iPhone entlarvt Lebensmittelindustrie
Von Anatol Heib. Aktualisiert am 15.02.2010
Verzichtet nach den Produktinformationen inzwischen auf Fertigsuppe: Roman Bleichenbacher von Codecheck.
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Geld von Stiftungen
Der Verein Codecheck finanziert sich durch Geld von Stiftungen und Spenden von Nutzern. Läden und Online-Shops können sich bei den Produktseiten verlinken und zahlen für diesen Mehrwert. Für den Scanvorgang bei der iPhone-App haben sich die Macher den «Red Laser» lizenziert. Läuft bei Apples Prüfverfahren alles nach Plan, erscheint «Codecheck» im März im App Store – kostenlos. Zu einem späteren Zeitpunkt ist auch eine Version für Android-Smartphones geplant. Wie bisher kann man mit jedem internetfähigen Mobiltelefon auch auf die Seite codecheck.mobi zugreifen, erhält aber weniger Informationen als bei der iPhone-Applikation.
Wie viel vom Tagesbedarf an Fett steckt in der Tiefkühl-Lasagne? Welcher Inhaltsstoff verbirgt sich hinter dem Code E220? Welcher Inhaltsstoff befindet sich im Duschgel? Antworten auf diese und viele weitere Fragen rund um Lebensmittel und Kosmetikartikel beantwortet ab März die App Codecheck (siehe Infobox). Mit ihr können Nutzer den Strichcode einscannen. Über diese Balkenmuster ist jedes Produkt eindeutig identifiziert.
Die App entwickelt hat der Schweizer Verein Codecheck, der auf Codecheck.info seit einigen Jahren eine Produktdatenbank anbietet. Diese listet inzwischen mehr als 53’000 Konsumartikel, die man in der Schweiz kaufen kann. Täglich kommen etwa 100 neue hinzu. Die iPhone-Applikation greift bei jeder Abfrage auf diese Online-Datenbank zu. «Wir wollen Konsumenten den Kaufentscheid erleichtern. Viele haben keine Zeit und Lust, sich genau über ihre täglichen Einkäufe zu informieren», sagt Codecheck-Geschäftsführer Roman Bleichenbacher.
Alarmstufe rot beim Schoggi-Joghurt
Bei unserem Test in Zürich scannten wir mit der iPhone-Kamera in der Migros-Filiale am Stadtzürcher Limmatplatz den Strichcode verschiedener Artikel ein (siehe Bildstrecke). Alternativ kann man auch einfach die Zahlen eintippen.
Der Scanvorgang funktioniert mit dem 3G gut, aber etwas träge. Bei den 3GS-Modellen, die mit einem Autofokus ausgestattet sind, geht es wesentlich flotter. Wird das Produkt erkannt, erhält man Informationen zu Nährwert, Labels, Gütesiegel oder Inhaltsstoffen, die Allergien auslösen können. Eine sogenannte Nährwertampel (grün steht für problemlos, rot für bedenklich), die auf Richtwerten der britischen Lebensmittelbehörde basiert, stuft die Esswaren ein.
Stark bei Kosmetikartikeln
Bei der Tiefkühl-Lasagne erscheint beispielsweise die Gefahrenstufe gelb: 100 Gramm enthalten 4,5 Gramm Fett. Beim Schoggi-Joghurt macht die App auf den hohen Zuckergehalt (17 Gramm) aufmerksam. Praktischer als die Informationen in 100-Gramm-Einheiten (wie sie auf den Packungen angegeben sind), wären allerdings die Angaben, wie viel das Produkt total enthält. In einer späteren App-Version soll dies ebenso möglich sein wie die Berechnung des Tagesbedarfs. Auch zu Kosmetikartikeln erhält man umfangreiche Informationen. So liest man zum Beispiel, dass die Handcrème, die wir gekauft haben, Paraffin enthält, das allergische Reaktionen auslösen kann. Bereits heute würden auf der Codecheck-Website kosmetische Produkte am häufigsten abgefragt, weil hier der Bedarf an Hintergrundinformationen am grössten sei, so Bleichenbacher.
Praktisch: Wer will, kann mit der Codecheck-App jederzeit auch einfach in den Produktekategorien stöbern oder sich alle Kosmetikartikel eines bestimmten Herstellers anzeigen lassen.
Wikipedia der Lebensmittel
Das Prinzip der Codecheck-Website, auf dessen Datenbank die iPhone-App zugreift, funktioniert wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Jeder kann Daten zu Lebensmitteln und Kosmetikartikeln erfassen, ergänzen oder einfach ändern. «Das Projekt lebt stark von der aktiven Community, die täglich neue Produkte erfasst», sagt Bleichenbacher. Das Codecheck-Team bindet dann an die Basisinformationen, die man auf jeder Packung findet, Produktinformationen von Experten und Gesundheits- und Konsumentenorganisationen an.
Aus Neugier durch Wohnung geschlendert
Bleichenbacher glaubt, dass die Konsumenten die App nicht unbedingt direkt beim Einkauf nutzen, sondern eher danach, wie das bereits heute mit der Website der Fall ist. «Wir hören immer wieder von Konsumenten, die einfach mal aus Neugier durch den Haushalt wandern und alle Produkte abfragen.» Er selber erfasst ebenfalls ab und zu Nahrungsmittel und war kürzlich überrascht, «wie viel Zucker eine Flasche Ketchup enthielt», so Bleichenbacher.
Und er hat durch die Informationen auf Produkten, die er bisher regelmässig gekauft hat, auf diese verzichtet. «Seit ich gesehen habe, welche Inhaltsstoffe in meiner Fertigsuppe enthalten sind und wie viel Zucker mein Müsli enthält, habe ich mich für andere Produkte entschieden.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 15.02.2010, 11:12 Uhr



