Lehrer wehren sich gegen den Internet-Pranger
Von Reto Hunziker. Aktualisiert am 29.06.2009
«Sieee? Mir ist langweilig.» Was in einer Schulstunde unmöglich ist, ist im Internet machbar: Schüler bewerten ihre Lehrer. (Bild: Keystone)
Spickmich.de
Das deutsche Internetportal wurde vor zwei Jahren aufgeschaltet. Gegen 450'000 Lehrer an 32'000 Schulen wurden seitdem auf Spickmich.de bewertet. Neben anonymen Anrufen und Drohbriefen gingen auch vier Klagen ein, die jüngste scheiterte in letzter Instanz. Auch ein paar Hundert Schweizer Schülerinnen und Schüler sollen sich eingeloggt und Lehrer bewertet haben.
Internet und Mobiltelefonie bieten Schülerinnen und Schülern ausserdem ganz neue Möglichkeiten der Lehrer-Diffamierung. Neben den erwähnten Bewertungsportalen ist vor allem Youtube bei den Schülern hoch im Kurs: Es kursieren zahlreiche Videos, in denen Kinder ihre Lehrer provozieren und zur Weissglut treiben – und alles mit dem Handy festhalten. Aber auch nachgestellte Schulszenen sind beliebte Youtube-Clips.
«Betragen des Lehrers: ungenügend» – Lehrerinnen und Lehrer sehen sich im Internet immer öfter mit Kritik konfrontiert. Dass sie auf Portalen wie Spickmich.de oder Meinprof.ch von ihren Schülern und Studenten bewertet werden, stösst ihnen sauer auf. In Deutschland ist jüngst eine Lehrerin, die gegen ihre Bewertung im Internet geklagt hat, vor dem Bundesgerichtshof abgeblitzt. Das Urteil: Die Benotungen seien «weder schmähend noch beleidigend» und darum zulässig. Da hilft also kein Maulen: Auf dem Portal Spickmich.de dürfen Schüler weiterhin ihre Lehrer beurteilen.
«Einladung zum Lehrer-Mobbing»
Auch in der Schweiz ist man angesichts der Online-Lehrerbewertung geteilter Meinung.
Anton Strittmatter vom Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer ärgert sich über das Urteil: «Das kommt einer amtlichen Einladung zum Mobbing gleich und liefert einen Freipass zum Cyber-Bullying». Auch wenn in der Schweiz die Bewertung und Denunzierung von Lehrpersonen eher ein Randphänomen sei, «bleibt dieses oberflächliche Unzufriedenheitsgrunzen für uns ein Ärgernis.»
Auf Spickmich.de und ähnlichen Seiten werde ein zu frivoler Umgang mit einem zu ernsthaften Geschäft betrieben, findet Strittmatter. Dieser öffentliche Pranger zerstöre das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler.
Ungeschützt und missbrauchanfällig
Strittmatter kritisiert vor allem, dass Portale wie Spickmich.de praktisch ungeschützt sind und die Lehrer von Usern benotet werden können, die sie noch nie unterrichtet haben.
Auch gibt er zu bedenken, dass dadurch ein unprofessionelles Qualitätsdenken verbreitet werde: «Dass eine Lektion oder ein Lehrer dem Schüler gefällt, ist doch nicht das Hauptkriterium.» Zufriedenheit sei zwar wichtig, aber es gebe einige andere Qualitäten, welche die Schüler oft nicht durchschauen.
Das Schweizer Portal Meinprof.ch. findet Strittmatter darum ebenso überflüssig. «Die Hochschulen haben eigene Evaluationsinstrumente, die Dozenten nach seriösen Gesichtspunkten beurteilen.»
Betreiber erwartet positiven Effekt
Ganz anders sieht das logischerweise Patrick Mollet, Gründer des Portals Meinprof.ch, auf dem Hochschulstudenten ihre Dozenten bewerten können. «Das Urteil ist für mich eine erfreuliche Meldung», sagt er. Mollet erhofft sich durch den Bescheid einen positiven Effekt: «Jetzt weiss man auch hierzulande, dass man mit einer Klage nicht durchkommt.»
Zwar hätten sich die Reaktionen nach anfänglichen heftigen Kritiken extrem abgeschwächt, doch seit dem Start von Meinprof.ch vor zwei Jahren, hätten immer wieder Dozenten mit Klagen gedroht.
Auch wenn er zugeben muss, dass sein Portal deutlich kleinere Brötchen backen muss als sein deutsches Pendant, spricht Mollet von einer erfreulichen Entwicklung: «Immer mehr Studenten bewerten ihre Dozenten auf Meinprof.ch». Demnächst will Mollet seinen Dienst denn auch auf die Romandie ausweiten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.06.2009, 15:03 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.


