Wenn Daten und Wirklichkeit verschmelzen
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Wenn zwei Wanderer das Alpenpanorama geniessen, enden sie oft beim heiklen Thema, welche Bergspitze welchen Namen trägt. Dank Augmented Reality (AR) können nun auch geografisch Unbewanderte durch die Handykamera blicken und kompetent mitreden. Die Technik verschmilzt Computerdaten und Realität in einer Darstellung.
Ab dem 11. Jahrhundert benutzten die Chinesen eine schwimmende Kompassnadel, die Südweiser genannt wird. Sie ist wohl der Vorläufer von Augmented Reality, also der «mit Daten erweiterten Realität». Denn mit dem Südweiser sah man nicht nur die Landschaft, sondern erhielt auch die Information «Himmelsrichtung».
So funktioniert es
Wer ein modernes Handy besitzt, kann den Nachfolger des Südweisers geniessen. Man startet das Programm «3-D-Kompass» auf einem Mobiltelefon mit Android-Betriebssystem und richtet die Linse der integrierten Kamera auf die Landschaft.
Auf dem Bildschirm sieht man nun einerseits das Panorama, andererseits ins Bild eingeblendet einen Digitalkompass. Am Bildschirmrand wird das Ganze durch einen Strassenkartenausschnitt ergänzt, der sich wie automatisch an die Blickrichtung anpasst.
Noch mehr AR bieten die Handy-Programme Layar und Wikitude oder das für das iPhone kostenlose SwissPeaks. Hier wird das durch die Handykamera betrachtete Bild des Bergpanoramas mit den Namen der sichtbaren Bergspitzen ergänzt. Auch Banausen können so stolz erklären, wo sich Speer oder Hörnli befinden.
Sensoren, Daten und Formeln
Was wie Zauberei aussieht, ist lediglich die Kombination von viel Technik. Das Mobiltelefon ermittelt zuerst seine eigene Position aufgrund des integrierten Satellitenempfängers (GPS). Dann konsultiert es seinen digitalen Kompass, um festzustellen, in welche Richtung der Besitzer blickt.
Schliesslich werden die Neigungssensoren im Handy abgefragt, um die vertikale Blickrichtung gegenüber dem Horizont möglichst gut zu erkennen.
Mit den Informationen «Ich weiss, wo ich stehe und ich weiss, wohin ich blicke» konsultiert das Programm nun entweder eine interne Liste oder fragt gar den riesigen Datenbestand von Google im Internet ab.
Von Bergen bis Bankomaten
Deren Kartendienst «Map» bietet nicht nur umfangreiches Strassenkartenmaterial, sondern enthält auch Millionen von geografischen Einträgen: Namen von Bergspitzen wie auch Standorte von Bankomaten oder Restaurants.
AR-Programme können also nicht nur sichtbare Berggipfel benennen, sondern im Videobild auch Richtung und Distanz zum nächsten Gourmet-Tempel einblenden. Wer gar nachts mit seinem Android-Handy in den Himmel blickt, erkennt dank Sky Map sogar Sternformationen.
Freunde suchen und finden
AR auf dem Mobiltelefon kann Informationen nicht nur einblenden, sondern auch verknüpfen. Wer den Namen der Bergspitze antippt, erhält Informationen, wie er auf dem schnellsten Weg dorthin gelangt.
Wer den eingeblendeten Namen eines Restaurants antippt, erhält dessen Speisekarte oder wird direkt per Telefon verbunden, um einen Tisch zu reservieren.
AR kann auch mobile Objekte einblenden. Wenn Freunde erlauben, dass ihre durch das GPS-Handy ermittelte Position an einen zentralen Dienst wie Lattitude übermittelt wird, kann man auf seinem Handy sehen, wo sie sind. Man findet sich also am Strassenfest wie auch auf der Bergwanderung oder Velotour einfach wieder.
Neue Geschäftsmodelle
AR entwickelt sich inzwischen zum Geschäftsmodell. So verkauft ein Süssgetränke-Hersteller ein Handy, das spezielle - von Jugendlichen als kultig eingestuft - Orte anzeigt. Nur wer dieses Handy besitzt, kann auch die so ergänzte Realität sehen.
Natürlich kümmern sich auch Werbetreibende und Kulturförderer intensiv um AR. Ein Hinweis im Kameradurchblick ist vielleicht bald so wichtig, wie das echte Werbeplakat vor der Türe.
Ferner finden sich auch immer wieder neue Ideen für AR. Forscher tüfteln beispielsweise an Lösungen, in denen im Handy-Bildschirm sichtbare Texte von fremdsprachigen Tafeln automatisch übersetzt werden.
Für Medizin und Spiele
Während Augmented Reality für Handy-Besitzer eine Neuheit ist, hat sie auf anderen Gebieten bereits Tradition. In der Medizin sieht der Chirurg über eine Display-Brille die Leber seines Patienten, die mit einer Aufnahme aus dem Computertomografen überlagert ist.
Ein Bauarbeiter kann dank einer AR-Kamera nicht nur die Strasse, sondern auch gleich den Verlauf der darunter liegenden Kabel und Rohre sehen. Bei Kulturdenkmälern können die Besucher spezielle AR- Sichtgeräte auf Bilder richten und erhalten Zusatzinformationen zum Gesehenen.
Auch in das Kinderzimmer ist AR bereits eingezogen. Eine Kamera filmt die Kinderhand vor einem leeren Blatt Papier. Auf dem Fernseher erscheint eine «kombinierte Darstellung», bei der die Hand mit einem künstlich erzeugten Tier interagiert und dieses streicheln kann.
«Big Brother»-Erlebnis
Eher erschreckend ist dagegen das Handy-Programm Recognizr. Richtet man ein damit ausgerüstetes Handy auf eine unbekannte Person, wird dessen Gesicht erkannt und über eine Datenbank im Internet identifiziert. Im Handy-Display wird dann das Gesicht automatisch mit Namen und E-Mail-Adresse ergänzt. (rek/sda/)
Erstellt: 18.03.2010, 11:18 Uhr



