Ein Blick hinter die Mauer des App-Stores

Apples Kontrolleure stellen die Entwickler der Programme fürs iPhone auf die Probe. So sehr, dass einige dem Mobiltelefon des amerikanischen Computerkonzerns nun genervt den Rücken kehren.

Hier fallen die App-Entscheide: Touristin hinter einem Schild der Apple-Zentrale in Cupertino.

Hier fallen die App-Entscheide: Touristin hinter einem Schild der Apple-Zentrale in Cupertino.
Bild: Keystone

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Umstrittene Entscheide

Ein paar Beispiele zeigen, weshalb die Kritik am Gutachtergremium wächst.

- Eine Jesus-App wurde zuerst zugelassen, dann wegen «Anstössigkeit» wieder entfernt.

- Eine E-Reader-Software wurde vorübergehend gestoppt, weil man mit ihr - neben tausenden anderen Inhalten - das Ebook Kamasutra herunterladen konnte.

- In anderen Fällen hat die Kontrolle versagt: So schafften es gefälschte Apps von «Tages-Anzeiger» und «20Minuten» in den Store.

- Durchgeschlüpft ist auch die geschmacklose Babyschüttel-App, die nach Protesten aber schnell wieder entfernt wurde.

- Die Voice-App, ein webbasierter Telefoniedienst von Google, findet man bis heute nicht im App Store. Netzanbieter AT&T soll direkt beim iPhone-Konzern interveniert haben, was Apple in einer Erklärung aber dementierte.

Die Erfolgsgeschichte App Store – mittlerweile sind über 100'000 kleine Zusatzprogramme fürs iPhone erhältlich. An jeder kostenpflichtigen App verdient Apple 30 Prozent. Für die Entwickler, die in den Store drängen, führt kein Weg am Unternehmen vorbei. Inzwischen muss Apple pro Woche bis zu 10'000 Apps nach Programmierung, Design und Inhalt prüfen. Doch das Prüfverfahren gilt als undurchsichtig, kann Wochen dauern und stellt Entwickler immer wieder auf die Probe (siehe Infobox).

Selbst nachträglich kann die App noch aus dem Store fliegen, wie jetzt das Magazin «Stern» erfahren musste. Laut Spiegel.de hat Apple die News-App ohne jede Ankündigung entfernt. Begründung: Die Bildstrecken würden zu freizügige Bilder zeigen. Inzwischen ist die App wieder erhältlich.

Entwickler sagen ade

Es sind solche Entscheide, die Entwickler zusehends ärgern. Joe Hewitt, Programmierer der Facebook-App,und andere Kollegen haben inzwischen wegen «Apples Politik» das Handtuch geworfen, berichtet Techcrunch.com. Er verstehe, dass Apple die Plattform kontrollieren wolle. Trotzdem habe er «Angst davor, dass damit ein Präzedenzfall für andere Software-Plattformen gesetzt werde «und solche Gatekeeper künftig das Leben jedes Entwicklers heimsuchen.»

«Willkür einzelner Tester»

Oliver Wagner erlebt gerade, was Prüfverfahren bei Apple bedeuten kann. Der Geschäftsführer der Social Objects GmbH in Hamburg möchte die App «Mov.io.» fürs iPhone 3GS anbieten. Mit ihr kann man Videos aufnehmen, auf einem Portal für mobile Clips hochladen und einen Tweet bei Twitter veröffentlichen. Die Programmierer mussten die Anwendung für die Apple-Kontrolleure in Cupertino bisher drei Mal nachbessern. «Seit der ersten Einreichung sind schon gut sieben Wochen vergangen», sagt Wagner. Besonders für Unternehmen, in deren Geschäftsmodell das Erscheinen einer iPhone-Applikation eine zentrale Rolle spiele, könne dies zum Problem werden. Ein grose Hürde für den Zutritt in den App Store sei «das spontane Ändern der Spielregeln» von Apple. Bis zum Zeitpunkt der ersten Einreichung sei die App kein Problem gewesen. Da sei es schwierig, ohne grossen Zeit- und Ressourcenverlust zu reagieren.

Positiv überrascht ist er von der Reaktion des Unternehmens: Abends um 23 Uhr erhielt er einen Anruf von einer App-Store-Mitarbeiterin in Cupertino. «Sie sprach recht detailliert über unsere App. Jetzt habe ich zumindest eine direkte Durchwahl und die Möglichkeit, mich zwischendurch über den aktuellen Stand zu erkundigen.» Sonst läuft die Kommunikation meist per E-Mail und eher anonym ab.

«Willkür einzelner Tester»

Man spüre generell «die Willkür einzelner Tester». Manche Apps würden angenommen, allerdings kleine Service-Releases ohne neue Funktionen abgelehnt und dadurch allen möglichen Käufern die Chance auf ein Update genommen. «Viel von der Begeisterung, die wir als intensive Computernutzer dem Unternehmen Apple entgegengebracht haben, nimmt derzeit Schaden. Es wäre schade, wenn dieses wunderbare Gerät durch diese verquere Politik unattraktiv wird.» Noch halte man am iPhone fest. «Wir wünschen uns einen leichteren, schnelleren und transparenteren Prozess», sagt Wagner.

Kunde wechselte zu Android

Ähnliche Erfahrungen mit dem Aufnahmeverfahren haben auch Schweizer Entwickler, beispielsweise die iAgentur, die unter anderem die iApp von «Tages-Anzeiger» entwickelte. Das Unternehmen sollte im Auftrag eines deutschen Autoherstellers eine Applikation entwickeln. Sie hätte den Kunden erlaubt, Daten des Fahrzeugs auf dem iPhone zu visualisieren. Die Programmierer hätten dabei gerne das Ladekabel genutzt, was Apple auch erlaubt. Das Bewilligungsverfahren dafür dauerte laut iAgentur-Projektleiter Martin Schawalder über vier Monate. «Nach vielen Rückfragen und Vertröstungen von Apple hat der Kunde entschieden, auf Android zu wechseln.» Laut Schawalder hat sich inzwischen die Kommunikation verbessert. Zumindest in seinem Fall wird man nun direkt von Apples Europa-Standort in Dublin betreut. «Bisher mussten wir immer mit der Zentrale in Cupertino verhandeln. Das war schon wegen der Zeitverschiebung schwierig.»

Mühe mit Kondom-App

Über drei Monate musste im August die App der Aids-Hilfe Schweiz in der Warteschlaufe zappeln. Der «Kondom Localizr» ist seit Oktober im App Store und listet Kondomautomaten in der nächsten Umgebung. Die Kommunikation empfand man bei der Aids-Hilfe Schweiz damals als «mühsam», sagt Mediensprecherin Bettina Maeschli. Bis auf eine einzige Ausnahme sei keine persönliche Kommunikation zustande gekommen. Für Apple baute man nachträglich eine Altersfreigabe ein und entfernte das Piktogramm, das Strichmännchen beim Sex zeigt. Es wurde durch ein App-Logo ersetzt, das ein verpacktes Kondom zeigt.

Mehr Transparenz

Positivere Erfahrungen hat Netcetera gemacht. Das Schweizer Unternehmen hat «Wemlin» entwickelt, die App zum Zürcher Tram- und Busfahrplan: «Von der Einreichung bis zur Freischaltung vergingen drei Wochen», sagt Stefan Tramm von Netcetera. Beim Prüfprozess könne es zu «Wartezeiten von mehreren Wochen» kommen. Beim Verfahren herrsche inzwischen mehr Transparenz. Man erhalte ständig Statusinformationen, in welcher Phase sich die App bei Apple gerade befinde.

Schnell eine 17+

Bei vielen Applikationen seien die Altersangaben ein Knackpunkt: «Der Entwickler muss sich nach den in den USA geltenden Normen richten. Eine App erhält dort viel schneller ein Rating von 17+», sagt Tramm. Eine solche Einstufung erhalten automatisch auch Apps, über deren Links Minderjährige auf unerwünschte Inhalte gelangen könnte. Durch das Prüfverfahren seien Konsumenten «besser geschützt und können sicher sein, dass die App in Ordnung ist. Bei den täglich Tausenden Programmen, die inzwischen eingereicht werden, kann natürlich auch was durch die Latten gehen. Aber Apple lernt dazu», sagt Tramm.

Apples Marketing-Chef wehrt sich

Apples Marketing-Chef Phil Schiller hat sich jüngst in «Business Week» zum Prüfprozess geäussert. «Wir haben in erster Linie einen Shop aufgebaut, dem die Leute vertrauen können», so Schiller. Apple versuche, beim Zulassungsverfahren flexibler zu werden. Bei den meisten Apps, die in der Kontrolle hängen bleiben, sind laut Schiller meist Programmierfehler schuld, die Anwendung funktioniere nicht wie geplant.

Etwa zehn Prozent der Apps akzeptiere man nicht, weil sie beispielsweise darauf abzielten, Nutzerdaten zu stehlen. Bei weniger als ein Prozent handle es sich um einen Graubereich, weil man damit etwa im Casino betrügen könne. Auch gegen Urheberrechtsverletzungen gehe man vor. Die eingereichten Apps kontrollieren über 40 Vollzeit-Tester, wie der Konzern in einer Stellungnahme im Mai erklärte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 22.02.2010, 12:29 Uhr

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2 KOMMENTARE

Toni Grolimund

25.02.2010, 12:57 Uhr

Wenn ich eine App für zB 20 Fr. herunterlade, möchte ich sicher sein, dass sie auch funktioniert. Genau so wie ich bei einem Rasierer aus dem Elektronikfachhandel sicher sein kann, dass er funktioniert. Die Entwickler haben keinen Grund sich aufzuregen, die sollen anständig programmieren, schliesslich zahlen die Kunden (meistens) dafür.


Rolf Rüeger

02.12.2009, 15:26 Uhr

Pro beauftragter Mitarbeiter bei Apple sind im Tag 50 Applikationen auf alle Kriterien wie Legalität, Sittenwiderigkeit, Ehrverletzung, Betrugsversuche,Funktionstüchtigkeit,Geschäftsinteressen, Programmcodes usw. zu überprüfen. Wer will Schrott auf seinem iPhone? Ich nicht! Darum bewundere ich die Konsequenz, die halt etwas dauert. Wie das Design-so der Inhalt. Nahezu perfekt. Danke.



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