«Mein Fakebook»: Wie ein Mann zu drei Identitäten kam
Von Benjamin Schlüer. Aktualisiert am 26.03.2009 10 Kommentare
Artikel zum Thema
- Stalin 2.0: Auf Facebook leben Nazis und Kommunisten weiter
- Facebook-Design: Rückzug nach Protestwelle
Benjamin Schlüer
Benjamin Schlüer lebt in Zürich. Er erzählte seine Erfahrungen mit Facebook exklusiv der «Bellevue»-Redaktion des «Tages-Anzeiger».
Dazugehören wollte ich auch. Mich zeigen nicht. Darum erstellte ich mir unter falschem Namen ein Profil. So konnte ich mir all die älter gewordenen Gesichter meiner Jugendfreunde ansehen und wusste bald, wer dabei war und wer nicht. Ohne Freunde war ich zwar da, aber nicht wirklich drin. Wie sollte mich jemand «adden», ohne dass ich preisgab, wer ich bin? Dem falschen Namen gab ich ein falsches Gesicht. Google spuckte mir Partyfotos und Ferienfotos anderer Leute aus, sie illustrierten jetzt mein Leben. Sogar die Bilder einer Wohnung, dezent aber stilvoll eingerichtet, zeigte ich als meine eigenen vier Wände.
Stundenlang bastelte ich an meiner Figur, nahm an Diskussionen teil, fand Aufmerksamkeit. Es war schwierig, nicht den Überblick zu verlieren und Glaubwürdigkeit zu schaffen. Trotzdem wollte alles nicht so recht in Gang kommen, ein paar Facebook-Freunde fand ich zwar, aber meine Freundschaftsgesuche wurden meist zurückgewiesen. Mit einem zweiten Profil stellte ich mir eine attraktive Freundin zur Seite. Ihr schrieb ich die Geschichte einer Musicaltänzerin auf den virtuellen Leib, veröffentlichte Songtexte, Fotos von Auftritten – alles aus dem Internet zusammengeklaubt. Meine Figuren schrieben sich gegenseitig auf die Pinnwand, kommentierten Fotos. Bald taten es andere auch. Meine virtuelle Tänzerin erhielt viel Post, wurde zur Facebook-Freundin geadelt – vorwiegend von Männern. Ich spielte mit – versandte Backstage-Bilder, versprach Gratistickets für die Auftritte. Wohlwissend immer denjenigen, die am weitesten weg wohnten und das Angebot nicht annehmen konnten.
Die Tänzerin erhält zweideutige Post
Der Einblick in das Gegockle meiner Geschlechtsgenossen faszinierte. Immer wieder erhielt meine Tänzerin zweideutige Post, oft schauderte ich mich, oft lachte ich lauthals. Ich zimmerte an neuen, immer aberwitzigeren Szenerien, die ich den Verehrern auftischte. Wer zweifelte, erhielt meine E-Mail-Adresse, um seitenweise Intimitäten auszutauschen. Die Geschichten entstanden beim Schreiben, je offensiver ich vorging, desto grösser die Resonanz. Nebenbei notierte ich mir stichwortartig, was ich wem erzählte, um mir später nicht zu widersprechen.
Ein reales und zwei virtuelle Leben zu führen, war unfassbar anstrengend und auf seltsame Weise schön. Bis mir eine junge Tänzerin schrieb: Sie suche eine Stelle, sei neu in der Stadt und würde mich gern kennen lernen. Da ich es auf die Bühne geschafft hätte, könne ich ihr vielleicht ein paar Tipps geben. Oder ihr auch einfach mal Gesellschaft leisten an einem Abend nach dem Tanztraining, weil sie niemanden kenne in der Stadt. Ich klickte mich durch ihr Profil, ihre Fotos liessen mich erbeben. Sie war wunderhübsch. Ein Dutzend Mal las ich ihre Nachricht. Mit jedem Mal rötete sich mein Gesicht mehr, mir wurde heiss. Reumütig schrieb ich ihr, dass ich ein Hochstapler sei, ein Fake. Am selben Abend löschte ich meine Accounts und rührte seither dieses Teufelszeug nie wieder an. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.03.2009, 21:21 Uhr
Kommentar schreiben
10 Kommentare
@Thomas Huaser: "Multiple Persönlichkeitsstörung bzw. dissoziative Identiätsstörung" ... Zumindest eine Störung. Also nicht weit weg von der SVP, so gesehen. Multiple ist dort zwar nur die Anzahl der Gestörten. Die Störung selber ist aber sehr einfach oder einfältig. Antworten
Schöner Bericht .... das ist in Ordnung, auch wenn die Realität noch nicht ganz gezeigt wurde. Ich weiss das, weil ich auch ein Fake oder eine Multipler bin. Wichtig ist nur, dass man immer die Linien klar ziehen kann, im Kopf klar bleibt ... immer aufpassen, wenn man Mail schreibt, denn man hat ja schliesslich zwei Namen ;-) Bin schon seit langem dubliziert unterwegs ... and I love it :-)) Antworten
































































