Vernetzen bis zur totalen Erschöpfung

Das Internet der Dinge breitet sich aus. 2017 wird sich zeigen, ob die smarten Geräte das Leben erleichtern oder vor allem ein Risiko sind.

Sieht so unsere digitale Zukunft aus? An der Elektronikmesse in Las Vegas letzte Woche.

Sieht so unsere digitale Zukunft aus? An der Elektronikmesse in Las Vegas letzte Woche. Bild: Steve Marcus/Reuters

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Die Produzenten von Alltagsgegenständen haben «smart» als Verkaufsargument entdeckt. Das zeigte sich deutlich an der CES, die letzte Woche in Las Vegas über die Bühne ging. An dieser grossen Fachmesse für Unterhaltungselektronik waren viele Objekte fürs Wohnen, die Hygiene und den Haushalt in «smarten» Varianten zu sehen – das heisst, mit Anschluss an Apps und das Internet.

Zum Beispiel die Haarbürste mit WLAN. Entwickelt hat sie das französische Unternehmen Withings, das inzwischen eine Tochter von Nokia ist, zusammen mit dem Kosmetikhersteller L’Oréal. Dieser «Haar-Coach» verspricht, den Rhythmus und die Intensität zu kontrollieren, Bürstenstriche zu zählen, vor trockenen Haaren zu warnen und Haarbruch zu vermeiden.

Der Catspad Smart Pet Feeder verabreicht Futter und Wasser an Hauskatzen und kann sogar mehrere Tiere unterscheiden. Die App heizt den klugen Ofen vor. Geni Can ihrerseits ist eine intelligente Mülltonne, die automatisch jene Dinge nachbestellt, deren leere Verpackung man weggeworfen hat.

Der smarte Duschkopf von Hydrao misst den Wasserverbrauch und zeigt mit LEDs an, wenn man sich ausreichend berieselt hat. Er führt auch eine Statistik. Dank der kann man Alexa, die digitale Hausassistentin von Amazon, fragen, wie viel Geld man mit der Wasserrechnung wohl sparen wird.

Automatisch warme Füsse

Nicht nur im Bad und in der Küche findet man die smarten Gegenstände, sondern auch im Schlafzimmer. Sleep Number 360, das digitale Bett, überwacht die Bewegungen des Schläfers. Es passt sich dessen Schlafposition an und stützt immer optimal. Es wärmt bei Bedarf die Füsse, und wenn einer im Bett mit Schnarchen loslegt, hebt es seinen Kopf an, bis wieder Ruhe herrscht. Wie geruhsam man genächtigt hat, ist des Morgens in der App ersichtlich. Dort wird der sogenannte «Sleep IQ-Score» angezeigt, den das Bett mit den Mitteln des maschinellen Lernens kontinuierlich verbessern will.

Zur Sicherheit des Anwesens trägt die Drohne von Alarm.com bei. Die patrouilliert in und um das Haus, und wenn mitten in der Nacht irgendwo etwas scheppert, zeigt sie am Smartphone mit einem Live-Videobild, ob es die (vielleicht trotz smartem Fütterungsautomaten hungrige) Katze oder ein Einbrecher war. Doch nicht nur Drohnen tragen zur häuslichen Ordnung bei, sondern auch Roboter wie Kuri. Der fährt durchs Haus und entdeckt den Hund, wenn dieser wieder einmal auf dem Sofa liegt – worauf man als Hundebesitzer über den eingebauten Lautsprecher das Tier anbellt, es solle sich gefälligst in sein eigenes Körbchen legen. Auf ähnliche Weise kann man übrigens auch seine Kinder zur Ruhe bringen. Das Snoo Bed wiegt Babys automatisch in den Schlaf und beruhigt es mit künstlichem Rauschen.

In jeden Winkel vernetzt

«Es scheint, als hätten sich die CES-Aussteller die Aufgabe gestellt, auch noch den letzten Winkel des menschlichen Lebens rund um die Uhr zu erfassen», schreibt das Online-Fachmagazin Heise.de als Fazit zur Messe.

Ist 2017 also der Startschuss für das vernetzte Heim und das Internet der Dinge gefallen – wie es vom Informatiker Mark Weiser 1991 umrissen wurde? «Forbes» prognostiziert einen sprunghaften Anstieg beim Absatz von Prozessoren und Sensoren, wie sie für die allgegenwärtigen smarten Geräte notwendig sind. Bei den Herstellern werde sich in diesem Jahr die Spreu vom Weizen trennen – weil es «einfach zu viele Anbieter gibt, die beliebige Produkte in den Markt drücken», wie «Forbes» schreibt. 2017 wird auch klarer werden, welche Hubs sich durchsetzen werden. Der Hub ist die Zentrale im vernetzten Zuhause, die all die Geräte dirigiert.

Um diese Schlüsselrolle buhlen diverse Hersteller: Apple mit der Homekit-Schnittstelle des iPhones, Samsung Smart Things, Google Home oder Stringify. An der CES dieses Jahr hat sich aber Alexa hervorgetan. Amazons Assistentin wurde 2014 mit dem (hierzulande noch nicht erhältlichen) Lautsprecher Echo vorgestellt. Alexa hört auf gesprochene Kommandos, spielt Musik, beantwortet Fragen zum Wetter und zu Sportresultaten und führt Bestellungen bei Amazon aus.

Tausende von Puppenhäusern

7000 sogenannte «Skills» beherrscht sie unterdessen, wie der stellvertretende Echo-Produktchef gegenüber Geekwire.com sagte. Alexa ist inzwischen auch in viele smarte Geräte integriert. Es gibt sie in einem Kühlschrank von LG, in Fernsehern, Lautsprechern, Haushaltrobotern, und selbst ins Auto hält sie demnächst Einzug. Ford und VW wollen die Assistentin integrieren, wo sie Fragen zum Status des Fahrzeugs beantwortet und bei Bedarf neue Scheibenwischerblätter bestellt.

Dass ausgerechnet Amazon gute Karten hat, in unseren smarten Heimen allgegenwärtig zu sein, beruhigt die Skeptiker nicht. Damit Alexa und der Echo-Lautsprecher auf Kommandos reagieren können, lauschen sie ununterbrochen auf jedes gesprochene Wort. Stimmen unterscheiden kann die Assistentin bislang nicht, sodass sie jeder Gast im Haus nach den aktuellen Bankauszügen fragen kann. Noch absurder: Ein Fernsehnachrichtensprecher in San Diego hat während einer Sendung davon gesprochen, wie «Alexa ein Puppenhaus bestellt» habe. Das hat sogleich unzählige Echo-Lautsprecher dazu veranlasst, bei Amazon eine entsprechende Order zu platzieren.

Backöfen legen das Web lahm

Nebst dem Verlust an Privatsphäre warnen Experten auch vor einem riesengrossen Sicherheitsrisiko. Max Klaus, der stellvertretende Leiter der Melde- und Analysestelle Informationssicherung des Bundes (Melani), sieht die reale Gefahr, dass Cyberkriminelle mit den oft schlecht geschützten Kühlschränken und Backöfen riesengrosse Botnetze aufziehen. Dass das keine theoretische Gefahr ist, hat sich im Oktober letzten Jahres gezeigt. Damals waren gekaperte Kameras und digitale Videorekorder dazu benutzt worden, die Internet-Infrastruktur anzugreifen. Diverse grosse Websites, darunter Twitter, Amazon, Spotify und Netflix, waren während Stunden nicht mehr erreichbar.

Das Magazin «Wired» nennt ein weiteres Problem des Internets der Dinge: die «Digital Fatigue». Das sind Ermüdungserscheinungen, weil die vernetzte Welt zu kompliziert und zu umständlich zu bedienen ist. Und in der Tat zeigt sich das beim Ausprobieren vieler smarter Gegenstände: Der Komfortgewinn ist klein und fast schon vernachlässigbar im Vergleich zum Aufwand, der nötig ist, um ein System in Betrieb zu nehmen und am Laufen zu halten. Bluetooth und WLAN sind in Sachen Zuverlässigkeit einem dummen Gerät mit einem simplen Ein-Aus-Schalter noch längst nicht ebenbürtig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2017, 07:11 Uhr

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