Auf der Suche nach dem Fair-Trade-Handy

Die Berichte über mögliche Kinderarbeit bei Samsung zeigen erneut, wie schlecht die Arbeitsbedingungen bei den Zulieferfirmen der Elektronikriesen sind. Ein Fair-Trade-Handy existiert nicht. Noch nicht.

So könnte es aussehen: Designentwurf für das Fairphone.

So könnte es aussehen: Designentwurf für das Fairphone. Bild: fairphone/waag society

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Vor zwei Jahren, gerade als die Smartphone-Welle mit dem iPhone 4 einen neuen Höchststand erreichte, kamen Berichte über eine unheimliche Selbstmordserie beim Apple-Zulieferer Foxconn an die Öffentlichkeit: Innerhalb weniger Monate hatten sich mehrere Mitarbeiter vom Dach des Produktionsgebäudes in den Tod gestürzt. Die Vorfälle lenkten den Fokus auf die Arbeitsbedingungen bei dem Elektronikriesen: Viel zu lange Arbeitszeiten sowie mangelhafte Sicherheits- und Gesundheitsbedingungen sollen die Regel sein.

Am Montag wurde nun bekannt, dass die amerikanische Organisation China Labour Watch auch gegen den Apple-Konkurrenten Samsung (SMSD 325 0.36%) Vorwürfe erhebt: In dessen Fabriken soll Kinderarbeit weit verbreitet sein. Die teils unter 16 Jahre alten Schüler werden von den Lehrern zur Fabrikarbeit gezwungen, weil sie sonst keine Abschlusszeugnisse erhielten, berichtet das Magazin «Der Spiegel», das sich auf einen Bericht von China Labour Watch bezieht. Die Verträge würden dabei direkt zwischen Schule und Fabrikbetreibern ausgehandelt, die Schulen würden im Gegenzug bezahlt.

Komplexe Produktionskette

«Verstösst Samsung gegen Apples (AAPL 105.22 0.37%) Patent auf das Tyrannisieren von Arbeitern?» nannte die Organisation ihren Bericht – in Anspielung auf den andauernden Patentstreit der beiden Firmen und die Berichte über Foxconn. Doch die beiden sind nicht alleine: Auch die Komponenten für Handys von Nokia, Samsung, Motorola oder Sony Ericsson werden in Eletronik-Sweatshops zusammengeschraubt.

In der äusserst komplexen und globalisierten Produktionskette eines Handys kommen weitere Probleme hinzu, beispielsweise die Rohstoffförderung. Die Telefonbauteile stammen aus gigantischen Minen, in denen häufig gefährliche Arbeitsbedingungen herrschen. Manche der vielen verschiedenen Rohstoffe, welche für die Produktion der Geräte benötigt werden, gelten als Blutmineralien – in Anlehnung an die Blutdiamanten aus Sierra Leone –, weil sie aus Kriegsgebieten im Kongo stammen.

Intransparente Firmenkultur

Die Organisation Enough beispielsweise errechnete, dass bewaffnete Gruppen dort bis zu 225 Millionen Dollar pro Jahr aus dem Mineralienhandel erwirtschafteten. Die Gruppierung Free the Slaves berichtete, dass die Rebellen die Arbeiter mit Waffengewalt dazu zwangen, die Rohstoffe aus den Tiefen der Erde zu holen.

Dass sich im Gadget-Bereich nicht mehr tut in puncto Arbeitsbedingungen bei Zuliefererfirmen hat mehrere Ursachen: Ein Grund ist im Fall von Apple und Samsung die intransparente Firmenkultur. Je weniger die Unternehmen preisgeben, desto weniger lässt sich durch unabhängige Organisationen kontrollieren. Die komplexe Zulieferkette stellt ein weiterer Grund dar. Im Jahr 2010 schrieb Steve Jobs gemäss einem Hintergrundartikel des «San Francisco Chronicle» in einer E-Mail an einen Kunden: «Wir verlangen von all unseren Zulieferern eine schriftliche Zusicherung, dass sie konfliktarme Materialien verwenden. Aber wirklich sicher können sie sich einfach nicht sein. Bis jemand einen Weg finden wird, Mineralien auf ihre Herkunft zu überprüfen, bleibt das ein sehr schwieriges Problem.»

Erstes Fair Trade Handy

Gemäss dem «San Francisco Chronicle» würden sich zudem in puncto Fair Trade schwerwiegende Fragen stellen, die nicht leicht zu beantworten sind: «Was ist wichtiger: Dass die Armen Arbeit haben oder dass kein Geld in die Hände von Warlords fällt?» Wer zurzeit auf der Suche nach einem Fair Trade Handy sei, käme mit leeren Händen nach Hause, resümiert auch das österreichische Elektronikportal Futurezone.

In circa einem Jahr will die Initiative Fairphone (Infobox) trotz aller Schwierigkeiten das erste Fair Trade Handy auf den Markt bringen. Das ist zumindest das Ziel des Niederländers Bas van Abel, der vor zweieinhalb Jahren das Projekt mit fünf Mitarbeitern auf die Beine stellte. «Wir waren ein bisschen naiv», sagt er im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet, «als wir mit dem Projekt begonnen haben». Auf den Reisen in die Ursprungsländer der Rohstoffe sei ihm die Komplexität des Problems bewusst geworden: «Zu behaupten, jedes einzelne Element unseres Handys wäre fair gehandelt, das wäre als ob man sagen würde, man habe die Formel für den Weltfrieden gefunden.» Nebst Verträgen mit Zulieferern, die faire Arbeitsbedingungen sicherstellen sollen, wolle das Unternehmen einen Schwerpunkt auf Transparenz legen und das Gerät so herstellen, dass auch dessen Recycling einfacher wird.

Auch bei den grossen Firmen sei ein Umdenken im Gang, sagt Bas van Abel: «Man kann die Vorgänge zurzeit vergleichen mit der Bekleidungsindustrie in den 80er-Jahren. Damals kam vieles ans Licht, duch den Druck der Konsumenten mussten Firmen wie Nike damals Grundlegendes ändern.»

Apple hat sich verbessert

Tatsächlich scheint Apple auf die Negativ-Publicity reagiert zu haben. Auf dem Firmenranking von Enough beispielsweise kletterte Apple von 13 auf 38 Punkte hoch, was bedeutet, dass das Unternehmen nun 38 Prozent der empfohlenen Schritte unternimmt, um sicherzugehen, dass keine Konfliktmineralien verwendet werden. Seit Januar ist Apple auch Mitglied bei der Fair Labour Association, mit welcher die Firma erstmals die Arbeitsbedingungen bei Foxconn ernsthaft unter die Lupe nahm.

Samsung hat nach den Berichten über Kinderarbeit die Überprüfung von 250 Zulieferfirmen in China angekündigt. Das Unternehmen teilte mit, es werde 105 Betriebe in der Volksrepublik inspizieren, die ausschliesslich für Samsung fertigen. Von 144 weiteren Zulieferern würde man den Nachweis fordern, dass sie sich an die Arbeitsschutzregelungen hielten.

Dass sich diese zaghaften Schrittchen der Eletronikriesen in Richtung fairem Handel weiterentwickeln, kann gemäss Experten nur einer sicherstellen: Der Käufer eines Geräts. «Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz von Regierungen und Unternehmen», schreibt die NGO Enough in ihrem Bericht, «der Antrieb allerdings bleibt die Nachfrage des Konsumenten.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.09.2012, 20:51 Uhr)

Stichworte

Fairphone

Die niederländische Initiative Fairphone sucht zurzeit nach Investoren für die Zusammenarbeit.

Interessierte können sich bei Bas van Abel melden unter bas@fairphone.com.

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