Napster war nicht allein schuld am Niedergang der Musikindustrie

Ein neues Sachbuch zeichnet die MP3-Revolution nach und rückt viele Missverständnisse zurecht.

Der Plattenboss: Doug Morris (Mitte), langjähriger Chef von Universal Music wird hier von Julio Iglesias beklatscht.

Der Plattenboss: Doug Morris (Mitte), langjähriger Chef von Universal Music wird hier von Julio Iglesias beklatscht. Bild: Brian Snyder/Reuters

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Stephen Witt ist ein bekennender Schwarzkopierer. Während seiner Collegezeit hat er 1,5 Terabyte Musik illegal heruntergeladen: 15 000 Alben mit anderthalb Jahren Spielzeit.

Woher diese Musik stammt – diese Frage hat den Autor angetrieben. Er machte sich auf die Suche nach den Urhebern und hat während seiner umfangreichen Recherchen eine Feststellung gemacht, die viele von uns überraschen wird, die wir Ende der 90er mit der Napster-Tauschbörse in Berührung gekommen sind. Die getauschten Songs stammen nicht von Musikliebhabern, die über den ganzen Globus verstreut sind. Nein, der weitaus grösste Teil der Titel wurde von einer Handvoll gut organisierter Piraten im Netz freigelassen. Bennie Lydell «Dell» Glover ist einer der Männer, die für die Verbreitung Aberhunderter Alben verantwortlich sind. Glover war in den 90er-Jahren Mitarbeiter im CD-Presswerk von Polygram in North Carolina und hatte CDs oft noch vor ihrer Veröffentlichung aus der Produk­tions­anlage geschmuggelt und über die geheimen Topsite-Server verbreitet.

Stephen Witt stellt mit seinem Buch «How Music Got Free» weitere sicher geglaubte Überzeugungen infrage. So war der Erfolg des MP3-Formats alles andere als gewiss. Im Gegenteil – die Erfindung von Karlheinz Brandenburg und Bernhard Grill war 1995 am Ende. Die wenig erfahrenen Forscher des Fraunhofer-Instituts waren vor der MPEG-Expertengruppe von Philips und vom konkurrenzierenden Format MP2 ausgebootet worden. Erst als Fraunhofers Wiedergabeprogramm WinPlay3 in die Hände der Musikpiraten fiel, fing es an, sich in Windeseile zu verbreiten.

Die Revolution war nicht geplant

In seinem Buch zeichnet Journalist Stephen Witt den Niedergang der Musikindustrie nach und führt die diversen Fäden – MP3, Piraterie, Musiktauschbörsen wie Napster und Kazaa, Torrent-Sites wie Oink’s Pink Palace und Pirate Bay – nach und nach zusammen. Mit Witz und einem feinen Sensorium für die Triebfedern seiner Protagonisten macht Witt begreifbar, dass die MP3-Revolution alles andere als geplant war. Sie hätte genauso gut ausbleiben können, wenn das aufstrebende Internet nicht unabhängige Entwicklungen in einem Punkt hätte kulminieren lassen.

Der Niedergang der Musikindustrie hätte sich jedoch so oder so angebahnt. Der letzte Protagonist im Buch ist ein Plattenboss: Doug Morris, der just zu Beginn des Internetzeitalters Chef von Universal Music geworden war, dem wichtigsten Plattenvertrieb der Welt. Morris hatte sich noch 1998 in einer Studie mit den Risiken für sein Business beschäftigt und diverse Gefahrenherde lokalisiert – «von der Möglichkeit, dass sich der Geschmack der Käufer verändert, bis zum Szenario, dass Bon Jovi zu Sony Music überläuft», wie Witt schreibt. Das Internet wurde mit keinem Wort erwähnt.

Die Hip-Hopper als letzter Nagel im Sarg

Doug Morris hatte das Internet nicht auf dem Schirm und nicht erkannt, dass seine satten Margen bald erodieren würden, weil die Leute nicht mehr gewillt sein würden, Alben als Ganzes zu erwerben. Mit dem iTunes-Store als legale Bezugsquelle konnte man seine Hits ab 2003 auch einzeln kaufen: «Über Jahre hatte die Industrie Songs verkauft, von denen selbst die Urheber zugaben, dass sie nicht besonders gut waren», schreibt Witt. Die albumorientierte Rockmusik ist in den 80er-Jahren mit MTV und dem Walkman untergegangen, und die hit­orientierten Rapper und Hip-Hopper haben diesem Geschäftsmodell endgültig den Garaus gemacht.

Doch obwohl Universal-Chef Doug Morris versuchte, den Niedergang aufzuhalten, indem er unbedarfte Tauschbörsennutzer verklagte, endet Stephen Witts erhellendes Buch versöhnlich: Am Ende seiner Karriere hatte Morris es nämlich verstanden, mit Musikvideos auf der Plattform Vevo ein Vermögen zu scheffeln – obwohl die Videos längst abgeschriebene Marketingvehikel waren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2015, 14:22 Uhr

Wie die Musik entwischte

How Music Got Free. Wie zwei Erfinder, ein Plattenboss und ein Gauner eine ganze Industrie zu Fall brachten. Stephen Wit. Eichborn-Verlag, Frankfurt 2015. 368 S., 29.90 Fr.

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