«Zu Hause, um die Paketen zu erhalten?»

«Freie Stelle in Switzerland. Bis 2000 Euro pro Monat»: Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat auf eine solche Spammail geantwortet. Und eine deutliche Antwort erhalten.

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«Freie Stelle in Switzerland. Bis 2000 Euro pro Monat» – zehntausende Schweizerinnen und Schweizer haben in den letzten Tagen Mails in schlechtem Deutsch mit diesem Betreff erhalten. Der Inhalt: Eine auswärtige Firma sucht «Handelsmanager» mit «flexible Arbeitsplan», «Teilzeit/Vollzeit.Vertrag».

Auch wer sich mit Online-Medien weniger gut auskennt, kommt ob solcher Post schnell ins Zweifeln: Die Sprache ist schlecht und als Kontaktadresse der angeführten HR-Abteilung wird ein Gratisaccount (Gmail) angegeben. Doch wer steckt hinter der Masche?

Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt sich interessiert – und dann?

Von Tagesanzeiger.ch/Newsnet kontaktiert, meldet sich anderntags Karl Vikre, «Manager der Kundenabteilung» einer gewissen «Eurotrade GmbH.» Vikre gibt an, unverdächtige Ware wie Sportausrüstung, Unterhaltungselektronik oder Kleider zu verkaufen. Im Antwortschreiben heisst es:

«Viele Internet-Auktionen und Online-Geschafte in der Schweiz versenden die Produkte international nicht. Als Ergebnis Tausende Kunden in Russland und einigen europaischen Landern sind nicht in der Lage, hochwertige Ware zu so niedrigen Preisen zu kaufen. Unsere Firma bietet russische und europaische Kunden mit den Schweizer Wohnadressen, die als Lieferadressen verwendet werden konnen. Dann liefern unsere Waren-Manager die Pakete in das Land, wo der Kunde ansassig ist. Es ist das gleiche, wenn sie Verwandte oder Freunde in der Schweiz haben und bitten sie um diese Dienstleistung. Deshalb brauchen Wir eine solche Ablieferungsdienstleistung.»

Die Provision, die nie eintrifft

Eurotrade, verspricht «Karl Vikre», bezahlt anständige Provisionen: Pro abgeliefertes Paket 30 Franken, pro Brief 10 Franken und für die Aufbewahrung eines Pakets (5-Tage-Frist) 10 Franken.

Berthold Metz, Betreiber der Site Spamschlucker.org und Mailexperte, warnt eindringlich vor solchen Angeboten. «Man wird Ihnen, wenn Sie mit den Spammern ins Geschäft kommen, gestohlene Ware zuschicken, die Sie dann im Land weiterleiten.» Mit andern Worten: Der Nutzer wird zum Hehler. Das Risiko, vom Zoll erwischt zu werden, trage der Schweizer Nutzer, denn der Absender sei natürlich gefälscht. Ausserdem sei das Risiko, beim Postverkehr innerhalb des Landes aufzufliegen, minimal - «und in diesem Fall dürfte es der Zieladresse nicht schwerfallen zu beweisen, dass es keinen Kontakt zu dem kriminellen Schweizer Subjekt gibt, das die Päckchen mit der Hehlerware verschickt.»

Im dreihundertsten Paket steckt ein Diamant

Für Spammer – in diesem Fall russische Cyberkriminelle – ist diese Masche offenbar ein einträgliches Geschäft. Metz skizziert folgendes Szenario: «Angeworbene Mitarbeiter erhalten 50 Pakete pro Woche, was einem Wochenlohn von 1500 Franken entspricht. Die Spammer verschicken im dreihundertsten Paket den gestohlenen Diamanten, im Rest sind russische Wahlkampfprospekte und zollfreie Luft. Damit hat der Nutzer für knapp 10'000 Franken den 30-Karat-Diamanten in die Schweiz geschafft.»

Auch Sicherheitsexpertin Sabrina Berkenkopf vom Software-Unternehmen G Data warnt ausdrücklich vor solchen Mails. «E-Mail-Betrüger bedienen sich immer wieder dieser Masche und verändern die angeblichen Stellenbeschreibungen und natürlich die Ansprechpartner.» Laut Berkenkopf sollte man bei Stellenangeboten im Internet auf folgende Punkte achten:

  • Der Absender: Ein Indiz für betrügerische Absichten sind oft schon die Absenderadressen. Man kann davon ausgehen, dass keine seriöse Firma ein Stellenangebot über einen Free-Mail-Service versenden würde oder dahin ihre Antworten erhalten möchte.
  • Die Sprache: Häufig werden die E-Mails von Fremdsprachigen verfasst oder auch mit Übersetzungssoftware automatisch übersetzt. Deshalb sind sowohl die Orthographie als auch die Grammatik häufig fehlerhaft.
  • Der Inhalt: Die Versprechungen der Job-Mails preisen gutbezahlte Stellen (oft in namhaften oder auch anonymen Firmen) an, für die man wenig arbeiten muss. Das Gehalt sei hoch, die Arbeitszeit niedrig und der Arbeitsplatz auch gerne das heimische Wohnzimmer. Diese Aussichten sind gerade in der aktuell wirtschaftlich schwierigen Zeit ein effektives Lockmittel.

G-Data-Expertin: Nutzer machen sich strafbar

«Die angebotenen Jobs», sagt Berkenkopf, «dienen oft der Geldwäsche oder der Weitergabe von illegal erworbenen Waren: Häufig ist die Benutzung eines Privatkontos eines der Hauptkriterien in der Jobbeschreibung. Geht man auf die Angebote der Lockvögel ein und partizipiert, macht man sich jedoch der Geldwäsche respektive der Hehlerei schuldig».

Oft sei diese Masche auch Teil einer so genannten «419-Scam»-Attacke. Unter diesem Begriff, auch Nigeria-Spam genannt, versteht man Vorschussbetrug-Mails. Dem Empfänger der Mail wird weisgemacht, dass er aus den unterschiedlichsten Gründen eine grössere Summe Geld erhalten soll, dafür aber zunächst etwas an die Lockvögel zahlen muss. Oft sollen Geldbeträge zum Beispiel auf ein Western-Union-Konto ins Ausland überwiesen werden. Dann kommen zusätzliche Kosten, etwa für Anwälte oder Behördengänge. Das Geld, das vom Opfer (häufig in mehreren Schritten) überwiesen wird, ist allerdings unwiederbringlich weg, die versprochene Geldsumme wird natürlich nie ausgezahlt.

Anhänge machen Mails noch problematischer

Die falschen Job-Angebote bergen eine weitere Gefahr: Schadcode. «Manchmal werden diese Mails mit Anhängen verschickt, die den Rechner nach dem Öffnen etwa mit Würmern infizieren und so für eine Weiterverbreitung der Job-Spam-Mails sorgen», warnt die Sicherheitsexpertin.

Berthold Metz sammelt und analysiert Spams. Er bittet die Nutzer explizit, die Adressen stephan@spamschlucker.org und bm@schweinischer-bote.de auf Webseiten und Blogs zu verbreiten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.10.2010, 14:58 Uhr

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