Das Zugabteil wird zum Kinosaal

Dieses Jahr soll aus dem ewigen Versprechen Virtual Reality tatsächlich Realität werden. Wir wagen einen Selbstversuch.

Unser Digitalredaktor mit der Virtual-Reality-Brille.

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«Bloss nicht aufstehen!» «Sitzen bleiben!» «Um Himmels willen, setz dich wieder hin!»

Ich war auf alles gefasst, als wir am Wochenende unserem Besuch die Virtual-Reality-Brille von Samsung zeigten. Dass die technikbegeisterten Kolleginnen und Kollegen von der Digital-Redaktion daran Spass haben würden, war klar. Aber dass die Gäste bei uns zu Hause noch mehr Spass haben würden, hätte ich nicht zu träumen gewagt. Kurz vor dem Pensionsalter und wenig Begeisterung für Smartphones ist nun wirklich nicht das Zielpublikum für so eine Brille – oder doch?

Weitläufige Kathedralen, enge Stube

Die Brille machte die Runde, und wer sie weitergeben musste, wollte sie gleich zurück. Nach der ersten Verwunderung über die Begeisterung beschränkte sich meine Rolle darauf, die Gäste daran zu erinnern, dass sie bloss sitzen bleiben sollen. Sicherheitshalber.

So weitläufig die virtuellen Kathedralen, Moscheen und Tempel der Unesco-Weltkulturerbe-Galerie auch sind, unsere Stube ist es nicht. Da wird ein Couchtisch oder ein anderer Gast schnell zur Stolperfalle.

Nach diesem ersten Erfolg war es Zeit, einen Schritt weiterzugehen. Wenn schon bewegungslose Rundumfotos solche Reaktionen auslösen können, wie wird es wohl mit einem Video? Ich wählte Surfen und Tauchen in den Tropen. Die Reaktionen waren wieder dieselben. Erst als ein Gast Jet- und Achterbahn-Videos fand, wurde es einigen dann doch zu viel. Aber die restlichen Gäste hätten wohl noch den ganzen Abend mit der Brille virtuelle Räume erkundet, wenn wir nicht ganz real den Znacht serviert hätten.

Die Pixel im Blick

Ein paar Tage früher hatte ich meine Virtual-Reality-Zweifel über Bord geworfen und mir die Gear VR für 99 Franken gekauft. Ganz so günstig ist das ganze Paket allerdings nicht. Man braucht auch noch ein Samsung-Handy der neusten Generation. Die Brille ist nur ein Gehäuse fürs Smartphone mit speziellen Bedienelementen und Linsen.

Einmal aufgesetzt, war ich beeindruckt. Die Samsung-Brille ist weniger friemelig als das günstigere Google Cardboard und braucht weder Kabel noch Computer, wie die auf Gamer ausgerichteten HTC Vive oder Oculus Rift. Einzig die Auflösung könnte noch besser sein. Man sieht einzelne Pixel. Das war aber auch bei HTCs Vive nicht viel besser (Die Konsole im Gesicht). Perfekt ist das trotzdem nicht, aber wenn der Inhalt spannend, beeindruckend oder einfach schön ist, achtet man nicht mehr drauf.

Hauptproblem Inhalt

Inhalt ist dann auch das Hauptproblem, das die Brille noch hat. Es gibt immer noch nicht sehr viel davon, geschweige denn wirklich guten. Erschwerend kommt hinzu, dass es für die Samsung-Brille noch keine Youtube-App gibt. Wer die vielen Rundumvideos auf Googles Videodienst sehen will, muss den Webbrowser der Brille nutzen. Das geht zwar, ist aber nicht sehr bequem.

Besser noch als Videos gefielen mir Rundumfotos. Auf dem Sofa sitzen und den Sternenhimmel oder Grand Canyon anschauen hat tatsächlich etwas Entspannendes.

Wer Unterhaltung statt Entspannung sucht, findet im Oculus Store auch Spiele. Die Macher des wunderschönen Handyspiels «Monument Valley» haben mit «Land’s End» (8 Franken) ein Rätselspiel speziell für die Brille entwickelt, das an den Computerspielklassiker «Myst» erinnert. Man muss eine abstrakt minimalistische Insel erkunden.

Das ist packend – funktioniert allerdings nicht auf dem Sofa. Da man sich ständig drehen muss, ist ein Bürostuhl ideal. Schon nach wenigen Minuten mit dem Spiel und Kopfhörern auf hatte ich jede Orientierung verloren.

Gesteuert wird «Land’s End» über einen kleinen Punkt in der Mitte des eigenen Blickfelds, den man durch Bewegen des Kopfes an die gewünschte Stelle manövriert. Wer will, kann auch einen Game-Controller per Bluetooth mit der Brille verbinden. Das macht besonders bei komplexeren Spielen Sinn.

Kino auf dem Mond

Nebst Rundumfotos, -videos und -spielen habe ich noch ein weiteres Einsatzfeld der Brille für mich entdeckt: den Kinosaal. Auch normale Filme lassen sich mit der Samsung-Brille betrachten. Die Netflix-App etwa lässt einen glauben, man sitze in einem luxuriösen Wohnzimmer mit einem Riesenfernseher. Darauf kann man sich die Inhalte des Streamingdiensts anschauen.

Wer lieber heruntergeladene Videos schaut, kann diese in einer entsprechenden App betrachten. Dabei kann man wählen, ob die Filme in einem Kino, Wohnzimmer oder auf dem Mond gezeigt werden sollen. Gesellig ist es im Ego-Kino allerdings genauso wenig wie auf dem Mond, und essen und trinken geht, mit der Brille auf, auch nicht.

Ist die Tasche noch da?

Ermutigt von den positiven Erfahrungen von meinen ersten Versuchen und dem Experiment mit unseren Gästen, stieg ich ein paar Tage später in den Zug nach Zürich. Die Brille griffbereit in meiner Tasche. Bereit, auszuprobieren, ob die Brille auch etwas für den Zug ist, wie technikbegeisterte Kollegen behaupten.

Als Digital-Redaktor gehört es dazu, dass man sich beim Ausprobieren von allerhand Neuheiten auch mal ein bisschen zum Aff macht. Trotzdem war es mir dann doch zu peinlich, die Brille im voll besetzten Pendlerzug aufzusetzen.

Auf dem Rückweg im etwas weniger vollen Zug traute ich mich dann aber doch. Es war nicht lustig. Rundum-Inhalte funktionierten schon mal schlecht bis gar nicht. Schliesslich kann man im Zug seinen Kopf nicht ständig drehen. Also stattdessen einen Film gestartet. Das hatte tatsächlich etwas für sich. Besser als der kleine Handybildschirm war die virtuelle Kinoleinwand allemal. Nur geniessen konnte ich den Film nicht.

Optisch und akustisch abgekapselt

In der virtuellen Welt optisch und akustisch abgekapselt, hat man keine Ahnung, was um einen herum passiert. Kommt gleich der Kondukteur? Hat sich jetzt jemand in mein Abteil gesetzt? Ist meine Tasche noch da? Und dann die omnipräsente Frage: Was wohl die anderen Reisenden von mir halten?

Auf langen Zugreisen ohne viele Zwischenstopps mögen diese Hemmschwellen etwas sinken. Aber auf meinem Arbeitsweg kann ich mir nicht vorstellen, dass ich und meine Mitreisenden in den nächsten Jahren hinter solchen Brillen verschwinden. Vielleicht wird es besser, wenn die Brillen automatisch merken, dass der Kondukteur kommt, und einen warnen, wenn jemand die Tasche klauen will. Anders als im Zug kann ich mir die Brille aber deutlich besser im Flieger vorstellen.

Fazit: Soll aus dem ewigen Versprechen Virtual Reality massentaugliche Realität und nicht nur etwas für Gamer werden, müssen die Brillen so einfach funktionieren wie die von Samsung. Keine Kabel, kein verbundener Computer und keine komplizierten Bedienelemente. Es braucht aber noch mehr Inhalte und höhere Auflösung. Trotzdem ist die Gear VR schon heute eine äusserst amüsante Spielerei und ein Vorbote auf das, was in den nächsten Jahren kommen wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.01.2016, 08:59 Uhr)

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