Lernen im virtuellen Klassenzimmer

Von Barbara Reye. Aktualisiert am 20.04.2009

Second Life ist die zweite Heimat von Millionen Menschen. Nun erobern auch immer mehr Bildungseinrichtungen und Hochschulen die virtuelle Welt.

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Der Dozent Max Moswitzer von der Zürcher Hochschule der Künste nutzt Second Life als kreative Plattform.
Bild: ZHDK

   

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Um den Umgang mit der virtuellen Welt Second Life leichter zu erlernen, steht seit Anfang dieses Jahres ein spezieller Eingangsbereich für Schweizer Besucher bereit. Im Swiss Tutorial Community Gateway wird den neuen Avataren in einem interaktiven und umfassenden Tutorial die Bedienung des Second Life Viewers näher gebracht, wo sie auf unterhaltsame Art die Möglichkeiten dieser virtuellen Welt erlernen können.

«Die Nutzung ist kostenlos», erklärt Ricarda Reimer vom E-Learning Center der Universität Zürich. Man könne in SL ohne Geld sehr gut leben, viel erleben und lernen. Wolle man sich selbst als Gestalter der virtuellen Welt ausprobieren und eigene Inhalte erstellen, so ist dies schon mit sehr wenig Geld möglich. Eine Suche, vergleichbar mit den Suchmaschinen im Internet, ermöglicht ein gezieltes Auffinden von interessanten Orten und Communities, zudem bieten Internet-Blogs zum Thema viele Tipps.

«Ich konnte so mein Netzwerk erweitern und neue internationale Kontakte für Forschung und Lehre knüpfen», sagt Ricarda Reimer.

Jachmes Masala steht vor dem Eventkalender in der Eingangshalle der Volkshochschule. Ihr Outfit wirkt exotisch. Sie sieht aus wie ein Original aus dem Alten Ägypten, das aus dem Totenpapyrus des Hunefer stammen könnte. Mit ihrem weissen Gewand, dem farbenprächtigen Schmuck, dem auffälligen Haarband verkörpert sie geradezu eine andere Zeit und auch eine andere Welt.

Alles kein Problem. Schliesslich ist sie eine Bewohnerin des virtuellen Kosmos von Second Life, ein sogenannter Avatar. Mit zwei Klicks verschwindet sie von dem Ort und landet im Ägyptischen Museum der Volkshochschule. Dort führt sie Besucher online durch die dreidimensionale Ausstellung über das Alte Ägypten. Vorbei an Pharao-Statuen, Streitwagen, Grabkammern, Mumien, Sarkophagen, Krügen, Schmuckstücken und unzähligen Hieroglyphen. Neben besonders schönen Exponaten hält sie an und referiert über Bestattungsbräuche und Totenkult im Alten Ägypten.

Nun stellt sie sich vor ein buntes Relief, das die aufwendigen Vorbereitungen auf das Leben im Jenseits illustriert. «Der bandagierte, mumifizierte Körper war das Medium des Übergangs in eine gottähnliche Existenz», sagt Jachmes Masala. «Als Weg dorthin galt das Ritual der Einbalsamierung, um den Körper durch Austrocknung mit Natronsalz möglichst perfekt zu erhalten. Meistens dauerte die Vorbereitung 70 Tage.» Danach sei die Mumie mit einer Totenmaske ausgestattet worden, deren Gesicht meist ein stilisiertes, zeitloses Bildnis eines Menschen darstellte. Zu den Grabbeigaben hätten neben Nahrung, Kleidung und persönlichem Hab und Gut auch Kosmetik gehört. Wichtig sei dabei die schwarze Augenschminke, die vor Krankheiten wie etwa Bindehautentzündungen schützen sollte.

Ägyptologin in zwei Welten

Gekonnt führt Jachmes Masala durch das Museum und beantwortet sofort alle Fragen der Besucher. Denn hinter dem Avatar steckt Heike Wilde, die zu Hause an ihrem Computer sitzt und über ein Headset mit Mikrofon ihren Vortrag hält. Im richtigen Leben arbeitet die Ägyptologin als Dozentin an der Universität Göttingen, seit zwei Jahren gibt sie ihr Wissen mit grossem Engagement auch an Interessierte in der virtuellen Welt weiter.

Neben Weiterbildungseinrichtungen entdecken immer mehr Hochschulen den dreidimensionalen Online-Kosmos als interaktive Plattform. So können sich darin Studenten bei Referatsvorbereitungen austauschen, indem sie als kleine Gruppe miteinander chatten, sich an einem Ort in der virtuellen Welt treffen, um neue Ideen zu diskutieren, noch fehlendes Material schnell hin- und herschicken oder gemeinsam aus der Ferne ganze Vorlesungen verfolgen.

Kompletter Campus in Second Life

Bisher boomt es jedoch vor allem in den USA, wo das Angebot besonders gross ist. Die University of Utah nimmt eine Vorreiterrolle ein, da sie gleich ihren kompletten Campus in Second Life nachgebaut hat. Dort tummeln sich täglich die unterschiedlichsten Typen von wissbegierigen Avataren.

Den Zugang zum digitalen Zweitleben im Internet hatte die Firma Linden Lab aus San Francisco im Jahr 2003 möglich gemacht. Nach einem grossen Hype kam es aber wieder aus der Mode, und die kommerzielle Nutzung brach ein. «Weltweit nimmt die Präsenz der Hochschulen jetzt aber stetig zu, und es gibt ein Comeback von Second Life», stellt Ricarda Reimer vom E-Learning Center der Universität Zürich fest, die vor kurzem eine Veranstaltung zum Thema Second Life organisiert hat, aber noch kein eigenes Terrain in der virtuellen Welt besitzt.

Auf technischer Ebene hätte es gegenüber herkömmlichen Lernplattformen viele Vorteile. So könne man etwa Multimediadateien oder Powerpoint-Präsentationen ohne weiteres in die virtuelle Umgebung einbauen und dort vorführen. Auch für die soziale Interaktion der Studenten sei es eine Bereicherung, da durch die räumliche Darstellung eine intensivere Art der Kommunikation entstehe.

Ein zusätzliches Element

Doch wozu der ganze Aufwand? Wäre es nicht viel besser, wie gehabt, wieder die Schulbank zu drücken, die Vorlesung in den echten Hörsälen zu verfolgen oder sich den spannenden Vortrag live anzusehen? «Nein», meint Ricarda Reimer. «Beides ist wichtig.» Denn diese Form des E-Learning sei ein zusätzliches Element, die das konventionelle Lernen sinnvoll ergänzen könne. Es biete unendlich viele spannende Möglichkeiten, Lehr- und Lernstoff mal ganz anders zu vermitteln.

Diese Ansicht vertritt auch der Wirtschaftsinformatiker Torsten Reiners von der Universität Hamburg. Seine Studenten haben eine Flaschenabfüllanlage und eine Containerverladestation in Second Life kreiert. Sie sollen dabei nicht nur programmieren, sondern auch die üblichen Probleme eines Produktionsablaufs in einem solchen Betrieb kennen lernen. Als kleines Team organisieren sie sich selber und spielen mögliche Szenarien eins zu eins durch. Welche Menge braucht man? Wie viel muss noch bestellt werden? «Gibt es Engpässe im Lager», sagt Torsten Reiners, sei bei der Planung oder Kommunikation irgendwo etwas schief gelaufen. Der Fehler könne dann sofort gesucht werden.

Im Pixelkosmos kann jeder Land erwerben und die Welt mitgestalten. Geografisch wird sie völlig neu geordnet, weil sich jeder seinen Standort auf einer Insel in Second Life selbst aussucht. Auch der Fantasie sind in dieser Unendlichkeit scheinbar keine Grenzen gesetzt. Dies kommt Künstlern sehr gelegen. Denn sie wollen bewusst Neues schaffen, das nicht an irgendwelche Erfahrungen aus der realen Welt anknüpft und die Realität massstabgetreu abbildet.

Gewohntes auf den Kopf stellen

Max Moswitzer, Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste, setzt deshalb optische und räumliche Gewohnheiten ausser Kraft. Kein Wunder, dass er in der virtuellen Welt schon ein Gebäude in die Luft gesprengt hat und sein Avatar keinen Anzug und Schlips trägt, sondern ein Mischwesen ist – halb Tier, halb Mensch. «Ich nutze Second Life für Performances und als kreative Plattform, um zu experimentieren», sagt Moswitzer. Man könne damit jede Menge überraschende Effekte erzeugen. Im Grunde genommen ist Second Life ein kollaboratives 3-D-Werkzeug im Internet, für immersives und interaktives Erleben in einer kybernetischen Welt.

Während die virtuellen Spielfiguren in Second Life früher viel in Bars herumhingen oder Partys am Pool feierten, sind mehr und mehr Avatare jetzt darauf aus, nicht nur etwas zu erleben, sondern auch zu lernen. «Bei uns sind jeden Tag 80 bis 100 Besucher», sagt Christine Fischer von der Volkshochschule in Goslar, die mittlerweile rund 20 Lehrveranstaltungen pro Woche in Second Life anbietet und dafür im vergangenen Jahr mit dem europäischen Pädagogik-Preis Eurelea ausgezeichnet wurde. Das vielfältige 3-D-Angebot reicht von Sprachen lernen, über Energiesparkurse, Übungen für den Einbürgerungstest in Deutschland bis hin zur Theorieprüfung für den Sportbootführerschein.

Digitale ägyptische Anubis-Figur

Ein Highlight aus dem Programm ist das Ägyptische Museum mit seinen digitalen Rekonstruktionen. Dort thront natürlich auch der schwarze Schakal auf einer goldenen Truhe. Die berühmte Anubis-Figur sollte damals, vor 3300 Jahren, im Tal der Könige die Schatzkammer des Grabs von Tutanchamun bewachen. «Wir haben sie ganz genau nachgebaut, sodass man sie hier jederzeit rund um die Uhr ansehen kann», betont Jachmes Masala. Das Original stehe dagegen unter strengen Sicherheitsvorschriften hinter einer dicken Vitrine im National Museum in Kairo.

Die schöne, neue Lernwelt besteht aber nicht nur aus Paukerei, sondern kann auch Spass machen. «Komm, ich hole uns jetzt ein Kamel!», schlägt Jachmes Masala nach der Museumsführung einer immer noch interessierten Besucherin vor, um durch die Weiten der Wüste zum dreidimensional rekonstruierten Tempel von Ramses III. im heutigen Luxor zu reiten.

«Hoppla», ruft sie. «Das Tier lässt sich nur schwer dirigieren und läuft direkt gegen den Eingangspfosten des Tempels.» Zum Glück, sagt Jachmes Masala, könne man sich in der virtuellen Welt ja nicht verletzen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2009, 20:56 Uhr

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