Nokia kapituliert vor Apple

Die finnische Handyschmiede kann machen, was sie will: Sie kommt nicht vom Fleck. Auch Partner Microsoft scheint die Talfahrt nicht bremsen zu können. Nokia sucht sein Heil nun in Billig-Smartphones.

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Etwas mehr als ein Jahr ist seit der Bekanntgabe der Zusammenarbeit von Nokia (NOK 7.97 2.44%) mit Microsoft (MSFT 47.98 -1.48%) im Mobilemarkt vergangen. Die ersten Finnland-Smartphones mit dem Betriebssystem Windows Phone wurden Ende Oktober 2011 gezeigt, diese können hierzulande seit zwei Monaten gekauft werden. Andere Hersteller haben schon vorher Geräte mit dem neuen mobilen Microsoft-Betriebssystem herausgebracht.

Das Windows-Phone-Flaggschiff heisst Nokia Lumia 800. Laut Swisscom verkauft es sich ansprechend: «Der Verkauf des Nokia Lumia 800 ist gut angelaufen – das Gerät stösst bei unseren Kunden auf grosses Interesse», sagt Mediensprecher Carsten Roetz.

Auch Mobilezone-Chef Martin Lehmann ist nicht unzufrieden: «Der Marktanteil von Windows-Handys bei Mobilezone hat sich seit dem Launch des Nokia Lumia 800 Mitte Januar deutlich gesteigert.»

Nokia und Microsoft: Das grosse Schweigen

Wer versucht, genauere Zahlen zu erhalten, beisst jedoch auf Granit: Nokia äussert sich gar nicht. «Zu einzelnen Geräten geben wir keine Zahlen raus», heisst es bei der Swisscom. «Wir kommunizieren keine genauen Verkaufszahlen und Marktanteile», bei Nokiapartner Microsoft Schweiz. Etwas präziser fällt die Antwort von Mobilezone aus. Mittlerweile ist laut Martin Lehmann jedes zehnte bei Mobilezone verkaufte Gerät ein Windows-Handy von Nokia.

Untersuchungen von Marktforschungsunternehmen in den USA sowie von Swisscom veröffentlichte Verkaufszahlen nach Betriebssystemen lassen allerdings vermuten, dass es um die Mobile-Player Microsoft und Nokia nicht allzu gut bestellt ist:

Zum Markt USA

  • Hier dominieren laut einer kürzlich publizierten Untersuchung des Marktforschers Comscore Google (Marktanteil im Januar: 48,6 Prozent) und Apple (29,5 Prozent).
  • Microsoft rangiert mit 4,4 Prozent weit abgeschlagen, selbst der kriselnde Blackberry-Konzern Research in Motion (RIM) erreicht einen über dreimal höheren Anteil (15,2 Prozent). Das Nokia-Betriebssystem Symbian kommt auf 1,5 Prozent.

Zum Weltmarkt

  • Anderswo sieht es nicht besser aus für Microsoft und Nokia: Laut einer Mitte Februar veröffentlichten Untersuchung des Marktforschungsunternehmens Gartner erreichte Microsoft im vierten Quartal 2011 einen weltweiten Marktanteil von 1,9 Prozent. Dies nachdem Redmond im Vergleichsquartal noch auf 3,4 Prozent kam. Nokias Symbian fiel von 32,3 auf 11,7 Prozent.
  • Zum Vergleich: Google (Android) und Apple (iOS) erreichen 50,9 respektive 23,8 Prozent.
  • Mittlerweile hat laut Gartner selbst das Samsung-Betriebssystem Bada (2,1 Prozent) Microsoft im Mobilesegment überholt.

Und der Schweizer Markt? Laut einer Statistik hat die Swisscom, der grösste Providers des Landes, 2011 insgesamt 1,456 Millionen mobile Geräte abgesetzt, 876'000 davon (also 60 Prozent) sind Smartphones. Den Löwenanteil kann Apple verbuchen: Das Mobilfunkunternehmen hat 2011 554'000 iPhones verkauft. Immerhin noch 269'000 von der Swisscom abgesetzte Multimediahandys laufen mit dem Google-Betriebssystem Android. Den restlichen Anbietern bleiben nur Brosamen (53'000 verkaufte Smartphones). Der Trend zeigt weiter nach unten – letztere Kategorie zählte 2010 immerhin noch 157'000 verkaufte Smartphones.

Microsoft gibt sich gelassen

Dennoch gibt sich Microsoft zufrieden: «Windows Phones», sagt Sprecherin Mila Dimic, «werden seit über einem Jahr verkauft – der derzeitige Marktanteil ist vergleichbar mit demjenigen von Android im Startjahr». Microsofts Plus ist tatsächlich, dass - wie eingangs erwähnt - der Erfolg nicht nur von Nokia abhängt. Insgesamt acht Hardwarehersteller bieten Windows Phones an, darunter der taiwanesische Handyriese HTC.

So lange der Konzern aber keine exakten Windows-Phone-7-Zahlen präsentiert, so lange dauern die Spekulationen um die Zukunft der Mobilestrategie des Softwarekonzerns und seines gewichtigen Partners an.

Spekulationen, die Nokia unlängst befeuert hat. In dem als PDF im Internet frei zugänglichen Jahresbericht für die amerikanische Securities and Exchange Commission (SEC) weist der Konzern ausdrücklich darauf hin, wie schwierig es ist, gegen die Android- und iOS-Übermacht anzukämpfen. Nur wenn man sich in diesem «Ökosystem» der Handysoftware behaupten könne, habe die Zusammenarbeit mit Microsoft eine Zukunft.

Zu früh für einen Abgesang

Ist die Kooperation zwischen dem finnischen Handyriesen und dem amerikanischen Softwarekonzern also schon zu Ende, bevor die Unternehmen sich richtig kennen lernen durften? Für einen Abgesang ist es wohl zu früh. Doch es zeichnet sich ab, dass zumindest die High-End-Strategie im Smartphonebusiness nicht aufgeht. Tatsächlich haben Microsoft und Nokia erst Ende Februar am Mobile World Congress in Barcelona angekündigt, die Anstrengungen im Segment der Günstigsmartphones zu verstärken. «Um mit Android konkurrenzieren zu können, muss Nokia günstigere Windows-Geräte lancieren», doppelte Nokia am 7. März auf «Nokia News» nach.

Das heisst aber auch: Die Firmenzentrale im finnischen Espoo sieht Apple bereits enteilt. Dennoch gibt sich Benjamin Lampe, Leiter der Nokia-Unternehmenskommunikation für Deutschland und die Schweiz, zuversichtlich: Im Zuge des Konzernwandels sei Nokia «allgemein schneller geworden», konkret habe es Nokia geschafft, Lumia-Smartphones «in über 30 Märkten und gemeinsam mit über 60 Netzbetreibern erfolgreich vorzustellen». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 13.03.2012, 12:06 Uhr)

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