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Kein Kabelsalat mehr bei Handy-Ladegeräten

Von Jon Mettler. Aktualisiert am 07.03.2009

Die internationale Mobilfunkbranche hat sich auf einen gemeinsamen Standard für Handyladegeräte geeinigt. Sie begründet den Schritt mit Umweltschutz, reagiert damit aber auf steigenden politischen Druck.

Ein Ladegerät trotz verschiedener Marken: Auf 2012 ist ein einheitlicher Standard für Handyladegeräte geplant.

Ein Ladegerät trotz verschiedener Marken: Auf 2012 ist ein einheitlicher Standard für Handyladegeräte geplant. (Bild: Keystone)

Folgende Situation dürfte vielen Handybenutzern bekannt vorkommen: Ausgerechnet am Arbeitsplatz hat der Akku des Mobiltelefons den letzten Funken Strom verbraucht. Das Ladegerät ist nicht in Griffweite, es liegt zu Hause rum. Der Streifzug durch die Büros der Arbeitskollegen fördert zwar zig Ladegeräte zu Tage, doch natürlich ist ausgerechnet das benötigte Teil fürs eigene Handy nicht vorhanden.

Universalgerät ab 2012

Das soll sich nun ändern. Unter der Führung des weltweiten Verbands der Mobilfunkindustrie (GSMA) haben 17 führende Handyhersteller sowie Mobilfunkbetreiber einen gemeinsamen Standard für Handyladegeräte beschlossen. Konkret vereinbarte diese Gruppe, dass bis zum 1. Januar 2012 die Mehrheit aller neu erhältlichen Mobiltelefonmodelle mit einem Universalladegerät-Anschluss (Universal Charging Solution UCS) ausgestattet sein sollen.

Aus technischer Sicht dient ein sogenannter Micro-USB-Anschluss als einheitliche Universalschnittstelle für die Ladegeräte. USB (Universal Serial Bus) kommt bereits bei Computern als einheitliche Schnittstelle zum Einsatz. Die Einigung auf einen gemeinsamen Standard ist aber kein Spaziergang. Wie aus der Industrie zu hören ist, gibt es durchaus Hindernisse – etwa unterschiedliche Batterien und Spannungen bei den Mobiltelefonen.

Die Handyhersteller Nokia und Sony Ericsson, welche den neuen Standard vorantreiben wollen, verweisen auf den Umweltaspekt. Die Branche schätze, dass das neue Ladegerät den Stromverbrauch im Bereitschaftsmodus um die Hälfte verringern werde, sagt Monika Bailer Giuliani, Sprecherin von Sony Ericsson Schweiz. Weiter dürften pro Jahr weltweit über 51000 Tonnen doppelte Ladegeräte wegfallen. «Sony Ericsson wird das erste Mobiltelefon mit dem neuen Ladegerät Anfang 2010 auf den Markt bringen», kündigt Bailer Giuliani an.

Sony Ericsson und Nokia bieten zwar bereits Handys mit Micro-USB-Schnittstelle an. Allerdings braucht es noch einen Adapter, um die gängigen Ladegeräte umzurüsten.

Pilotprojekt

Ob das einheitliche Ladegerät mit dem Mobiltelefon oder separat verkauft werden soll, darüber ist sich die Branche noch nicht einig. Nokia hat dazu ein Pilotprojekt am Laufen: Der finnische Hersteller bietet das iPhone-Konkurrenzmodell N97 im Internet auch ohne Ladegerät an. «Parallel dazu führen wir Kundenumfragen durch, um herauszufinden, ob dieses Angebot der freien Entscheidung auf positive Resonanz stösst», sagt Barbara Fürchtegott von Nokia Schweiz.

Orange geht bereits einen Schritt weiter: «Die Ladegeräte könnten in absehbarer Zukunft separat von den Mobiltelefonen verkauft werden», sagt Thérèse Wenger von der Schweizer Ländergesellschaft. Orange als Mobilfunktochter von France Télécom gehört ebenfalls zur Industriegruppe, welche sich an der Entwicklung des einheitlichen Handyladegeräts beteiligt.

Das plötzliche Interesse am neuen Standard hat nicht nur mit Naturverbundenheit zu tun. EU-Kommissar Günther Verheugen hatte Mitte Februar angedeutet, für die Europäische Union einheitliche Ladegeräte durchsetzen zu wollen. Hintergrund ist die EU-weite Harmonisierung von Produktstandards. Mit ihrer Ankündigung kommt die Mobilfunkbranche der EU nun zuvor. Die Telekomindustrie steht in der EU seit einiger Zeit unter politischem Druck. So will EU-Informationskommissarin Viviane Reding die Roaminggebühren im EU-Raum senken.

Wohlwollen bei Anbietern

Auf Seiten der Schweizer Mobilfunkbetreiber steht man der Lancierung einheitlicher Ladegeräte wohlwollend gegenüber. «Der Kunde hat den Vorteil, dass er für unterschiedliche Handys nur noch ein Ladegerät benötigt. Auch für im selben Haushalt lebende Personen wird das Ladegerät austauschbar», sagt Olaf Schulze, Sprecher des grössten Schweizer Anbieters Swisscom. Doch auch der blaue Riese werde profitieren: «Ein einheitliches Gerät erleichtert die logistische Abwicklung wie die Beratung in unseren Läden», so Schulze.

Einheitliche Ladegeräte böten neue Möglichkeiten bei der Verkaufsgestaltung in den Orange Centers, hält auch Firmensprecherin Wenger fest: «Deshalb sollen in Zukunft über zwei Drittel unserer Mobiltelefonverkäufe mit einem einheitlichen Ladegerät erfolgen.»

Doch warum ist es überhaupt zu verschiedenen Ladegerätetypen gekommen? Die Handyhersteller entwickelten seit Anfang der 1980er-Jahre unabhängig voneinander verschiedene Mobiltelefonplattformen. Diese erforderten unterschiedliche Schnittstellen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.03.2009, 12:13 Uhr

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