Wie teuer ist Telefonieren mit dem Handy wirklich?

Gemäss dem Bundesamt für Kommunikation sind die Handytarife in der Schweiz teurer als in anderen Ländern. Die Telekomfirmen widersprechen: Sie zählen sich international zu den günstigen Anbietern.

Andere Statistiken, andere Preise: Handytelefonie in der Schweiz.

Andere Statistiken, andere Preise: Handytelefonie in der Schweiz. Bild: Keystone

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Wenigtelefonierer zahlten 2009 hierzulande 37 Prozent mehr als in der EU, durchschnittliche Nutzer sogar 44 Prozent mehr, schrieb das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) diesen Herbst in einem Bericht an den Bundesrat. Dabei stützte sich die Behörde auf einen Bericht der Europäischen Union, den sie mit Schweizer Daten ergänzte.

Eine andere Sicht haben die Telekomunternehmen: Die Swisscom erklärt auf Anfrage, die Preise der Mobilfunktelefonie in der Schweiz gehörten weltweit zum unteren Mittelfeld. Der Branchenführer verweist dabei auf eine Analyse der OECD, die 2009 mit Daten von 2008 erstellt wurde. Auch Orange stützt sich auf die OECD-Studie: «Der Vergleich zeigt deutlich, dass die Schweiz bei den Mobilfunkkosten klar unter dem Durchschnitt liegt und zum Drittel der günstigsten Länder gezählt werden kann», sagt Orange-Sprecherin Therese Wenger.

Die Berücksichtigung der Kaufkraft

Für ihre Argumentation greifen Swisscom und Orange auf die Preise der Konkurrenz zurück. Denn die OECD hat nicht etwa Durchschnittswerte berechnet, sondern einzig die Tarife von Sunrise mit jenen internationaler Anbieter verglichen. Zum Zeitpunkt der Datenerhebung hatte Sunrise zudem gezielt auf Preisreduktionen gesetzt.

Für die Verwendung der OECD-Zahlen spricht nach Einschätzung der beiden Unternehmen vor allem ein Faktor: Sie berücksichtigen auch die höhere Kaufkraft in der Schweiz. «Dies ist ein Muss», betont Swisscom-Sprecher Carsten Roetz. «Schliesslich sind in der Schweiz die Löhne und Lebenshaltungskosten deutlich höher als im Ausland.»

Systeme zum gleichen Preis

Allerdings gibt es auch Argumente gegen die Berücksichtigung der Kaufkraft beim Tarifvergleich. So sind laut Torsten Gerpott, Professor für Telekommunikationswirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, die Kosten im Telekomsektor nämlich international miteinander vergleichbar. «Ein grosser Teil der Kosten wird durch technische Systeme bestimmt, die auf dem Weltmarkt von allen Netzbetreibern zu ähnlichen Preisen gekauft werden können», sagt Gerpott.

Dieser Meinung sind auch die Konsumentenschützer. «Es ist nicht richtig, dass bei einer Dienstleistung wie der Telekommunikation, die in Land A oder Land B vergleichbare Aufwände hat, gleiche Leistungen zu unterschiedlichen Preisen verkauft werden», sagt Sara Stalder, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz. Sie spricht sich daher für einen Vergleich der effektiven Tarife aus. Und bei einem solchen kommt die Schweiz weniger gut weg, wie eine aktuelle Studie der International Telecommunication Union zeigt.

Angst vor neuer Regulierung

Der Grund, weshalb sich die Mobilfunkanbieter gegen die Betrachtung des Bakom wehren, liegt auf der Hand: Sollten sich die Mobilfunkpreise nämlich als unangemessen hoch erweisen, könnte dies den Bedarf für eine Gesetzesänderung aufzeigen. Und das wäre keineswegs im Interesse der Telekomunternehmen.

Unter den jetzigen Rahmenbedingungen können sie nämlich vieles selbst festsetzen, so beispielsweise die Konditionen für Wiederverkaufsangebote oder die Gebühren, die sich die Firmen gegenseitig für die Durchleitung von Anrufen berechnen.

Oliver Steil, der Chef des dritten Schweizer Mobilfunkanbieters Sunrise, präsentierte unlängst bei einem Branchenanlass denn auch einen eigenen Vergleich, wonach die Schweizer Tarife für SMS und Daten sogar günstig seien und jene für Gespräche auf dem Niveau der Nachbarländer liege. Eine weitere Regulierung brauche es daher nicht, schlussfolgerte er.

(jak/sda)

Erstellt: 27.12.2010, 23:36 Uhr

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