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«Sie geben bei jedem Artikel ein Stück Ihrer Identität preis»

Aktualisiert am 10.02.2012 10 Kommentare

Christian Heller will sich weder dem Facebook-Diktat noch dem Datenschutz unterwerfen. Die Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser wagen Prognosen für die Zukunft des offenherzigen Autors.

1/7 Ist Datenschutz tot? Nein, sagt Buchautor Christian Heller. «Als Institution, welche die Idee der ‹Informationellen Selbstbestimmung› durchzusetzen sucht, ist Datenschutz zumindest im deutschsprachigen Raum quicklebendig.» Aber er ist für Heller «nicht sehr erfolgreich»: Faktisch betreibe er einen Kampf gegen Windmühlen. Im Bild: Hanspeter Thür, Eidgenössischer Datenschutzbeauftragter.
Bild: Keystone

   

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Christian Heller (27) ist Autor des Buches «Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre» (Becksche Reihe) und arbeitet als Filmkritiker, Netztheoretiker und Blogger. Auf Plomwiki protokolliert er als «Post-Privacy-Experiment» sein Leben und seine Ausgaben in der Öffentlichkeit.

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Wie durchsichtig die vermeintliche Privatsphäre im Web sein kann, erfuhr ein britisches Paar letzte Woche auf die harte Tour: Bei der Einreise in die USA wurden die beiden noch am Flughafen verhaftet – wegen eines Scherzes, den sich der Engländer zuvor auf Twitter erlaubt hatte: Er werde «Amerika zerstören» und Marilyn Monroe ausgraben, hatte er geschrieben. Die US-Sicherheitsbehörden konnten darüber offenbar nicht lachen.

Diese Anekdote zeige eigentlich schon, wohin eine Einstellung wie jene von Christian Heller führen könne, findet Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser Bruno Wildhaber. Heller vertritt die Ansicht, dass Privatsphäre eine Illusion ist – und will seine eigene deswegen schon gar nicht mehr aufrecht erhalten.

Kluft zwischen den Generationen

Arglos, ja naiv sei diese Einstellung, schreibt Bruno Bernasconi. Zwischen den Generationen tue sich offenbar ein Graben auf: «Der junge Mann hat die Fichenaffäre in der Schweiz oder die Bespitzelungen in der DDR mit ihren teilweise schlimmen bis tödlichen Folgen nicht erlebt.»

Überhaupt ist der Grundtenor zu Hellers Lebenseinstellung vorwiegend kritisch. «Sie stellt grundsätzlich anerkannte ethische Errungenschaften krass in Frage», schreibt Kurt Aegeri. Ursi Brock wirft Heller «die Banalisierung des Social Networking» vor. Sepp Schweizer glaubt, dass der offenherzige Blogger den Ernst der Lage nicht erkennt. Positiv kommen Hellers Thesen bei Alain Burky an: Jeder könne selbst bestimmen, was er im Internet von sich preisgebe. Und jeder könne aus Fehlern lernen: «Lieber eine offene Gesellschaft als irgendeine Diktatur.»

Er nutze die komplette Offenheit dazu, sein Leben zu analysieren, es aus neuen Perspektiven zu betrachten, sagt Christian Heller weiter. Leser Mike Bachofner kauft ihm seine Motive nicht ab: Würde es Heller tatsächlich um Selbstanalyse gehen, «könnte er sein Lebensprotokoll auch für sich führen und müsste es nicht publizieren», schreibt er. Es handle sich hier vielmehr um ein «übersteigertes Mitteilungsbedürfnis».

Ein neuer Menschentypus ist geboren

Daniel Adler nimmt die Diskussion gar zum Anlass, einen neuen Menschentypus zu beschreiben. Heller sei ein «Web-Hippie» – einer, für den eine Welt ohne Geheimnisse eine bessere Welt darstelle. «Er will sich weder dem Diktat von Facebook und Google noch dem im Gesetz verankerten Datenschutz unterwerfen und fordert die totale Transparenz.» Indem er das tue, proklamiere er, «dass er zu den Guten gehört, die nichts zu verbergen haben». Das mache halt populär.

Nick Wassermann schliesslich hebt die Diskussion auf die nächste Ebene und hält den Kommentatoren selbst den Spiegel vor. Indem sie die Einstellung Hellers nämlich öffentlich kritisieren, würden sie sich mit ihm auf eine Stufe stellen: «Sie schreiben hier munter Kommentare und geben bei jedem Artikel ein Stück Ihrer Identität preis. Schon mal daran gedacht, dass Sie damit Ihre komplette Lebenseinstellung veröffentlichen?» (fko)

Erstellt: 10.02.2012, 13:21 Uhr

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10 Kommentare

Orvil Weltmann

10.02.2012, 16:30 Uhr
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Die volle Offenheit ist im heutigen Zustand tatsächlich eine Hippie Utopie, genau wie der Weltfrieden (John Lennon, Imagine, lässt grüssen). Solange Menschen auf Grund ihrer Meinung verfolgt und getötet werden, ist Offenheit unmöglich - repressive Regime, McCarthyism, getötete Blogger in Mexico. Wer weiss was in 10-20 Jahren ist, das WWW vergisst schlecht, und die Vergangheit holt einem ein. Antworten


Antoine Kuske

10.02.2012, 15:33 Uhr
Melden 6 Empfehlung

Das Umgekehrte ist auch möglich. Dank Google, Facebook + Co ist es ein Einfaches, eine Scheinidentität zu konstruieren.
Eine Scheinidentität die wahre Identität verschleiert. Eine Scheinidentität ist der perfekte Schutz für die Privatsphäre. Jeder kann sein eigener George Smiley sein ;-)
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