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Youtubinhoooo!

Von Tobias Moorstedt. Aktualisiert am 24.06.2010

Die Videobörse Youtube ist dank mehrerer Millionen Filmchen eine Schatztruhe des Fussballs.

1/3 Youtube.com

   

Cem Atan ist der beste Fussballspieler der Welt. Auf Youtube präsentiert sich der 24-Jährige «schnell», «trickreich», «durchsetzungsstark», ausgestattet mit «dem Auge für den besser postierten Nebenmann» und dem «unbedingten Zug zum Tor». Atan, so scheint es dem Betrachter des 4,09 Minuten langen Videos, sollte in einer Liga mit Messi, Tevez und Ronaldo spielen. Aber der offensive Mittelfeldspieler verpasst die WM (er ist schliesslich Österreicher), sein Marktwert beträgt nur 550'000 Euro, und er ist beim SV Mattersburg aktiv.

Atan mag in der Fussballprovinz spielen, sein Videoporträt aber gleicht einem Hollywood-Actionfilm. Die Bilder sind mit treibenden Hip-Hop-Beats unterlegt, in einer atemlosen Montage folgt Trick auf Torerfolg auf Trick, der alternierende Einsatz von Zeitlupe und Zeitraffer verleiht auch dem schlampigsten Dribbling eine enorme Dynamik.

Die eigentliche Sendezentrale des Weltfussballs

Das Medienzentrum in Kapstadt sendet zurzeit die Bilder der Fussball-WM in alle Welt. Die eigentliche Sendezentrale des Weltfussballs aber sind Videobörsen wie Youtube oder Vimeo, auf denen sich für den Suchbegriff «Soccer» mehrere Millionen Filme finden. Da ist der epische Werbespot, den der Regisseur Alejandro Gonzalez Inarritu («Babel») für Nike gedreht hat, da sind Videos von vergangenen Meisterschaften, die offenbar mit dem Handy aufgenommen wurden, da ist das Video von Cem Atan, mit dem sich dieser bei anderen Vereinen bewirbt, und unzählige Fanfilme, mit denen Fans ihren Idolen huldigen oder ihre eigene Sportgeschichte schreiben.

Youtube wird oft als Jukebox der Popkultur bezeichnet, weil dort beinahe jedes Video und jeder Song und jeder Werbespot verfügbar ist. Youtube ist aber auch die Bilderschatztruhe des Fussballs, oder auf welchem anderen Kanal könnte man sonst innerhalb von wenigen Minuten das Jahrhundertspiel zwischen Deutschland und Italien im Jahr 1970 sehen, dann Ballakrobatik an der Copacabana, dann eine Zusammenfassung der Champions League, dann die besten zehn Tore von Cristiano Ronaldo, Flugkopfbälle, Freistosshämmer, Alleingänge. Mehr als 15 Millionen Menschen haben diesen Film bereits gesehen.

Aufnahmen von fast jedem Fussballspiel

Auf Youtube und obskuren Filesharing-Börsen, die seltsamerweise häufig im Irak stationiert sind, findet man von beinahe jedem Fussballspiel, das seit Erfindung der Kamera angepfiffen wurde, auch Bilder und Aufnahmen. Fussballvideos kommen in unendlich vielen Aggregatsformen vor, als HD-Mitschnitt des aktuellen Topspiels, als digitalisierte VHS-Kassette oder verpixelte Handyaufnahme vom dritten Tribünenrang. Natürlich liegen die Rechte in den meisten Fällen bei TV-Anstalten oder Veranstaltern. Anders als Hollywood-Studios, die ihre Filme und Serien erfolgreich aus dem Youtube-Kosmos löschen lassen, scheinen die Fussballmedienunternehmer dem Bildersturm jedoch nicht gewachsen. Der FC Bayern überlegte sich zwar vor vier Jahren einmal öffentlich, Youtube zu verklagen, aber von der Initiative hat man nichts mehr gehört.

Beste Tore, brutale Fouls

Die Medienrevolution verändert auch die Machtverhältnisse in der Fussballwelt. Fans müssen sich nicht länger von Experten und Journalisten sagen lassen, welches Spiel, welches Tor, welche Mannschaft man niemals vergessen darf, sondern basteln selbst an Listen mit Titeln wie «Die 50 besten Tore», «20 brutale Fouls» oder «5 Dinger, die auch meine Oma gemacht hätte». Youtube ist das kollektive Gedächtnis der Fussballgemeinde, in den Kommentaren und Klickzahlen wird verhandelt, was von einem Spieler nach einer langen Karriere übrig bleibt.

Früher waren Fussballfans auf Panini-Bildchen angewiesen. Die Spieler blickten streng und statisch aus dem Bilderrahmen heraus, das Format sah aus wie eine Mischung aus Passfoto und einem Porträt eines niederländischen Meisters. Im 21. Jahrhundert aber sehen sich die Fans die Bilder ihrer Helden nicht mehr ehrfürchtig an, sondern laden sie aus dem Netz runter, schneiden Spielsequenzen um und fügen Musik hinzu. Heraus kommt eine Sportschau auf Speed, Fussball-Clips, die sich zur Liveübertragung eines Spiels verhalten wie ein Video von Michel Gondry zu den Aufnahmen einer Überwachungskamera. Die Videos werden für eine Generation von Fans produziert, die sich vor der Playstation daran gewöhnt hat, dass ein Spiel nur wenige Minuten dauert und dass eine simple Tastenkombination genügt, um einen perfekten Fallrückzieher auszuführen, komplett mit Soundeffekten und Feuerwerk.

Das Internet als Talentmarkt

Der Regisseur Jean-Luc Godard hat mal gesagt, man müsse das Spiel in seinem Verlauf zeigen, nicht nur den Zweikampf und das Tor, sondern die davor folgenden Passstafetten und Positionswechsel. Die Fussballregisseure missachten das Diktum des Altmeisters und orientieren sich stattdessen an der Dramaturgie einer Best-of-Sendung, zeigen zum Beispiel alle 48 Tore von Lionel Messi aus der Saison 09/10 in 90 Sekunden. Das Fussballspiel verändert sich, da gibt es kein Abtasten der Mannschaften mehr, keine Langeweile und kaum Fehler, immer nur: Messi, Tor, Messi, Tor.

Klicks und Kommentare in sozialen Netzwerken können heute nicht nur aus einer unbekannten Schülerband ein Hitwunder machen, sondern auch einen unbekannten Spieler zum begehrten Objekt. Die Scouts und Trainer der grossen Vereine arbeiten schon seit Jahren mit Bergen von DVDs und Videokassetten, um die interessantesten Talente aufzuspüren. Heute hat jeder Fan eine vergleichbare Datenbank zur Verfügung und sucht in den Weiten des Web nach der idealen Verstärkung für sein Team.

Die Zeitung erfand den Künstlernamen

Vor einiger Zeit verliebten sich einige Fans des brasilianischen Vereins Flamengo Rio de Janeiro auf Youtube derart in die Künste des 14-jährigen Maycon Santana aus der Provinzstadt Adustina, dass sie die Vereinsführung öffentlich unter Druck setzten, den Jungen unter Vertrag zu nehmen. Mit Erfolg. Eine Zeitung fand sogleich den passenden Künstlernamen für den Star der neuen Art: Youtubinho! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2010, 19:58 Uhr

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