Googles unbekannter Virtual-Reality-Trumpf

Kein Kabelsalat nötig: Das Tango-Tablet zeigt, wie Google die VR-Konkurrenz künftig überflügeln könnte.

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Virtuelle Realität (VR) ist die diesjährige Verkaufshoffnung der Techfirmen. Marktforscher Gartner rechnet mit zwei Millionen abgesetzten Virtual-Reality-Brillen bis Weihnachten. Im Wohnzimmer Einzug halten möchte unter anderem Facebooks Oculus Rift: Die Auslieferung beginnt im März. Konkurrent Vice von HTC und Valve folgen im April. Wie es mit der Playstation VR aussieht, dürfte sich in zwei Wochen zeigen – Sony will an der GDC in San Francisco mehr verraten. Gleichzeitig läuft bei den Einsteiger-Headsets für Smartphones die Ausmarchung: Platzhirsch ist vorerst Samsungs Gear VR, aber die Konkurrenz wächst, zuletzt mit der diese Woche vorgestellten kleinen und leichten 360 VR von LG.

Angesichts der Hardware-Lawine fragt sich, wohin Googles angekündigte VR-Offensive gehen könnte. In Sachen VR trat Google bislang softwareseitig in Erscheinung: Mit Cardboard hat der Konzern eine VR-Plattform für Android geschaffen. Aber Google-Chef Sundar Pichai versprach an einer Investoren-Fragerunde diesen Monat noch «viel mehr» in Sachen VR 2016. Näheres zu weiterer Hardware gab es bisher noch nicht – erst vage Berichte über eine Brille, die im Gegensatz zur Konkurrenz weder Rechner noch Smartphone braucht, um zu funktionieren.

Indizien für mögliche Hardware-Überraschungen liefert das Projekt Tango: Google hat einen Trumpf in der Hinterhand, der vom Unternehmen kaum beworben wird und entsprechend wenig bekannt ist. Das Tango-Tablet ist zwar käuflich erhältlich, aber nur für Entwickler gedacht. Seine Technologie wäre prädestiniert für den Einsatz in VR-Geräten.

Gefesselt ans Wohnzimmer

Damit VR funktioniert, muss sich der Nutzer bewegen können und das Gerät diese Bewegung korrekt in der virtuellen Realität abbilden. Für die aktuelle Generation an Gadgets ist das eine der grössten Herausforderungen. Headsets wie die Vive oder Oculus Rift nutzen unter anderem Fotosensoren und Infrarot, um die Position des Nutzers im Raum festzustellen. Smartphone-Brillen wie Samsungs Gear VR setzen dagegen allein auf die Beschleunigungs- und Lagesensoren des jeweiligen Handys. Das Problem: Laut Oculus-Gründer Palmer Luckey fehlt ihnen bisher die Genauigkeit, um Nutzer wirklich präzise im virtuellen Raum wandeln zu lassen. Genauigkeit hat ihren Preis. Die Montage von Zusatzhardware im Raum ist offenbar nichts, worauf High-End-Geräte wie die Oculus Rift verzichten könnten.

Das schränkt ihre Mobilität ein, auch mit einem tragbaren Rechner käme der Nutzer nicht ohne im Raum verteilte Sensoren aus. Nutzer und Hersteller stehen also vor der Wahl, entweder ein schlechteres VR-Erlebnis in Kauf zu nehmen oder einen Sensor-Fuhrpark im Raum zu nutzen.

Schlaue Augen

Die Technologie, die im Tango-Tablet steckt, könnte hier Abhilfe schaffen. Googles Demovideos zeigen, wie. Hier nimmt ein Testnutzer das Tablet mit auf eine Achterbahnfahrt, ein anderer durchläuft ein Gebäude kreuz und quer. In beiden Fällen zeichnet das Tablet seinen Weg durch den Raum auf und beschreibt den Pfad des Nutzers so exakt, dass das Tablet bei der Rückkehr an den Startpunkt auch virtuell zentimetergenau dort anlangt. Den scheinbaren Zaubertrick, immer zu wissen, wo es sich befindet, schafft das Tango-Tablet optisch. Ein Set von Kameras auf der Rückseite macht möglich, dass Tango-Geräte ein 3-D-Bild ihrer Umgebung erstellen und sich darin verorten.

Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig und reichen bis zu Augmented Reality, dem Ergänzen des Hier und Jetzt mit Zusatzinformationen. Ein Beispiel dafür ist Wegfindung in Gebäuden, wo GPS Nutzer üblicherweise im Stich lässt. Dass das schon praxistauglich möglich ist, zeigt ein Projekt von Google und Lenovo. In Barcelona können sich Museumsbesucher seit dieser Woche durch Ausstellungsräume führen lassen. Die auf einem Tango-Tablet installierte App Guidi GO navigiert durch das Museu Nacional d’Art de Catalunya und zeigt Nutzern auf einem Übersichtsplan, in welchem Raum sie sich gerade befinden.

Eine VR-Geheimwaffe?

Dieter Bohn von «The Verge» vermutet, dass Google die Tango-Technologie nicht nur in mobilen Geräten wie einem Tablet einsetzen will, sondern auch in künftigen VR-Brillen. Der Nutzen für ein solches Headset wäre klar: Es fände sich frei von Kabeln und ohne zusätzliche Hardware im Raum zurecht. Die VR-Technologie würde mobiler. Wenn Google seine Tango-Technologie künftig für VR-Geräte nutzbar machen würde – es gäbe dem laufenden Rennen um die interessanteste Plattform noch mal etwas Schub.

Tango-Tablets im Dienst der Kunst lassen sich dieser Tage im Migros-Museum für Gegenwartskunst ausprobieren. Die Installation «Forking at Perfection» ist virtuell und nur via Tango sichtbar. Der «Tages-Anzeiger» besuchte die Ausstellung, in der das Publikum ohne Tablet mit entsprechender App nur einen leeren Saal vorfindet. Besucher durchqueren den Ausstellungsraum und verfolgen dabei auf dem Tablet, was Künstler Ian Cheng an Gegenständen durch den virtuellen Raum wirbeln lässt. Sie zeigt dem herumwandelnden Besucher mithin eines: Wenn VR mobiler wird, droht den darin vertieften Nutzern Kollisionsgefahr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.02.2016, 14:56 Uhr)

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