Wie Wikipedia einer Taliban-Geisel das Leben rettete

Aktualisiert am 29.06.2009

Sieben Monate war der «New York Times»-Reporter David S. Rohde Gefangener der Taliban. Er überlebte wahrscheinlich nur wegen einer Kooperation mit Wikipedia.

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia und die «New York Times» haben einem Reporter derselbigen US-Zeitung vermutlich das Leben gerettet. David S. Rhode war im November vergangenen Jahres gemeinsam mit dem lokalen Reporter Rahir Ludin und einem Fahrer von den Taliban als Geisel genommen worden. Um seinen «Wert» für die terroristische Organisation möglichst niedrig zu halten und damit sein Leben zu schützen, hielten die «New York Times» und Wikipedia den Fall sieben Monate lang in einer gemeinsamen Anstrengung vor der Öffentlichkeit geheim. Die Zeitung bemühte sich bei mehr als 35 grossen Nachrichtenorganisationen darum, dass keine Berichte veröffentlicht wurden. Wikipedia hielt gleichzeitig über die gesamte Zeit hinweg den Eintrag über Rhode zurück.

Probleme mit Schreiber aus Florida

Erst jetzt, nachdem der Reporter wieder frei kam, gelangte der Fall an die Öffentlichkeit. Nun lässt sich auch der Wikipedia-Eintrag mit den entsprechenden Informationen über die Entführung auf der englischen Seite der Online-Enzyklopädie aufrufen. Während es für die «New York Times» einiges an Bemühen kostete, die Geschichte für so viele Monate geheim zu halten, war die Herausforderung für die Wikipedia-Verantwortlichen um ein Vielfaches grösser.

So versuchte ein anonymer Schreiber aus Florida immer wieder, den Fall auf der Seite publik zu machen. Die Wikipedia-Betreiber waren unentwegt damit beschäftigt, die News zu unterdrücken. Da sich der betreffende Verfasser nicht in seiner vollen Identität zu erkennen gab, konnte er nicht kontaktiert und somit die beabsichtigte Geheimhaltung auch nicht erklärt werden. So entwickelte sich ein Teufelskreis, in dem der Schreiber zunehmend verärgert immer wieder dieseleben Fakten veröffentlichen wollte und Wikipedia diese wieder herausnehmen musste.

Deutsche hielten sich zurück

Letztlich ging der Plan der «New York Times» und der Online-Enzyklopädie jedoch auf. So seien etwa auf der deutschsprachigen Wikipedia-Seite keine Versuche zur Veröffentlichung des Falls registriert worden, heisst es seitens Wikimedia Deutschland auf Nachfrage der Agentur Pressetext. Das Thema konnte offenbar auf den US-Auftritt begrenzt und dort abgehandelt werden. Ein deutschsprachiger Artikel zu dem Reporter existiert auch jetzt nicht.

Rhode und Ludin konnten sich aus der Gefangenschaft der Taliban befreien. Der Fahrer, der mit ihnen in Geiselhaft genommen worden war, entschied sich überraschenderweise freiwillig bei den Taliban zu bleiben, wie Rhode nun berichtete. Auch Wikipedia-Gründer Jimmy Wales selbst zeigte sich erfreut darüber, was der New York Times und seiner Plattform hier offenbar gemeinsam gelungen ist. (rek/pte)

Erstellt: 29.06.2009, 13:35 Uhr

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