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«Mein Fakebook»: Wie ein Mann zu drei Identitäten kam

Ein Zürcher kreierte sich auf Facebook zwei virtuelle Identitäten. Er jonglierte virtuos mit seinen Alter Egos – bis eine junge Tänzerin sein schlechtes Gewissen weckte.

Artikel zum Thema

Benjamin Schlüer

Benjamin Schlüer lebt in Zürich. Er erzählte seine Erfahrungen mit Facebook exklusiv der «Bellevue»-Redaktion des «Tages-Anzeiger».

Dazugehören wollte ich auch. Mich zeigen nicht. Darum erstellte ich mir unter falschem Namen ein Profil. So konnte ich mir all die älter gewordenen Gesichter meiner Jugendfreunde ansehen und wusste bald, wer dabei war und wer nicht. Ohne Freunde war ich zwar da, aber nicht wirklich drin. Wie sollte mich jemand «adden», ohne dass ich preisgab, wer ich bin? Dem falschen Namen gab ich ein falsches Gesicht. Google spuckte mir Partyfotos und Ferienfotos anderer Leute aus, sie illustrierten jetzt mein Leben. Sogar die Bilder einer Wohnung, dezent aber stilvoll eingerichtet, zeigte ich als meine eigenen vier Wände.

Stundenlang bastelte ich an meiner Figur, nahm an Diskussionen teil, fand Aufmerksamkeit. Es war schwierig, nicht den Überblick zu verlieren und Glaubwürdigkeit zu schaffen. Trotzdem wollte alles nicht so recht in Gang kommen, ein paar Facebook-Freunde fand ich zwar, aber meine Freundschaftsgesuche wurden meist zurückgewiesen. Mit einem zweiten Profil stellte ich mir eine attraktive Freundin zur Seite. Ihr schrieb ich die Geschichte einer Musicaltänzerin auf den virtuellen Leib, veröffentlichte Songtexte, Fotos von Auftritten – alles aus dem Internet zusammengeklaubt. Meine Figuren schrieben sich gegenseitig auf die Pinnwand, kommentierten Fotos. Bald taten es andere auch. Meine virtuelle Tänzerin erhielt viel Post, wurde zur Facebook-Freundin geadelt – vorwiegend von Männern. Ich spielte mit – versandte Backstage-Bilder, versprach Gratistickets für die Auftritte. Wohlwissend immer denjenigen, die am weitesten weg wohnten und das Angebot nicht annehmen konnten.

Die Tänzerin erhält zweideutige Post

Der Einblick in das Gegockle meiner Geschlechtsgenossen faszinierte. Immer wieder erhielt meine Tänzerin zweideutige Post, oft schauderte ich mich, oft lachte ich lauthals. Ich zimmerte an neuen, immer aberwitzigeren Szenerien, die ich den Verehrern auftischte. Wer zweifelte, erhielt meine E-Mail-Adresse, um seitenweise Intimitäten auszutauschen. Die Geschichten entstanden beim Schreiben, je offensiver ich vorging, desto grösser die Resonanz. Nebenbei notierte ich mir stichwortartig, was ich wem erzählte, um mir später nicht zu widersprechen.

Ein reales und zwei virtuelle Leben zu führen, war unfassbar anstrengend und auf seltsame Weise schön. Bis mir eine junge Tänzerin schrieb: Sie suche eine Stelle, sei neu in der Stadt und würde mich gern kennen lernen. Da ich es auf die Bühne geschafft hätte, könne ich ihr vielleicht ein paar Tipps geben. Oder ihr auch einfach mal Gesellschaft leisten an einem Abend nach dem Tanztraining, weil sie niemanden kenne in der Stadt. Ich klickte mich durch ihr Profil, ihre Fotos liessen mich erbeben. Sie war wunderhübsch. Ein Dutzend Mal las ich ihre Nachricht. Mit jedem Mal rötete sich mein Gesicht mehr, mir wurde heiss. Reumütig schrieb ich ihr, dass ich ein Hochstapler sei, ein Fake. Am selben Abend löschte ich meine Accounts und rührte seither dieses Teufelszeug nie wieder an. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2009, 21:21 Uhr

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10 Kommentare

Lukas Kubin

29.03.2009, 15:44 Uhr
Melden 1 Empfehlung

@Thomas Huaser: "Multiple Persönlichkeitsstörung bzw. dissoziative Identiätsstörung" ... Zumindest eine Störung. Also nicht weit weg von der SVP, so gesehen. Multiple ist dort zwar nur die Anzahl der Gestörten. Die Störung selber ist aber sehr einfach oder einfältig. Antworten


A. Brunner

28.03.2009, 13:41 Uhr
Melden

Also ich hätte geschrieben: Liebe Tänzerin, ich bin gerade am Broadway auf Tournee, aber ein guter Freund wird dir gerne Behilflich sein, auch er kennt fast niemanden in Zürich und darum habe ich ihm dein Facebook-Profil geschickt, du kannst ihn adden...... Diese Gelegenheit zu verpassen ist ein Zeichen das Mann eine Memme ist, schlimmer als das Facebook Profil faken, denn das tun sowieso alle. Antworten


Alexandra Hamilton

28.03.2009, 12:47 Uhr
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Dass man im Web unter einem Pseudonym, d.h. unter erfundenem Namen, auftritt ist nachvollziehbar. Heute schüffeln einem (potentielle) Arbeitgeber oder Bekloppte nach. Ein peinlicher Moment auf dem Web kann einem ein ganzes Leben lang nachhängen. Nicht umsonst empfiehlt man, im Web nicht zuviel von sich Preis zu geben. Im Web ist eben alles virtuell. Antworten


Mal Klartext

27.03.2009, 20:16 Uhr
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Beispiele für Leute, die von Berufes/Hobby wegen sehr gute Schauspieler und Lügner sind; Britische Geheimagenten - Drogendealer/Schmuggler - Pädophile Inzest-Eltern - Betrüger (des Geldes wegen) - fallen Ihenn auch noch einige ein? Und mit solchen Leuten also ist man im selben Topf, so als Hobby-Lügner. "Aber es ist doch nicht so schlimm" - "Wenn ich es nicht mache, machts ein anderer" - Antworten


Brendan Attenbourgh

27.03.2009, 20:01 Uhr
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Wer im Leben Freunde und Bekannte hat, der kann sich mit diesen über soziale Netzwerke wie Facebook verbinden. Wer aber keine Freunde hat, was soll so eineR auf solchen Netzwerken bloss machen? Was würden wohl blutleere Vampire tun, wenn sie einen Raum voller "pulsierendem" Leben gefunden haben? Diese LügnerInnen verbrutzeln die Zeit und Energie von anderen, von dem her ist der Vergleich passend. Antworten


Thierry Schuffel

27.03.2009, 09:45 Uhr
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Schöner Bericht .... das ist in Ordnung, auch wenn die Realität noch nicht ganz gezeigt wurde. Ich weiss das, weil ich auch ein Fake oder eine Multipler bin. Wichtig ist nur, dass man immer die Linien klar ziehen kann, im Kopf klar bleibt ... immer aufpassen, wenn man Mail schreibt, denn man hat ja schliesslich zwei Namen ;-) Bin schon seit langem dubliziert unterwegs ... and I love it :-)) Antworten


Thomas Huaser

27.03.2009, 08:59 Uhr
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"Vor lauter Rollen spielen vergisst man das Spiel und das man eine Rolle innehat: das sind dann die Menschen, die sich so ernst nehmen und die SVP wählen. ;)" falsch mr. büttikofer. dieser verhalten hat einen namen: in der medizin nennt man es multiple persönlichkeitsstörung bzw. dissoziative identiätsstörung. vielleicht mal beim psychologen vorbei schauen ;) Antworten


Andreas Büttikofer

26.03.2009, 23:07 Uhr
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-- "Rollenspiele" -- des Kicks wegen. Also, ich glaube, ich hab praktisch noch nie jemand getroffen, der "keine Rolle" spielt. Ich zB. spiele den Assozialen, aber in meinem Innern bin ich ein braver Bürger. Oder war es jetzt umgekehrt. Vor lauter Rollen spielen vergisst man das Spiel und das man eine Rolle innehat: das sind dann die Menschen, die sich so ernst nehmen und die SVP wählen. ;) Antworten


Maria Bigs

26.03.2009, 22:43 Uhr
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und du bist nicht allein da....nicht nur auf facebook....überal ob my space, netlog, friendscout, partnerwuînner....überal trifft man(n)/frau auf sog fake profil, und muss sagen dass wir frauen auch fake prifle herstellen und wir können auch rafiniert damit umgehen. aber so nebenbei tolles blog, real, echt, aktuell. Antworten


Hans Meier

26.03.2009, 22:32 Uhr
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Wenn man kein Leben hat, macht man so etwas. Antworten



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