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«Sollen sie doch das Internet abschalten»

Von Reto Knobel. Aktualisiert am 06.08.2010

Blackberry-Chef Mike Lazaridis geht wegen der Handy-Blockade am Persischen Golf auf Konfrontationskurs. Auch an der Unternehmensfront ist der Ingenieur derzeit sehr aktiv.

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Der schwer angeschlagene Blackberry-Hersteller Research In Motion (RIM) entwickelt sich offenbar zum Übernahmekandidaten.
Bild: Keystone

   

Der Streit

Bei den Blackberrys laufen die Daten anders als bei anderen Herstellern verschlüsselt über eigene Server, was die Nutzer-Überwachung erschwert. Die Aufsichtsbehörde für Telekommunikation in Saudiarabien hatte zu Wochenbeginn angekündigt, dass der Messenger-Dienst der Blackberrys des kanadischen Herstellers Research in Motion (RIM) am Freitag abgeschaltet werde. Zur Begründung hiess es, die auf den rund 700'000 Blackberrys im Land angebotenen Dienste entsprächen nicht den nationalen Bestimmungen. (AFP)

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«Innovationen kennen weder Beschränkungen noch Grenzen»: So lautet das Firmenmotto des vor 26 Jahren in Kanada gegründeten Blackberry-Herstellers Research In Motion (RIM).

Zumindest in den Ländern am Persischen Golf hat der Slogan aber keine Gültigkeit mehr. Saudiarabien etwa blockt seit Freitag den Messenger-Service der Blackberrys. Wie mehrere Nutzer der Nachrichtenagentur AFP bestätigten, können sie den Dienst jetzt tatsächlich nicht mehr nutzen.

Ein Beispiel, das im arabischen Raum Schule zu machen scheint: Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) haben angekündigt, ab Herbst dem Smartphone quasi den Stecker zu ziehen. Bedenken über die verschlüsselte Kommunikation via Blackberry haben zudem die Nachbarländer Kuwait und Bahrain angemeldet.

Nicht nur eine Blackberry-Angelegenheit

Nun schlägt RIM (RIMM 11 2.71%) zurück: In einem Gespräch mit dem «Wall Street Journal» (WSJ) hat Mike Lazaridis, Co-Chef und Mitgründer von RIM, die Behörden der autokratisch regierten Länder scharf kritisiert. Die Aktionen seien nicht primär gegen sein Unternehmen gerichtet, sondern gegen die Freiheit im Internet generell: «Das ist nicht nur eine Blackberry-Angelegenheit. Wenn sie nicht mit dem Internet umgehen können, sollten sie es abschalten.»

Lazaridis dementierte Gerüchte, wonach RIM gewissen Regierungen entgegengekommen sei. Das Unternehmen habe keine entsprechenden Sonderabkommen unterzeichnet. Gerade die hohen Sicherheitsstandards seien das Markenzeichen der Blackberrys, die Verschlüsselungstechnik sei der Hauptgrund für den Erfolg der Firma. Allerdings sei man mit der Regierung von Saudiarabien im Gespräch.

Aufbruch mit «iPhone-Killer»?

Zweifellos: Lazaridis ist ein Mann der klaren Worte. Das musste auch Steve Jobs erfahren. Als dieser im Juli auf einer Konferenz einen Vergleich zwischen Empfangsproblemen des iPhone 4 und angeblichen Problemen des Blackberry Bold gezogen hatte, wurde der Apple-Chef von Lazaridis regelrecht abgekanzelt. «Der Versuch von Apple, RIM in Apples selbst gemachtes Debakel mit hineinzuziehen, ist nicht akzeptabel», schrieb er zusammen mit Co-Chef Jim Balsillie in einer Erklärung. Dann platzierte er einen Seitenhieb gegen Apples Gratisabgabe von Gummiumrandungen für das iPhone 4. Kunden von RIM bräuchten keine zusätzliche Hülle für ihre Blackberrys, «um vernünftigen Empfang zu haben».

Am Dienstag stellte Lazaridis ein neues Blackberry vor – mit Touchscreen, herausschiebbarer Tastatur, Fünf-Megapixel-Kamera mit Blitz, neuem Betriebssystem und neuem Browser. Das Blackberry Torch 9800 kommt am 12. August in den Verkauf und gilt als grosser Hoffnungsträger im Kampf gegen die Konkurrenzprodukte von Apple und Google.

Der Befreiungsschlag ist auch vonnöten. Denn selbst in den USA ist die Blackberry-Vorherrschaft in Gefahr. Laut dem Marktforschungsunternehmen Nielsen waren (im Zeitraum April bis Juni) zwar stattliche 33 Prozent aller in den USA gekauften Smartphones Blackberrys. Insgesamt geht der Marktanteil aber zurück. Auch die Kundenzufriedenheit gibt Anlass zur Sorge: Nur 42 Prozent der Blackberry-Besitzer, so Nielsen, würden sich derzeit wieder für den kanadischen Hersteller entscheiden.

Das Studium geschmissen – zwei Monate vor Abschluss

Marktbeobachter trauen es Mike Lazaridis durchaus zu, die Probleme energisch anzugehen und zu lösen. Denn nichts ist für den in der Türkei als Sohn griechischer Eltern geborenen Wirtschaftsführer wichtiger als wirtschaftlicher Erfolg. Für diesen schmiss er 1984 sogar das Ingenieurstudium – zwei Monate vor dem Abschluss. Mit dem Geld, das er bei General Motors als Konstrukteur von digitalen Anzeigetafeln verdiente, gründete er 1984 Research in Motion.

Mit dem Erfolg des Blackberry wuchs auch sein Vermögen. Der Milliardär Lazaridis konnte es sich leisten, 100 Millionen US-Dollar in ein Forschungsinstitut für theoretische Physik einzuschiessen und 50 Millionen Dollar für die Universität von Waterloo in der Nähe von Toronto zu spenden.

Falls es keine Handys mehr gibt ...

«Mit Handys wird es in einigen Jahren so sein wie mit Faxgeräten: Es gibt sie vielleicht noch, aber wir werden sie nicht mehr brauchen», hat Lazaridis einmal gesagt. Bis dies eintrifft, ist damit zu rechnen, dass er Politgegnern und Wirtschaftskonkurrenten weiter Kopfzerbrechen bereitet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.08.2010, 15:46 Uhr

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