Nokia macht das Handy zum Bankkonto
Von Roger Zedi, Helsinki. Aktualisiert am 16.11.2009
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Nokias neustes Flaggschiff
Die Mobiltelefon-Hersteller werden immer stärker an ihren Top-Modellen gemessen. Hinzu kommt der Wettkampf um das beste Handy-Betriebssystem und die grösste Auswahl an Softwaretiteln (sogenannten Apps).
Es gehört schon eine ordentliche Portion Gelassenheit dazu, dass Nokia sich von all dem weitgehend unbeeindruckt zeigt und an der eigenen Strategie festhält. Diese umfasst eine sehr breite, diversifizierte Palette von Geräten, vom ganz einfachen Handy bis zum mobilen Computer. Einhergehend damit entwickelt Nokia gleich drei Handy-Betriebssysteme (Serie 40 für die einfachen Geräte, Symbian für Smartphones und das auf Linux basierende Opensource-OS Maemo für Tablet-Computer).
Mit dem N900, das Mitte Dezember in der Schweiz ausgeliefert wird, bringen die Finnen erstmals ein Maemo-Smartphone auf den Markt. «Das N900 kommt eher aus der PC-Ecke», sagt Patrick Mercanton, der die Abteilung für Marketingstrategie bei Nokia leitet. Er meint damit, dass die Vorgänger des N900 keine Telefone waren, sondern die Tablet-Computer N800 und N810.
Nebst dem N97 mini (einer um ein paar Millimeter kleineren Version des N97) wird das N900 als neustes Schlachtross Nokias gehandelt, ein High-End-Gadget für die Freaks.
Allerdings spricht es letztlich auch nur diese an. Wer es in Händen hält, kann die Begeisterung der Nokia-Ingenieure nicht ganz teilen. Es fühlt sich leider nicht sehr hochwertig an, Plastik halt. Die Kombination aus Touchscreen und Tastatur ist zwar gelungen, doch erwartet man von einem «Flagship»-Handy ein durchdachteres, stringenteres Touch-Interface. Nicht nur ist der Bildschirm längst nicht so feinfühlig wie jene bekannterer Konkurrenzprodukte, die Anordnung von Buttons und Menüs erinnert tatsächlich eher an die PC-Welt als an Smartphones - und das ist kein Pluspunkt. Bei den Apps ist die Auswahl trotz Open Source nicht berauschend (das könnte sich zwar noch ändern). Die Begeisterung unter der in Helsinki anwesenden Fachpresse war jedenfalls verhalten. (rcz)
Nokia N900, Touchscreen plus Tastatur, 32 GB Speicher (erweiterbar mit SD-Karten), 5-Megapixel-Kamera, UMTS, W-LAN. 898 Franken, ohne Abo.
Von sich reden machen derzeit andere. Viel zu lesen ist von Android, dem Handy-Betriebssystem von Google, oder Bada, jenem von Samsung, von Palms Versuch, mit dem Pre doch noch mitzumischen, und vom iPhone.
Dennoch: Nokia ist und bleibt im Vergleich mit der aufstrebenden Konkurrenz ein Gigant. Mehr als 1,1 Milliarden Menschen telefonieren mit einem Nokia-Handy, jährlich werden 400 Millionen davon verkauft. Pro Minute werden 10 Millionen Anrufe mit Nokia-Telefonen getätigt und so viele Fotos gemacht, wie Bilder im Louvre hängen. Auf dem Eiffelturm, um noch eine Zahl zu nennen, befinden sich laufend über 500 Nokia-Handys gleichzeitig.
Vergangene Woche hat Nokia in Helsinki der geladenen Weltpresse anstehende Projekte und Zukunftsvisionen präsentiert. Im inoffiziellen Leitmotiv «One size doesn’t fit all» (Nicht allen passt dieselbe Grösse) steckt ein kleiner Seitenhieb auf die Fixierung der Konkurrenz auf die Top-Smartphones. Ihre enorm breite Kundenbasis ist für die Finnen Verpflichtung und Chance zugleich.
Geldtransfer per Handy
Einige der interessantesten Vorhaben von Nokia betreffen Schwellenländer. Das vielversprechendste Projekt dreht sich dabei nicht einmal um Telekommunikation, sondern ist eine Finanzdienstleistung. Es gibt 6,6 Milliarden Menschen auf der Welt und mittlerweile 4 Milliarden GSM-Handys, doch es gibt nur 1 Milliarde Bankkonti (und 1,6 Milliarden Kreditkarten). Da liegt die Idee also nahe, das Mobiltelefon zum Zahlungsmittel zu machen, insbesondere für jene, die kein Bankkonto bekommen. Es existieren auch bereits Lösungen, doch sind diese allesamt jeweils auf eine Bank, ein Land oder einen Telecomanbieter beschränkt.
Nokia will demnächst (wohl 2010, ein genaues Datum kann noch nicht genannt werden) einen mobilen Zahlungsdienst aufziehen, Nokia Money. Damit kann man Geld per Handy ins Ausland schicken sowie Rechnungen oder Onlineeinkäufe bezahlen; es ist eine Art mobiles PayPal, für das man aber keine Kreditkarte benötigt. Abgerechnet wird auch nicht über die Handyrechnung, sondern separat. Nokia Money soll international, bank- sowie telcoübergreifend funktionieren. Und es wird weder auf teure Smartphones beschränkt sein noch auf Nokia-Geräte (irgendein Java-fähiges Telefon reicht). Die Zeiten, in denen einzelne Hersteller Lösungen für ihr geschlossenes System anbieten, sind für die Finnen vorbei.
Marke mit hohem Vertrauen
Dass Nokia bisher nicht als Finanz-Institution auftritt, könnte ein Vorteil sein, da die Endkunden die Marke diesbezüglich unvorbelastet sehen. Ausserdem zählt Nokia weltweit zu den beliebtesten Marken und geniesst hohes Vertrauen, in Indien etwa ist man die Nummer 1, vor Coca-Cola oder Google.
Zudem kann Nokia auf Hunderttausende von Verkaufspunkten weltweit zurück greifen, die sich nach und nach in Nokia Money Points umfunktionieren lassen, wo die Leute Bargeld auf ihr Konto einzahlen und abheben können. Der Finanzdienst wird zuerst in Schwellenländern starten, soll aber mittelfristig auch bei uns angeboten werden. In fünf Jahren, so schätzen Finanzexperten, steigt das globale Volumen mobiler Zahlungen auf 18 Milliarden Euro, wovon 12 Milliarden in Schwellenländern umgesetzt werden. Insgesamt werden heute schon elektronische Zahlungen von 300 Milliarden Euro getätigt.
Etwas weniger konkret sind die Zukunftsvisionen für die Industrieländer. Hier hat Nokia in den letzten Jahren etwas an «Mindshare» verloren, in den Köpfen der hiesigen Kunden ist Nokia nicht mehr so sehr das Synonym für einfache Bedienung, für reibungsfreies Funktionieren oder für bestes Design, wie man es noch vor wenigen Jahren war. Dazu kommen Flops wie die Game-Plattform N-Gage, die vor kurzem endgültig beerdigt wurde, oder der viel zu spät und verhalten gestartete Musik-Dienst Comes with Music (zu dem Nokia lieber keine Zahlen nennen will, was eigentlich alles sagt). Die wirklich inspirierenden High-End-Handys fehlen derzeit. Und auf Software-Ebene ist unklar, ob Nokia trotz seiner Grösse langfristig im Rennen gegen Android und iPhone mithalten kann (siehe Box).
«Cloud» von zentraler Bedeutung
An Ideen für unsere mobile Zukunft hingegen fehlt es keineswegs. Auch dabei setzt Nokia auf ihre breite Kundenbasis sowie auf Offenheit zur Kooperation. Das Erlebnis des Endnutzers wird immer stärker die Summe von Leistungen mehrerer Anbieter sein. Denn eine Karte, auf der man sieht, welche Freunde gerade in der Nähe sind, hat eine höhere Qualität, wenn Nokia diese gemeinsam mit Facebook und dem lokalen Telco generiert, als wenn sie dies alleine versuchte.
Von zentraler Bedeutung wird die sogenannte «Cloud» sein, also Daten und Dienste, die im Netz hinterlegt sind (Messaging, Karten und Navigation, Musik und Apps). In Kombination mit «intelligenteren» Handys (leistungsfähig, erweiterte Sensorik) ergeben sich spannende Szenarien. Nokia-Handys werden demnach aufzeichnen, wo wir sind, wen wir wo treffen (anhand derer Telefone), wie es dort aussieht, was für Geräusche im Hintergrund zu hören sind, wie die Raumtemperatur oder Luftqualität war. Anhand solcher Daten sollen Mobiltelefone künftig Leute wiedererkennen, deren Namen wir vielleicht bereits vergessen haben. Oder uns sagen können, wie diese Tapas-Bar in Madrid hiess, in der man letzten Sommer mit zwei Freunden gegessen hat. Und welcher Song im Hintergrund lief. Nokia-Geräte sollen sich aber auch aktuelle Verkehrsinfos zuspielen, um schneller durch den Grossstadtverkehr zu kommen.
In rund fünf Jahren sollen alle (neuen) Nokia-Handys zu einer globalen Community verschmelzen. Die Dienste der Nokia-Cloud werden selbstverständlich nur auf Wunsch des Nutzers aktiviert, ohne die Erlaubnis der User geht nichts. Doch diese Hemmschwelle, wie man bei Facebook & Co. sieht, sinkt ja laufend. Bis in zwei Jahren möchte Nokia 300 Millionen aktive Cloud-Nutzer gewonnen haben, das wären knapp ein Viertel ihrer Kunden.
Dieser Beitrag entstand mit Unterstützung von Nokia. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.11.2009, 09:52 Uhr


