Mobile Fantasien

Neue Portale wollen von der boomenden Internetnutzung auf Smartphones profitieren. Haben Projekte wie Watson eine echte Chance? Oder erleben wir den Web-Hype 2.0?

Bild: Ruedi Widmer, Tages-Anzeiger

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Journalistinnen und Journalisten machen schwierige Zeiten durch. Der Print, es ist bekannt, verliert Jahr um Jahr Abonnenten und Inserate, als wärs ein neues Naturgesetz. Online, dies muss zur Kenntnis genommen werden, kann die bitteren Verluste nicht kompensieren. Und die Verlagschefs sagen derzeit eigentlich alle dasselbe: sparen, sparen, sparen.

Verständlich, dass die bevorstehende Lancierung eines neuen Newsportals mit Namen Watson die Branche geradezu elektrisiert, zumal der Aargauer Verleger Peter Wanner 20 Millionen Franken in das Projekt investieren will, das mit schnellen Infos die Digital Natives auf ihren Smartphones erreichen will.

Ein Team von 50 Mitarbeitern, das sich um den Ex-Chefredaktor von «20 Minuten online», Hansi Voigt, schart, soll 2014 den hiesigen Medienmarkt aufmischen. Dabei will Watson den publizistischen Spagat schaffen vom Touchscreen-gerechten Boulevardhäppchen bis zur «hochwertigen Reportage». Auf dieses Kunststück, es ist auch ein ökonomisches, darf man gespannt sein.

Heilsversprechen Buzzfeed

Dem Verlagshaus Ringier ist die Kampfansage aus dem Mittelland Grund genug, seinerseits ein neues Nachrichtenportal zu lancieren: eine Kopie von Buzzfeed, der amerikanischen Nachrichtensite, die mit hübsch verpackten Stoffen stupenden Erfolg auf dem Lesermarkt hat. Angelehnt an die Gratispendlerzeitung «Blick am Abend», soll auch dieses neue Schweizer Portal sein Publikum primär auf dem Mobilkanal finden.

Wieso plötzlich diese Investitionen? Diese neuen Projekte in einer Branche, in der so viel vom Sparen die Rede ist? Brach hier tatsächlich über Nacht eine «Goldgräberstimmung» aus (O-Ton «Medientalk» auf SRF 4)? Oder anders: Sind wir wieder mit überzogenen Businessfantasien konfrontiert, so wie damals, in der Startphase des Onlinejournalismus vor rund zehn Jahren? Erleben wir den Hype 2.0?

Tatsächlich gibt es den «Shift», die Verlagerung der Nutzung vom Desktop zum Smartphone. Die Mobilzugriffe auf Nachrichtensites wie 20minuten.ch, «Blick online» oder Tagesanzeiger.ch machen im Schnitt bereits 50 Prozent der Reichweite aus, Tendenz steigend. Und dennoch: Wie Watson in drei Jahren zu den führenden Newsanbietern vorstossen will, so das erklärte Ziel, also von null Reichweite auf um die 2 Millionen Unique Clients bolzen soll, lassen die Initianten offen. Eine solche Parforce-Performance ist in der Geschichte des deutschsprachigen Internetjournalismus noch nie gelungen – selbst das aus dem so erfolgreichen nationalen Printtitel heraus lancierte «20 Minuten online» (das Portal gehört wie tagesanzeiger.ch zur TA-Media-Gruppe) brauchte dafür fast zehn Jahre. Das sollte sich die Watson-Truppe, zu der auch renommierte Printjournalistinnen und -journalisten gestossen sind, vergegenwärtigen – bei aller Mobileuphorie.

Günstiger sieht es für das Ringierprojekt aus: Der Buzzfeed-Klon wird an «Blick am Abend» angedockt, somit von der Stärke dieser Marke profitieren und wohl über bereits etablierte Ringier-Sites in den Markt gepusht. Auch dieser Plan kann scheitern, er ist aber immerhin plausibel.

Doch angenommen, die neuen Produkte finden allen Widrigkeiten zum Trotz ein Publikum von respektabler Grösse – wie viel Geld ist mit Nachrichtensites überhaupt zu verdienen?

Tatsächlich rechnen die Experten – zum Beispiel die Marktforscher von Media Focus – mit einem Wachstum auf dem Onlinewerbemarkt: Insgesamt um die 20 Prozent sollen es sein bis 2015. Das klingt nicht schlecht. Man muss aber wissen: Mehr als 80 Prozent ihres Umsatzes machen die grossen Schweizer Websites immer noch auf dem Desktop. Die Mini-Inserate auf dem Handyscreen sind noch wenig etabliert, der Mobil-Werbeumsatz aller Schweizer Nachrichtensites beläuft sich 2013 auf kaum mehr als 10 Millionen Franken, grosszügig geschätzt.

Beschränkter Markt

Wie Newcomer Watson, das 20-Millionen-Experiment, in diesem engen Marktsegment und gegen etablierte Konkurrenz in nützlicher Frist die Renditezone erreichen soll, ist für Branchenkenner kaum ersichtlich. Ohnehin geht der Trend zu weitverzweigten Werbenetzwerken, die zu unanständig tiefen Preisen dem Anzeigekunden ein perfektes User-Targeting offerieren.

Auch hier: Die wirtschaftliche Ausgangslage für die geplante bunte Line-Extension der «Blick»-Familie ist günstiger. Ringier will, wie zu vernehmen ist, mit einem kleinen Team starten, mit kaum mehr als einem halben Dutzend Journalisten. So bleiben die Kosten überschaubar, und so sieht auch die Strategie der ersten Buzzfeed-Kopien in Europa aus: der niederländischen Site Upcoming.nl, im Februar 2013 lanciert, oder des deutschen Pendants Upcoming.de, das Ende Oktober online gegangen ist.

Für die holländische Upcoming-Ausgabe arbeiten zehn Personen, drei für die deutsche. Die Macher von Upcoming.nl behaupten, sie hätten nach sechs Monaten eine respektable Reichweite von monatlich einigen Hunderttausend Userinnen und Usern erreicht. Indes: Werbung findet man auf beiden Sites, der holländischen wie der deutschen, derzeit kaum.

Nun gut, womöglich übersieht man als Skeptiker einen entscheidenden Faktor. Vielleicht startet eine der erwähnten Sites mit einem Killer-Feature, das die Konkurrenz wegbläst. Wir sind gespannt.

Dem Schweizer Onlinejournalismus wäre ein Innovationsschub zu wünschen, in einer Zeit, da grosse Player wie Tagesanzeiger.ch oder «NZZ online» sich an Konvergenz und Paywall abmühen, aber kaum noch die Kraft haben für journalistische Neuerungen. Vielleicht ist es das, was man von diesen Risikoprojekten erwarten darf: neue Impulse. Auf eine Goldmine jedoch wird niemand stossen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.11.2013, 08:20 Uhr)

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