Wie Sie im Internet Ihre Spuren verwischen

An der Zürcher Crypto Party erfährt die Bevölkerung, wie sie Mails verschlüsselt und beim Websurfen weniger Datenspuren hinterlässt. Wir sprachen mit Veranstalter Hernani Marques.

Mailen, surfen, posten: Es wird mitgelauscht.

Mailen, surfen, posten: Es wird mitgelauscht. Bild: Keystone

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Sie veranstalten mit dem Chaos Computer Club Zürich (CCCZH) am Samstag eine sogenannte Crypto Party. Was passiert da?
Teilnehmer erfahren am Samstag zuerst, wie einfach man ihre Aktivitäten im Internet überwachen kann. Gerade dem Durchschnittsnutzer wollen wir aufzeigen, wie er seine Mails verschlüsselt und beim Surfen weniger Spuren hinterlässt. Wir nennen das «digitale Selbstverteidigung». Das ist vor dem Hintergrund der NSA-Affäre umso wichtiger. Wer seinen Laptop mitbringt, dem helfen wir, die Software einzurichten und erste verschlüsselte Mails abzuschicken.

Wer an solche Treffs denkt, stellt sich vor allem bleiche Gestalten vor, die neben einem Pizzaschachtel-Berg vor sich hin hacken…
Keine Angst, die meisten unserer 30 Mitglieder sind nicht völlig bleich und auch sehr kommunikativ. Deshalb laden wir auch die breite Öffentlichkeit zu dieser Veranstaltung ein. Wer vorbeikommt, braucht keine Programmierkenntnisse und muss auch keinen Lötkolben mitbringen.

Wie viele Teilnehmer erwarten Sie?
Das Interesse übertrifft bereits unsere Erwartungen. Wir haben über 30 Zusagen und sind mittlerweile ausgebucht. Um den Partyaspekt zu betonen: Wir haben uns überlegt, danach zu grillieren. Die Atmosphäre soll locker sein und jede Person ist eingeladen.

Dieses digitale Katz-und-Maus-Spiel ist für den Nutzer mit viel Aufwand verbunden. Der Durchschnittsnutzer wird sich sagen, dass er sowieso nichts zu verbergen hat. Also, was solls...
Das kann man so sehen, solange man keine negativen Folgen spürt. Aber das Problem ist tiefgründiger und vor allem langfristiger Natur. Die vielen kleinen Daten, die man über die Jahre bei der Googlesuche und anderen Aktivitäten im Internet hinterlässt, fügen sich auf Dauer wie kleine Puzzleteile zu einem Bild über ihre Person zusammen. Dabei können auch falsche Zusammenhänge entstehen.

Das heisst?
Wer auf Google zum Beispiel für eine Forschungsarbeit nach psychischen Krankheiten sucht, kann in Verdacht geraten, selber krank zu sein. Das ist noch ein harmloses Beispiel. Peinliche oder falsche Zusammenhänge über die eigene Person können auch bei Bewerbungen, der Karriere oder politischen Wahlen zum Handicap werden. Ihre Daten werden heute zudem von einem Unternehmen zum anderen geschoben, Behörden tun dies auch – und die Betroffenen haben keine Ahnung davon. Bei der massenweisen Überwachung von Mails oder SMS haben Sie darüber hinaus nicht eingewilligt, diese Daten preiszugeben. Sie verlieren die Kontrolle über den Verbleib Ihrer Daten. Für eine Demokratie ist es fatal, wenn Personen Selbstzensur üben müssen, weil sie davon ausgehen müssen, dass ihre gesamte Kommunikation mitgeschnitten wird.

Mit Ihren Tipps liefern Sie auch Menschen, die tatsächlich etwas zu verbergen haben, eine wunderbare Anleitung…
Natürlich, aber wir möchten auch in Zukunft in einem Rechtsstaat leben. Grundsätzlich gilt die Unschuldsvermutung. Dann gibt es in der Bundesverfassung ein Recht auf Privatsphäre. Dieses Grundrecht ist Voraussetzung dafür, dass Menschen sich frei ausdrücken und entfalten können. Gerade in einer Demokratie ist das sehr wichtig. Es macht darüber hinaus keinen Sinn, dass der Staat oder Unternehmen ohne jeden Grund meine Kommunikation mitlesen. Ich möchte davon ausgehen, dass ein SMS, das ich Ihnen schreibe, nur wir zwei lesen und nicht ein unüberschaubarer Wust aus profitorientierten und staatlichen Akteuren.

Das hört sich alles sehr stark nach George Orwells Überwachungsstaatsroman «1984» an. Wir stehen doch insbesondere in der Schweiz nicht unter Dauerüberwachung der Behörden, die alle unsere Mails abgreifen.
Wir leben hier im Staat der Fichenaffäre. Es ist nicht so lange her, da hat die Geschäftsprüfungsdelegation des Parlaments festgestellt, dass von mehr als 100'000 unschuldigen Personen Staatsschutzakten angelegt wurden. Neu soll ein Nachrichtendienstgesetz (NDG) entstehen, das unserem Nachrichtendienst die Möglichkeit eröffnet, legal in privaten virtuellen oder physischen Räumen herumzuschnüffeln. Speziell soll es ihm legal möglich sein, in Computersysteme einzubrechen.

Daten sammeln vor allem die Internetkonzerne...
Und diese agieren dann noch frei von Moral und Gesetzen. Die Onlinedienste von Google, Facebook, Microsoft oder auch GMX brauchen sich nicht an Schweizer Recht zu halten. Da das verbriefte Recht auf Privatsphäre für sie offensichtlich nichts als eine Farce ist, rufen wir eben die Bevölkerung dazu auf, ihr Recht auf Privatsphäre mit technischen Mitteln durchzusetzen.

Dazu fehlt in der Bevölkerung aber oft das Bewusstsein.
Ja, besonders vielen Facebook-Nutzern ist nicht klar, wer eigentlich alles Zugriff auf ihr Profil hat. Es ist eine Illusion zu meinen, dass alleine der «Freundeskreis» das Profil sieht. Für profitorientierte Unternehmen oder Staaten ist die heutige Datenlage ein Traum, da sie von vielen Personen, quasi frei Haus, ein Profil erhalten. Was die staatliche Seite angeht, besteht mit Indect auf europäischer Ebene ein Projekt, um eine umfassende Datenverknüpfung aus verschiedenen Datenquellen vorzunehmen. So ist es z. B. technisch lösbar, Bilder von Videoüberwachungsanlagen mit dem Facebook-Profil automatisch abzugleichen.

Welche fünf Dinge kann ich zu Hause als Computernutzer sofort umsetzen, um im Internet weniger Daten zu hinterlassen und meine Mails sicherer zu machen?

1. Nutzen Sie am besten ein Betriebssystem, das transparent entwickelt wird, wo bekannt ist, was es den ganzen Tag tut und wohin Daten übermittelt werden. Als nutzerfreundliches Beispiel kann das Opensource-Betriebssystem Ubuntu gelten.

2. Verwenden Sie statt Google doch einmal die Suchmaschine Startpage.com. Diese leitet Ihre Suchanfragen an Google weiter, verhindert allerdings, dass Ihre Suchanfragen mit Ihnen in Verbindung gebracht werden.

3. Nutzen Sie für Mails am besten Thunderbird mit dem Zusatzprogramm Enigmail, um Ihre E-Mails zu verschlüsseln.

4. Verwenden Sie beim Websurfen statt Safari, Internet Explorer oder Chrome Mozilla Firefox mit den Erweiterungen «HTTPS-Everywhere», «Cookie Monster», «AdBlock Plus» und «DoNotTrack+». Die kleinen Helfer sorgen dafür, dass Sie Webseiten immer verschlüsselt abrufen, und sie sorgen für weniger Spuren im Internet.

5. Gehen Sie davon aus, dass alles, was Sie auf Twitter, Facebook und ähnlichen Plattformen hinterlassen, von jeder Person auf dieser Welt gelesen werden kann. Verhalten Sie sich dementsprechend.

Was empfehlen Sie bei Mails?
Verschlüsseln Sie alle Daten, die Sie von Ihrem Computer verschicken. Das ist zwar mit Mehraufwand verbunden. Aber stellen Sie sich eine normal verschickte Mail wie eine Postkarte vor – auf dem Weg zum Empfänger kann sie problemlos mitgelesen werden. Verschlüsselt ist die Nachricht hingegen wie ein Safe. Einzig der Empfänger hat den Schlüssel dazu. Das sichert auf technischem Weg die Privatsphäre, auf die jede Person grundsätzlich Anspruch hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.07.2013, 16:26 Uhr)

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Hernani Marques.

Zur Person

Hernani Marques hat 2005 den Chaos Computer Club Zürich (CCCZH) mitbegründet und ist seither im Vorstand der Bürgerrechts- und Hackerorganisation aktiv. Seit 2009 studiert er an der Universität Zürich Computerlinguistik, Soziologie sowie Neuroinformatik. Dort engagiert er sich zudem seit 2012 in der Informatikkommission des offiziellen Studierendenverbands (VSUZH).

Crypto Party in Zürich

Hinter der Crypto Party steht der Chaos Computer Club Zürich (CCCZH). Er zählt 30, mehrheitlich männliche Mitglieder. Darunter viele Studierende aus den Bereichen Informatik, Elektrotechnik und Physik. Das jüngste Mitglied ist 15 Jahre alt, das älteste im Rentenalter. «Wir haben auch Mitglieder, die mehr soziale Interessen haben und sich etwa speziell für Themen der digitalen Gesellschaft und die damit verbundenen Fragen des Datenschutzes und der Privatsphären interessieren», sagt Hernani Marques. Im erweiterten Kreis des CCC in Zürich sind zusätzlich etwa 100 Leute aktiv. Schweizweit sind es einige Hundert mehr. Wer dem CCCZH einen Besuch abstatten möchte: Mitglieder und Interessierte treffen sich jeden Mittwoch an der Luegislandstrasse 485, ab 19 Uhr in Zürich-Schwamendingen. Die Treffen sind öffentlich und kostenlos.

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Nehmen Sie jetzt an, Sie entscheiden sich für ein achtstelliges Passwort. Falls Sie nun aus einem grösseren Zeichensatz schöpfen, wo Ihnen 100 Zeichen zur Verfügung stehen, so sind 100 hoch 8 Kombinationen verfügbar. Das ist noch immer rund zehnmal weniger als bei einem 20-stelligen Passwort nur mit Kleinbuchstaben. (ah)

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