Digital

Die digitale Dekade

Von Windows 2000 bis Android: In den Nuller-Jahren wurde viel gegoogelt, geflickrt und getwittert.

1/20 2000
Playstation 2: Die Konsole dominiert den Konsolenmarkt jahrelang.
Bild: Keystone

   

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Triumph der Ästhetik

Was immer man von den technologischen Entwicklungen der letzten zehn Jahre halten mag, unbestritten ist, dass Technologie heute schöner und «amächeliger» daherkommt als zur Jahrtausendwende. Und das hat nichts mit Mode oder zeitgeistigem Geschmack zu tun. Vielmehr hat sich im Verlauf der Nuller-Jahre der Fokus von rein technoiden Kennzahlen wie Megahertz, Kilobit und Megapixeln weg verschoben. Der eigentliche Fortschritt, von dem wir alle profitieren, liegt darin, dass man heute in einen Laden spazieren kann und sich etwa einen Laptop nach rein ästhetischen Gesichtspunkten aussuchen kann. Schnell genug sind sie alle, Speicherplatz ist in jedem Modell genug vorhanden, alle nötigen Anschlüsse sowieso. Also können wir uns getrost darauf konzentrieren, ein möglichst leichtes, portables Modell mit bequemer Tastatur und knackigem Bildschirm auszusuchen.

Selbst die Frage nach Mac oder PC ist längst zum Anachronismus verkommen. Beide Systeme bieten alles, was der durchschnittliche Nutzer benötigt, und zudem laufen immer mehr Anwendungen direkt im Netz. Somit bleibt es letztlich eine Geschmacksfrage, wofür man sich entscheidet.

Zwar nicht die einzige, aber sicherlich eine der treibendsten Kräfte hinter dem Triumph der Ästhetik ist Apple. Jene Stimmen, die zu Beginn des Jahrzehnts nichts als Hohn und Spott für Mac-User übrig hatten und laufend Apples unmittelbar bevorstehendes Ende prophezeiten, sind längst verstummt. Nicht wenige davon dürften heute einen iPod, ein iPhone oder sogar ein MacBook ihr eigen nennen. Kein anderer Elektronikkonzern hat sich erfolgreicher neu erfunden und hat in neue Bereiche (Unterhaltung, Telefonie) expandiert. Niemandem wird derzeit mehr nachgeeifert als Apple.

In dieser schönen neuen Digitalwelt tun sich selbstverständlich auch neue Problemfelder auf, aber keine technologischen oder ästhetischen. Vielmehr gesellschaftliche und politische. Ist es wirklich vorbei mit unserer Privatsphäre? Wer bestimmt, welche Informationen wir im Netz finden? Und was sind digitale Inhalte uns wert, wofür sind wir bereit zu bezahlen? In diesem Jahrzehnt ist die Technologie schön geworden. Im nächsten stellt sich die Frage, ob wir sie als Gesellschaft zu unserem Vorteil einsetzen.

2000: Das Jahrzehnt beginnt mit einem gigantischen Dämpfer: Nachdem die US-Technologiebörse Nasdaq im März ihren Höhepunkt erreicht hat, platzt die Internetblase der späten 90er-Jahre. Nebst viel Geld geht auch der Glaube an die weltverändernde Kraft des Internets verloren. Microsoft (MSFT 30.495 -0.89%) lanciert Windows 2000 sowie Windows Me. Sony stellt die Playstation 2 vor, welche die Gamebranche jahrelang dominiert. Der «I love you»-Wurm befällt weltweit Millionen von PCs. Der vorerst wenig beachtete Standard RSS 0.92 (Really Simple Syndication) vereinfacht das Publizieren von automatisch aktualisierten Informationen im Stil eines News-Tickers. Sunrise und Diax fusionieren, weshalb die Versteigerung der UMTS-Lizenzen in der Schweiz viel weniger Geld bringt als erwartet. The Blue Window benennt sich um in Bluewin.

2001: Microsoft lanciert Windows XP. Das zuerst als kunterbunt verschrieene «Fisherprice»-Betriebssystem wird sich bis Ende des Jahrzehnts und wohl darüber hinaus hoher Beliebtheit erfreuen. Mit der Xbox macht Microsoft Sonys Playstation erstmals Konkurrenz. Apple (AAPL 493.42 0.05%) stellt Mac OS X vor, ebenso iTunes 1.0 und den damals eher belächelten ersten iPod. Die offene Enzyklopädie Wikipedia startet. Malware bleibt aktuell, primär die Anna-Kurnikowa-, Klez- und Nimda-Würmer.

2002: Microsoft stellt das Windows XP Media Center vor, das keine grossen Wellen wirft, setzt hingegen mit Xbox Live aufs richtige Pferd: Der Online-Gamedienst ist der Konkurrenz um Jahre voraus. Nintendo bringt den bunten Gamecube, der trotz guter Grafikleistung nicht aus dem Kinderzimmer heraus kommt. Apple beerdigt das klassische Mac OS. Für Palm beginnen bewegte Jahre, der PDA-Hersteller spaltet die Software-Abteilung PalmSource ab. Der erste Blackberry kommt auf den Markt. Last.fm geht online. Sony führt den Namen Blueray ein. Gleichzeitig kündigt Toshiba die HD-DVD an, ein lähmender Formatstreit beginnt. In der Schweiz startet MMS, und die ersten Handys mit Kamera und Farbdisplay kommen auf den Markt, darunter auch das erste mit Windows Mobile.

2003: Apple legt mit dem amerikanischen iTunes Store sowie iTunes für Windows den Grundstein für den eigentlichen Durchbruch des iPods. Palm fusioniert mit Handspring, nennt sich PalmOne und bringt das Smartphone Treo. Die Social-Network-Website Myspace startet, vorerst so gut wie unbeachtet. Die IP-Telefonsoftware Skype erscheint. Die Würmer des Jahres heissen SQL-Slammer und Blaster. Spam erreicht als Ärgernis seinen Höhepunkt, danach nimmt die Menge an unerwünschten E-Mails zwar nicht ab, sie lässt sich aber besser ausfiltern.

2004: Mozilla veröffentlicht seinen Opensource-Webbrowser Firefox, die grösste Konkurrenz des Internet-Explorers seit Jahren. Apple bringt den iPod mini, Nintendo die mobile Spielkonsole Nintendo DS. Eine erste Version von Facebook geht ebenso online wie die Foto-Community Flickr. Nikon bringt mit der D70 eine erschwingliche Spiegelreflex-Digitalkamera. Via RSS werden erstmals Podcasts publiziert und Weblogs, kurz Blogs, erreichen den Mainstream (es gibt sie schon seit Ende der 90er). Die populäre Linux-Distribution Ubuntu wird veröffentlicht. Google (GOOG 605.91 -0.91%) geht an die Börse. Die MyDoom- und Sasser-Würmer fluten das Netz. In der Schweiz startet die Swisscom als erste UMTS.

2005: Apple baut seine MP3-Player-Dominanz mit dem iPodnano und dem iPod shuffle weiter aus und kündigt den Umstieg auf Intel-Chips an. iTunes unterstützt fortan Podcasts und startet den Schweizer Music-Store. Microsoft bringt mit der Xbox 360 die erste HD-Spielkonsole, Sony derweil die mobile PSP. Am MIT wird das OLPC-Projekt (One Laptop per Child) vorgestellt. Die Video-Website Youtube startet. PalmOne heisst wieder Palm.

2006: Intel verabschiedet sich vom Chipnamen Pentium und bringt den Core2, Megahertz sind nicht länger das Mass aller Dinge. Nintendo beweist mit der Wii verloren geglaubte Innovationskraft. Sony liefert die Playstation 3 aus, Google kauft Youtube, und der Microblogging-Dienst Twitter startet. In der Schweiz wird Bluewin TV lanciert.

2007: Microsoft handelt sich mit dem verspäteten Windows Vista viel Ärger ein - XP bleibt Trumpf. Apple lanciert das iPhone (in den USA) und den iPod touch. Amazon stellt den E-Book-Reader Kindle vor. Hierzulande startet HDTV mit HD Suisse, ebenso der Terminfindedienst Doodle.

2008: Polaroid gibt auf. Palm, nur noch ein Schatten seiner selbst, beendet die Produktion von PDAs. HD-DVD verliert den Kampf gegen Blueray. Google bringt mit Chrome einen eigenen Webbrowser und HTC mit dem G1 das erste Handy mit Android. Asus macht mit dem EeePC die Netbooks populär. Der Conficker-Wurm treibt sein Unwesen. Das iPhone erreicht die Schweiz.

2009: Microsoft setzt viel Hoffnung in Windows 7, das besser aufgenommen wird als sein Vorgänger. Sony bringt die PSPgo, Google das Chrome OS für Netbooks. Der Siegeszug der Digitalfotografie fordert mit Kodachrome ein weiteres Opfer. In der Schweiz kündigen Orange und Sunrise ihre Fusion an. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2009, 11:31 Uhr

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