Der neue Wunderstecker hat seine Tücken

Ein Kabel für Daten, Strom, Audio und Video – das ist USB-C. Doch manchmal sorgt es für unerklärliche Pannen. Und er kann sogar Computer zerstören.

Sogar beim Zelten herrscht Kabelsalat: Zwei Teilnehmer des Chaos Communication Camp von 2007 in Berlin.

Sogar beim Zelten herrscht Kabelsalat: Zwei Teilnehmer des Chaos Communication Camp von 2007 in Berlin. Bild: Hannibal Hanschke/Reuters

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Wer nicht erst seit gestern Computer verwendet, der hat irgendwo eine dieser Schachteln oder Schubladen: gefüllt bis obenhin mit Kabeln. Die Altersbestimmung dieser Informatikartefakte ist in der Regel einfach: je älter, desto grösser und klobiger.

Da gibt es Kabel für externe Laufwerke, Modem, Scanner, Bildschirme und das Netzwerk und für Strom – und vermutlich auch die besonders unhandlichen Parallelkabel für die Drucker von damals. Die sind um ein Vielfaches dicker als ein Smartphone von heute.

Die dicken Strippen haben nur noch Museumswert und bestätigen eindrücklich: Die Kommunikation zwischen den Geräten ist über die Jahre sehr viel einfacher geworden. Beim professionellen SCSI-Standard mussten beispielsweise noch manuell Gerätenummern vergeben und Verbindungen mit speziellen Endstücken, den sogenannten Terminatoren geschlossen werden – und Geräte konnten nur bei ausgeschaltetem Rechner an- und abgestöpselt werden.

USB macht alles einfacher

Tempi passati. Der Universal Serial Bus (USB) hat Ende der 1990er-Jahre alles einfacher gemacht. Und jetzt wird mit der dritten Steckergeneration diese Schnittstelle ihrem Namen wirklich gerecht und echt universell. Die Hersteller verwenden USB-C immer häufiger bei Smartphones: Das Pixel von Google, das Huawei Honor 8 und Mate 9, das Moto Z und das Xperia XZ, um nur einige zu nennen. Manche Smartphones, beispielsweise das LG G5, können dank der neuen Schnittstelle sogar an einen passend ausgestatteten Computermonitor angeschlossen werden, um dort ihr Handybild anzuzeigen.

Auch bei Notebooks ist USB-C anzutreffen, bislang vornehmlich bei den teureren Modellen. Bei vielen Mobilcomputern findet man zwecks Brückenschlag zu den älteren Geräten herkömmliche USB-Anschlüsse, zum Beispiel beim Lenovo Yoga 910. Doch es gibt auch Geräte, die einzig Anschlussmöglichkeiten per USB-C anbieten. Nebst dem neuen Macbook Pro ist das auch das HP Spectre. Sie beide sind so schlank, dass für die etwas dickeren klassischen USB-A-Buchsen im Gehäuse kein Platz gewesen wäre.

Rechtfertigungen ...

«Leistungsstärker und vielseitiger», rechtfertigt Apple diesen Entscheid. Denn über den gleichen neuen Stecker lässt sich auch der Thunderbolt-3-Standard betreiben. Das ist ein von Apple und Intel entwickelter Standard, der vor allem im professionellen Bereich zum Einsatz kommt und noch einmal deutlich schneller ist. Bis 40 Gigabit können pro Sekunde übertragen werden. Das sind gut 80-mal so viel wie beim klassischen USB-2.0-Standard, der bei vielen USB-Sticks und Digitalkameras noch zu finden ist.

Der Besitzer eines ganz auf USB-C ausgelegten Computers muss sich für die Nutzung älterer externer Gerätschaften mit Adaptern behelfen. Eine gute Option ist der Satechi Type-C Pass Through, der nicht nur zwei klassische USB-Anschlüsse bereitstellt, sondern auch SD- und Mikro-SD-Speicherkarten liest. Solcherlei «Accessoires» sind lästig, doch Notebookreisende sind sie sich gewöhnt. Für Beamer- oder Netzwerkanschluss hat man auch früher schon allerlei Zwischenstecker mit sich geführt.

... und Gesetzesvorgaben

Und eben: Die Hersteller versprechen, dass USB-C für alle zukünftigen Anforderungen gerüstet ist – zumindest bis zum nächsten Leistungssprung oder bis die Welt ganz drahtlos geworden ist. Die neuen Stecker sind verdrehsicher und können nicht verkehrt eingesteckt werden. Die Kabel transportieren nicht nur Daten, sondern auch Strom in beide Richtungen, und zwar bis zu 100 Watt. Das macht bei Laptops einen separaten Netzanschluss überflüssig, und auch das Smartphone lässt sich ebenfalls mit Strom versorgen. So wird der Forderung des EU-Parlaments nach einer Vereinheitlichung bei den Ladegeräten Rechnung getragen, die bis 2017 umgesetzt sein muss. Auch der Bundesrat hat 2015 die Verordnung entsprechend geändert.

Das klingt alles fast zu schön, um wahr zu sein. Und die Computerzeitschrift «c’t» benennt die Schattenseiten: «Die Funktionsfülle verwirrt potenzielle Nutzer, und die im PC-Markt übliche Mischung aus lückenhaften Spezifikationen, schlechter Dokumentation und mangelhaften Billigprodukten sorgt für Enttäuschungen.»

Verwirrende Funktionsvielfalt

Die Buchsen und Stecker sehen nun zwar einheitlich aus. Doch welche Funktion sie zur Verfügung stellen, hängt weiterhin vom Gerät selbst ab. Es gibt Laptops mit mehreren USB-C-Anschlüssen, die aber nicht alle zum Laden externer Geräte genutzt werden können. Auch die Geschwindigkeit der Datenübertragung variiert, und längst nicht alle Buchsen sind in der Lage, externe Bildschirme mit einer Anzeige zu versorgen oder mit einem USB-C-Kopfhörer benutzt zu werden.

Eine grössere Ansicht der Grafik gibt es hier.

Eigentlich existieren Logos, die die Fähigkeiten jeder Buchse ausweisen könnten (siehe Grafik). Doch sie kommen längst nicht immer zur Anwendung, weswegen «c’t» zur Lektüre des Handbuchs rät.

Nicht nur die Buchsen, sondern auch die Kabel können für Kommunikationspannen verantwortlich sein. Ein günstiges USB-C-Kabel beispielsweise funktioniert mit einem Thunderbolt-3-Gerät wahrscheinlich nicht, und lange Kabel führen zu einer Verminderung der Übertragungsgeschwindigkeit. Doch das ist harmlos im Vergleich zur Tragödie, die Theverge.com bei Amazon aufgespürt hat. Dort hat der Google-Softwareentwickler Benson Leung Rezensionen zu teils gefährlichen Kabeln veröffentlicht: Eines hat in einem Sekundenbruchteil ein Chromebook Pixel zerstört, einen über 1000 Dollar teuren Laptop.

Gefährliche Adapter

Gefährlich sind offenbar vor allem Adapter, mit denen man neue USB-C-Geräte zum Laden am klassischen USB-Port anschliesst. Da der neue Standard es den Geräten erlaubt, viel mehr Strom zu ziehen, kann das Smartphone den Laptop zum «Durchbrennen» bringen und einen beträchtlichen Schaden anrichten.

Um das zu vermeiden, ist es sinnvoll, nicht irgendwelche Billigware zu kaufen, sondern die Adapter und Kabel, die der Hersteller empfiehlt – selbst wenn die empfindlich teurer sind. Ansonsten lohnt es sich, die Rezensionen bei Amazon und anderen Händlern genau zu studieren. Zum Beispiel die von Benson Leung, die auf seinem Google+-Profil zu finden sind. Auch sollte man nur mit Rückgaberecht kaufen.

USB-C ist nicht mehr aufzuhalten, und wer sich heute einen Computer oder ein Smartphone anschafft, sollte das bei seiner Kaufentscheidung in Erwägung ziehen. Eine Frage bleibt: Wird Apple beim iPhone auf den Zug aufspringen, oder dem erst 2012 eingeführten Lightning-Stecker treu bleiben? Unsere Prognose: Es gibt ein Lightning-auf-USB-C-Kabel. Wetten werden angenommen! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.03.2017, 18:44 Uhr

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