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«Surfen gehört zum Arbeitsalltag»

Von Reto Hunziker. Aktualisiert am 26.01.2009

Schweizer Unternehmen sperren Community-Seiten und Dating-Plattformen, weil die Angestellten zu viel Zeit im Web verbringen. «Das bringt nichts», heisst es allerdings aus Fachkreisen.

Schluss mit lustig: Viele Unternehmen haben die Community-Site Facebook gesperrt.

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Bild: Keystone

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17 Tage pro Jahr am Surfen

Laut einer Studie von Sterling Commerce surft jeder Beschäftigte täglich 190 Minuten zu rein privaten Zwecken. Pro Mitarbeiter entsteht laut dieser 2008 publizierten Studie ein Arbeitsausfall von 17 Tagen im Jahr. Der Gesamtschaden für Arbeitgeber beträgt umgerechnet 78 Milliarden Franken.

Trotzdem ist es fraglich, ob Surfverbote sinnvoll sind, denn auch Massnahmen, das Internet am Arbeitsplatz zu sperren, kostet ein Unternehmen viel Geld. Laut einer Studie des Gameanbieters Popcap Games ist es durchaus produktiv, während der täglichen Arbeit ein kleine 10-Minuten-Online-Pause zu machen. Sie reduziere den eigenen Stress und helfe dabei, sich anschliessend wieder ganz auf die Arbeit zu fokussieren. Die Studie stützt sich auf psychometrische Untersuchungen, die in verschiedenen englischen Unternehmen unter der Leitung der Goldsmiths Universität organisiert wurden. Das Ergebnis: Die Arbeitsleistung wird gesteigert, wenn die Chefs ihre Mitarbeiter aktiv dazu ermutigen, eine zehnminütige E-Pause einzulegen. Ein Verbot einer solchen Arbeitsunterbrechung würde die britische Wirtschaft jährlich über sechs Milliarden Franken kosten.

Besonders Frauen scheint privates Surfen gut zu tun. Das berichtet das Webcontrolling-Unternehmen Mind Lab International. Gemäss seinen Forschungsergebnissen brauchen Frauen während eines Arbeitstages nur zehn Minuten private Internetnutzung, um sich kurz zu erholen und die geistige Leistungsfähigkeit wiederherzustellen. (rek)

Fertig mit Facebook heisst es seit Kurzem bei den SBB oder bei Coop. Die Unternehmen haben die Webseite für ihre Mitarbeiter gesperrt. Der Bund blockiert bei 36'000 Angestellten auch Dating-Plattformen, um das private Surfen während der Arbeitszeit zu unterbinden.

Damit schiessen die Arbeitgeber jedoch ein Eigentor, finden Experten. «Bei Angestellten, die in kleinem Rahmen surfen, kann ein solches Verbot kontraproduktiv wirken», sagt Fred Henneberger vom Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitsrecht der Universität St. Gallen. Es könne sogar Misstrauen auslösen und zu einem Loyalitätsverlust führen. Und schliesslich dürfte auch die Motivation darunter leiden. «Insgesamt sind die dadurch entstehenden Verluste wohl grösser als die Einsparungen», glaubt Henneberger. Als «normalen» Internetkonsum wertet Henneberger bis zu 3 Prozent der Arbeitszeit.

«Nicht gründlich analysiert»

Aber auch bei exzessivem Surfen, nütze ein Verbot nichts, so Henneberger. «Wo ein solches Verbot wirklich nötig ist, besteht ein Führungsproblem», glaubt der Experte. «Wer so viel Zeit fürs Internet übrig hat, ist nicht ausgelastet und wird auch in der neu gewonnenen Zeit nicht mehr arbeiten.»

Gleicher Auffassung ist auch Theo Wehner, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich: «Das wurde nicht gründlich analysiert, geschweige denn zu Ende gedacht», findet er. Ein Verbot bringe nichts, vielmehr müssten die Unternehmen eine Policy entwickeln. «Zuerst sind die Regeln für den Umgang mit Facebook und Dating-Plattformen zu kommunizieren», so Wehner.

«Gehört zum Arbeitsalltag»

Wehner glaubt nicht, dass die Arbeit durch die Nutzung von Facebook und Co. stark beeinträchtigt wird. «Das ist ja keine Arbeitsverweigerung. Der Wechsel von Aktivität begünstigt sogar die kognitive Erholung – das gehört zum Arbeitsalltag. Dass dadurch die Produktivität nachlässt, ist meines Wissens nicht bewiesen.» Für alle, die es nicht betreffe, sei das Verbot jedoch ein Affront.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.01.2009, 13:00 Uhr

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