Privaten – das will ich gar nicht leugnen. Aber auch ein Raum der Transparenz und des Öffentlichen ermöglicht viele erfreuliche Dinge. Wenn ich gezwungen werde, beide Räume gegeneinander abzuwägen, entscheide ich mich im Zweifel lieber für den Raum der Offenheit als den der Geschlossenheit. Dann müssen wir dann halt schauen, inwieweit wir das, was früher unter den Bedingungen des Privaten blühte, auch unter den Bedingungen des Öffentlichen züchten können. Da wird es sicher Verluste geben. Aber Verluste gibt es immer in einer Welt, die sich fortwährend verändert.
Sie protokollieren auf Plomlompom.de Ihr ganzes Leben. Welches ist der konkrete Nutzen?
Selbsttransparenz! Dadurch, dass ich mein Leben zunehmend in Daten auflöse, kann ich es auf verschiedene computerisierte Arten analysieren, es aus neuen Perspektiven betrachten, und es so auch aus neuen Richtungen heraus gestalten. Ausserdem mache ich es für interessierte Mitmenschen leichter, an meinem Leben teilzuhaben, seine verschiedenen Aspekte zu kommentieren und mit Verbesserungsvorschlägen anzureichern.
Diese Offenheit kann auf Sie zurückfallen.
Leben ist immer gefährlich, und Mobbing und Drohungen gibt es auch unter anderen Bedingungen. Bisher ist mir durch meine Offenheit nichts Schlimmes zugestossen, doch das ist natürlich kein Beweis dafür, dass meine Offenheit ungefährlich ist. Aber ich experimentiere damit und lerne, mit möglichen Gefahren auf andere Weise umzugehen als durch Geheimhaltung. In einer Welt, in der Geheimhaltung immer schwerer fällt, ist das eine wertvolle Übung.
Kritiker monieren, dass die totale Offenheit genau so gefährlich ist wie die totale Kontrolle.
Totale Kontrolle ist per definitionem das Ende jeder Freiheit. Totale Offenheit würde in einer Post-Privacy-Gesellschaft lediglich bedeuten, dass jeder alles sehen kann, was er will, was seine Neugier interessiert. Das wirft sicher Probleme auf, stellt bisherige soziale Normen in Frage, würde Einiges an Anpassung in unseren Verhaltens- und Denkweisen erfordern.
Aber es wäre nicht notwendigerweise das Ende jeglicher Freiheit?
Nein. Dass wir heute in vielerlei Hinsicht in einer offeneren Gesellschaft leben als vor hundert Jahren, macht unsere heutige Gesellschaft sicher nicht zu einer unfreieren.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.02.2012, 10:27 Uhr
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57 Kommentare
Der junge Mann hat die Fichenaffäre in der Schweiz, die Bespitzelungen in der DDR usw., mit den teilweise schlimmen bis tödlichen Folgen für die Bespitzelten, nicht erlebt. Ich hab schon lange den Eindruck, dass gerade die „spätgeborenen“ sehr arglos, ja naiv mit ihrer Privatsphäre umgehen. Und ich fürchte, das wird sich noch schwer rächen. Antworten
Digital
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11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!



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